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Scharfschwerdtstraße 43

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Notizen

Von K.P. am 25. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Kaum wird bekannt, dass in Birkenwerder Unterkünfte für Flüchtlinge und Studenten gebaut werden sollen, zeigt sich bei Facebook die Gemeinschaft der Kalten und Pöbler.

Birkenwerder, kalt

Weiter geht's im üblichen Stil: der Mob stimmt sich gegenseitig hoch, die Lautsprecher bekommen Beifall von der sonst im Alltag ganz biederen Gefolgschaft.

Birkenwerder, kalt 2

Birkenwerder, kalt 3

Eine Wutbürgerin in freier Wildbahn: Unterkünfte für Flüchtlinge sollen gebaut werden und die Folge: ... das Erbe ist in Gefahr, die Sicherheit der Eltern, die Rechtschreibung hat bereits kapituliert »!!!!!!!!!!!!!!!«

Birkenwerder, kalt solo

Bald werden sie sich als besorgte Bürger in Szene setzen, jammern, dass niemand mit ihnen spricht, und, wenn sich jemand findet, der ihre kalte Wut organisiert, auf Abendspaziergängen in Birkenwerder unterwegs sein.

Von K.P. am 23. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Habermas beschreibt, warum Merkels Griechenland-Politik ein Fehler ist, und kritisiert, wie die griechische Regierung sich an einem Politikwechsel versucht.

Einerseits sieht er die demokratische Legitimation, einen Politikwechsel in der Euro-Zone herbeizuführen:

Das griechische Wahlergebnis ist das Votum einer Nation, die sich mit deutlicher Mehrheit gegen das ebenso erniedrigende wie niederdrückende soziale Elend einer dem Land oktroyierten Sparpolitik zur Wehr setzt. An dem Votum selbst gibt es nichts zu deuteln: Die Bevölkerung lehnt die Fortführung einer Politik ab, deren Fehlschlag sie am eigenen Leibe drastisch erfahren hat. Mit dieser demokratischen Legitimation ausgestattet, macht die griechische Regierung den Versuch, einen Politikwechsel in der Euro-Zone herbeizuführen.

Kritisch sieht er, wie der Versuch durchgeführt wird:

Tsipras und Syriza hätten das Reformprogramm einer linken Regierung entwickeln und damit ihre Verhandlungspartner in Brüssel und Berlin "vorführen" können. (...) Die linke Regierung hätte ganz im Sinne des wirtschaftswissenschaftlichen Nobelpreisträgers eine keynesianische Entmischung der Merkel'schen Medizin vornehmen und alle neoliberalen Zumutungen konsequent zurückweisen können; aber gleichzeitig hätte sie ihre Absicht glaubhaft machen müssen, die fällige Modernisierung von Staat und Wirtschaft durchzuführen, einen Lastenausgleich vorzunehmen, Korruption und Steuerflucht zu bekämpfen usw. (...) Stattdessen hat sie sich aufs Moralisieren verlegt - auf ein blame game

Aber vermutlich ist solch ein Moralisieren schlicht und einfach dann notwendige Ideologie, wenn Politik unter Zeitdruck steht und faktisch machtlos ist. Denn natürlich haben "die Griechen" jetzt nicht "verstanden", was die unzweifelbar richtige Politik ist - wie der Kommentator in den Tagesthemen gerade behauptet, sondern sind auf den Boden der tatsächlichen Herrschafts- und Kapitalverhältnisse aufgeschlagen.

Von K.P. am 21. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Gegen die Ästhetisierung der Politik (und des politischen Protestes) hat Heiner Müller den Ort des Schönen in der Kunst verteidigt - gegen das schlechte Bestehende.

Deswegen auch sein klares Verhältnis von Kunst und Politik. Müller sah die Konflikte der Wirklichkeit und war sich der Pflicht bewusst, auf diese einzuwirken, aber er sah es nicht als Aufgabe der Kunst, diese Konflikte schlicht zu bebildern. Kunst befähigt uns, die Urteile über die Wirklichkeit zu korrigieren, in dem wir mit anderen Denkweisen und anderen Wahrnehmungsformen konfrontiert werden. Wenn man Kunst und Politik in eins setzt, vergisst man, dass beide eine unterschiedliche Zeit, einen unterschiedlichen Raum haben, also die Kunst eine eigene Wirklichkeit hat. Wenn man der Kunst keine eigene Wirklichkeit zugesteht, büßt sie all ihre Wirkung auf die Wirklichkeit ein; und damit ihre wirkliche Subversivität. (...) In dem letzten der intensiven Gespräche Müllers mit Alexander Kluge kommt er auf die schöne dialektische Volte, in der Kunst mit Schönheit politische Wirkung erzielen zu wollen. Die Schönheit kommt in der Wirklichkeit immer weniger vor, und deshalb ist sie die größte Provokation. Durchgearbeitete, geformte Schönheit, – nicht gefällige. Sie ist der schmerzhafteste Affront gegen diese Wirklichkeit, die nur Planloses kennt. Sie erfülle so die politische Aufgabe der Kunst, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.


Von K.P. am 16. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Jochen Hörisch (auf den Spuren Walter Benjamins) in einem Interview über wirtschaftswissenschaftlichen Dogmatismus.

Philologie als Kritik: zur Erschütterung falscher Gewissheiten oder vorgeblich eherner Gesetze.

Jedenfalls kenne ich keine andere Wissenschaft neben der Theologie, die so sehr auf Glaubenssätzen und Dogmen beruht wie die Wirtschaftswissenschaft. Und die dann zu allem Überfluss auch noch behauptet, sie operiere streng mathematisch mit durchgerechneten Zahlen, Daten und Fakten. Als Philologe entgegne ich, dass schon die Begriffswelt der Ökonomen wie ein Schwamm getränkt ist mit religiösem Vokabular.

Dazu ein großartiger Aufsatz von Christoph Schulte über den Kult ums Geld und Marktkritik als Sakrileg. Die ökonomische Aufklärung und Entmythologisierung des Geldes bleibe, so zitiert er Hörisch, »hinter dem Stand der religiös-theologischen Aufklärung bemerkenswert weit zurück«. Und, so Schulte:

Immer deutlicher zeige sich, dass das materielle Wertsystem ebenfalls eine Glaubensfrage ist: „dass die Menschen ihre lange Demütigung in der Religion, die ihnen zum Bedürfnis geworden war, der Treue zur Arbeit, zur Ware … übertragen haben“. Da lohnt es vielleicht doch, eher wieder einem aufgeklärten Gottesglauben treu zu sein statt einem heillosen Geldglauben.

Source: „Religion und Ökonomie sind untrennbar“

Von K.P. am 14. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

»Kommission der Tränen«, der Titel seines zuletzt auf Deutsch erschienenen Romans klingt nach einer der für António Lobo Antunes so charakteristischen Metaphern. In diesem Fall aber ist das Bild kein ästhetisches, sondern eine politische Erinnerungsspur.

Sucht man im Internet nach »Kommission der Tränen«, so führt in deutscher Sprache nur das Buch des portugiesischen Autors auf die Spuren der historischen Ereignisse und der politischen Geschichte der angolanischen Befreiungsbewegung.

Denn »Kommission der Tränen« hieß im Volksmund jenes Tribunal, das von der MPLA 1977 installiert wurde, um Gefangene zu verhören, und das nach Auswertung der Aussagen entschied, ob sie dem Militär oder der Polizei übergeben werden sollten, was in beiden Fällen Folter und Tod bedeutete. An die Stelle der Kolonialmacht trat eine neue Schreckensherrschaft, nach dem Terror der PIDE, dem portugiesischen Staatsschutz, kam die Gewalt der MPLA, der marxistisch-leninistischen »Volksbewegung für die Befreiung Angolas.«

Anlass für die Terrorherrschaft hatten regierungskritische Demonstrationen unter der Führung von Nito Alves und José Van Dunen am 27. Mai 1977 gegeben, die sich gegen die maoistische Strömung innerhalb der MPLA wandten. Die unbewaffnete Volksbewegung wurde vom Präsidenten Agostinho Neto zum Staatsstreich erklärt und mit Hilfe der im Land stationierten kubanischen Truppen niedergeschlagen.

Ein gescheitertes Attentat auf den Präsidenten führte mit dazu, dass in den Tagen und Monaten nach dem 27. Mai Oppositionelle aus der MPLA ausgestoßen, verfolgt und gefangen genommen wurden, um von ihnen (nach dem bekannten Ritual der »Selbstkritik«) Geständnisse zu erzwingen.

Verantwortlich für die Massaker war niemand anders als der im Ostblock als großer Humanist verklärte Präsident Agosthino Neto, der 1979 in Moskau verstarb. Die Anschuldigungen gegen Oppositionelle lauteten abwechselnd und wahllos darauf, daß Land an die Sowjets, die Chinesen, die Kubaner, die USA, die südafrikanische Apartheid oder sonstwen ausliefern zu wollen. Quelle: Ein kaum bekanntes stalinistisches Verbrechen der siebziger Jahre.

Verhört wurden vor allem als »Abweichler« (im Jargon der deutschen Linken wäre von »Spaltern« die Rede gewesen) titulierte kritische Intellektuelle, und so saßen den Verhören auch vor allem Miglieder der regierungstreuen Intelligenzija vor. Die Gefangenen wurden ausnahmslos gefoltert, ein Sachverhalt, der nicht nur von den Opfern überliefert, sondern auch von Amnesty International in einem Bericht (Dezember 1981) bestätigt wird.

Aufschluss über die Geschehnisse liefert Dalila Mateus in ihrem Buch »Purga em Angola« (2007), wo sie von 30.000 Toten spricht. Auch ihnen verleiht Lobo Antunes in seinem Roman eine Stimme:

das Mädchen das nicht aufhörte zu singen, während es geschlagen wurde, sie zogen es an einem Haken hoch, ließen es fallen, hörten sein Zahnfleisch auf dem Zement, und es sang mit dem Zahnfleisch, eine Kugel in den Bauch, und es sang, eine Kugel in die Brust, und es sang, sogar ohne Nase und ohne Zunge; sie glaubten es mit einer Pistolenkugel ins Herz zum Schweigen zu bringen

Dass es nicht schweigt, dass der Gesang, dass die Klage nicht verstummt, auch das ist dem (Kunst-)Werk zu verdanken.

Hinweise

Von K.P. am 12. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Wenn man heute, wie Heiner Geißler, nicht dem (neo-)liberalen Dogma folgt, sondern die katholische Soziallehre und mit ihr die soziale Marktwirtschaft als alternative Wirtschaftsform in's Spiel bringt, klingt das revolutionär.

Das ist die ideologische Konsequenz aus einem Vierteljahrhundert kapitalistischer Entfesselung und ideologischer Verblödung.

Das war schon Anfang der 90er Jahre kaum anders, als sozialdemokratische Intellektuelle wie Günter Gaus, damals Herausgeber der linken Wochenzeitschrift »Freitag«, den Eindruck machten, als seien sie ganz nach links gerückt, wobei sie doch nur einigen Grundsätzen sozialdemokratischer Linie treu geblieben waren und sich nicht wie der Mainstream dem Kapital als neuer Religion unterwarfen.

Von K.P. am 04. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Die öffentliche Ausstellung des Schlachtens ist gerade en vogue. Simuliert wird der Einfall des Realen in die Welt kulinarischen Scheins. Das ist Warenfetischismus mit Ökosiegel, nicht Aufklärung.

Ein Moderator erschlägt ein Kaninchen, TV-Köche häuten Tiere vor laufender Kamera, die Zeitschrift "Beef" inszeniert Schweinsköpfe. Das soll ein ehrlicher Umgang mit unserem Fleischkonsum sein - ist aber purer Fetischismus.

(...)

Die mediale Inszenierung des toten Tieres lässt es nur scheinbar in unsere Welt einbrechen - in Wirklichkeit hält die Beef uns das tote Tier auf Abstand, indem sie es wie in einer Vitrine aufbahrt. Die versuchte Heilung vom Fetischismus schlägt fehl. Stattdessen vergrößern die neuen Kochmagazine unsere Distanz zum toten Tier durch ihre Überästhetisierung. Sie hieven den Kadaver auf den Sockel. Die toten Kaninchen bei Sarah Wiener und der Schweinekopf in der Beef kommen den Zuschauern und Lesern aber nicht näher als abgepackte Lyoner. Es ist gerade die Inszenierung, die die Distanz erhöht. Durch den Fernseher lässt sich warmes Blut nicht fühlen, Hochglanz-Magazinseiten haftet nicht der Geruch von Kutteln an. Vom aufklärerischen Gestus einer Sarah Wiener und eines Jamie Oliver bleibt bei näherer Betrachtung nicht viel übrig. Sie erheben das tote Tier nun selbst zum Fetisch. Das spielt der Fleischindustrie in die Hände, denn die will nicht nur sattmachen, sondern auch unser Bedürfnis nach Nostalgie befriedigen. Dass das tote Tier nun als ästhetisiertes Kunstwerk in die Medien Einzug hält, zeigt am Ende: Auch aufgeklärte Esser versuchen das Steak von dem zu trennen, was es vorher war, um es genießen zu können. Das durch die Inszenierung untot gewordene Tier sucht die Kochmagazine heim wie ein Gespenst. Es macht das Steak selbst zu etwas Unheimlichem. Dies ist die Rache des Tieres.

Source: Die Rache des toten Tieres

Von K.P. am 04. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

... aber nicht zu uns. In Oranienburg nämlich positioniert sich die ev. Gemeinde in der Diskussion zum Kirchenasyl mit der Bemerkung:

"Wir sind nicht der bessere Staat"

Ja, bitte, was ist die Kirche dann, wenn nicht zwar Teil der Welt, aber Vorschein des Reiches und besserer, nämlich von Staat und Zwangsgewalt erlöster Sozietät?

Source: Noch vier Wochen geduldet

Von K.P. am 31. Mai 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Manuel Alegre bringt das Leben des Südens (a terra o vinho o sol o mar) gegen die (Ein-)Schnitte und Kürzungen der Schuld in Erinnerung (was mich gerade sehr an Camus erinnert).

Porque me dói ver um país, que é dos países mais velhos da Europa, em declínio, transformado num ‘bairro ocidental’, numa espécie de junta de freguesia da Europa, numa Europa que também deixou de ser um espaço de liberdade para ser uma espécie de prisão que contamina tudo. Isto tem que dar uma volta. (Manuel Alegre)

Eine neue Sprache, die nicht von den Mächten der Schuld diktiert wird: "É tanto uma revolta como uma luta pela reabilitação da linguagem poética numa Europa menos pervertida." (Manuel Alegre)

RESGATE
Há qualquer coisa aqui de que não gostam
da terra das pessoas ou talvez
deles próprios
cortam isto e aquilo e sobretudo
cortam em nós
culpados sem sabermos de quê
transformados em números estatísticas
défices de vida e de sonho
dívida pública dívida
de alma
há qualquer coisa em nós de que não gostam
talvez o riso esse
desperdício.
Trazem palavras de outra língua
e quando falam a boca não tem lábios
trazem sermões e regras e dias sem futuro
nós pecadores do Sul nos confessamos
amamos a terra o vinho o sol o mar
amamos o amor e não pedimos desculpa.
Por isso podem cortar
punir
tirar a música às vogais
recrutar quem os sirva
não podem cortar o Verão
nem o azul que mora
aqui
não podem cortar quem somos.
(Manuel Alegre, ‘Resgate’, in “Bairro Ocidental”. Dom Quixote. 2015)

Pátria minha

Entre nós e amanhã há uma taxa de juro
uma empresa de rating Bruxelas Berlim
entre hoje e o futuro há outra vez um muro

.. patria minha, schreibt er / lese ich ... und: o poema tem de ser o teu país.

Source: Poema inédito de Manuel Alegre

Von K.P. am 27. Mai 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Postdemokratische Verhältnisse auf Kreisklasseniveau funktionieren so: über 20 Kandidaten für das Amt stellen sich vor - und am Ende heißt der neue Landrat im Kreis Oberhavel Weskamp.

Im Koalitionsvertrag der Großen Koalition stehen die Spielregeln, die es zu unerwarteten Mehrheiten auf Grund von Qualifikationsüberraschung durch einen auswärtigen Kandidaten gar nicht erst kommen lassen:

Im Falle des Nichterreichens des Quorums in der Stichwahl zur Landratswahl einigt sich die Koalition unter Berücksichtigung des Stichwahlergebnisses auf eine Kandidatin/einen Kandidaten aus der Koalition. Wenn der neugewählte Landrat/die neugewählte Landrätin aus einer der Parteien der Koalition kommt, werden die Beigeordneten im Wechsel zwischen der anderen Koalitionsfraktion und der Landratsfraktion vorgeschlagen

Von K.P. am 22. Mai 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Wer gestern Kathrin Oertel, das frühere Mitglied des Pegida-Orga-Teams, bei Maybritt Illner gesehen hat, konnte merken, dass es aus ihr herausplatzen möchte. Man müsse gut recherchieren und die wahren Ursachen für die Krise, für Krieg und Flüchtlingsströme erkennen. Die wahren Ursachen ...

Wie die aussehen, hat sie schon im April ausgeplaudert.

Im Laufe des Gesprächs wandte sich Oertel gegen Kritik am Islam und an den Asylsuchenden. Statt diese zu attackieren, sollten die Bürger die wahren Ursachen erkennen und sich diesen annehmen. Was sie für die wahren Ursachen hält, legte Oertel auch gleich in aller Deutlichkeit dar. »Die Zionisten und ihr Finanzsystem« seien der tatsächliche Grund für »Krieg und Vertreibung».

Von K.P. am 10. Mai 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Gesetzt, es gibt eine Krise der repräsentativen Demokratie und immer mehr Menschen fragen sich: wessen Herrschaft, wessen Interessen werden vertreten ... warum nehmen dann in einer im Berliner Speckgürtel gelegenen Brandenburger Provinzgemeinde mit 8000 Einwohnern nicht einmal 50% der Wähler bei Gelegenheit einer Bürgermeisterwahl ihr Wahlrecht wahr?

Die Bürgermeisterwahl war nötig, weil der Amtsinhaber wegen Korruptionsverdacht zurückgetreten war, der Anlass war also außergewöhnlich, in der Presse und der aktiven Bürgerschafts ein intensiv diskutiertes Thema. Übersichtlicher als in Birkenwerder kann die Welt nicht sein. Klar war, welche entscheidenden und die Leute tatsächlich auch hier und da im Alltag betreffenden Themen zur Wahl standen. Auch, dass es um Grundsatzfragen des politischen Klimas geht. Aber trotzdem geht kaum die Häfte der Bürger wählen. Der neue Bürgermeister ist mit gerade 28,39 Prozent aller Stimmen legitimiert. (Die Wahlbeteiligung wird jetzt nur deswegen nicht skandalisiert, weil bei der Stichwahl keine der großen Parteien ihre Kandidaten im Rennen hatte.)

Das Faktum der geringen Wahlbeteiligung sogar im lokalen Kontext (46,6 Prozent) spricht gegen die These, dass sich die Menschen nicht repräsentiert sehen und aus Protest schweigen - sieben Kandidaten standen zur Wahl, mit Ausnahme der äußersten Rechten (AfD, NPD) war ein ziemlich breites (bürgerliches) politisches Spektrum vertreten. Die beiden Kandidaten der Stichwahl waren dazu noch parteilos.

Daraus könnte man zwar den Schluss ziehen, dass 50% der Wähler einem Kandidaten der extremen Rechten (für die es vermutlich ein erhebliches Potential gibt) ihre Stimme geben würden oder dass neben dezidiert rechten auch linke Positionen (der Kandidat der LINKEN war ein GRÜNER) vermisst wurden (wie sinnvoll auch immer linke Positionen bei einer Kommunalwahl bezogen werden können).

Aber viel wahrscheinlicher ist: der von rationalen Interessen geleitete Wähler, der politisch aktive mündige Bürger ist in der verwalteten Welt eine historisch antiquierte Figur. Die Krise der Demokratie liegt also weniger in Repräsentationsdefiziten als in der Unmündigkeit des politischen Subjekts.

Nachtrag

Nach den Wahlen in Bremen lauten die Antworten der Demoskopen wie immer:

  • 67 Prozent der Nichtwähler sagten auf die Frage, warum sie nicht abgestimmt haben: "Politiker verfolgen doch nur ihre eigenen Interessen."   
  • 58 Prozent erklärten: "Derzeit vertritt keine Partei meine Interessen."   
  • 46 Prozent gaben an: "Gehe bewusst nicht zur Wahl, um meine Unzufriedenheit mit der Politik zu zeigen."

Sicher ist allerdings: ohne die vorgelegten Antworten, die ja bereits eine Analyse der Lage verraten, wären die Statements weniger rational ausgefallen. Warum wird nicht einmal gefragt: wussten Sie, dass in Bremen / Birkenwerder am Sonntag gewählt wird?

Von K.P. am 10. Mai 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

1966 hatte Theodor W. Adorno (angesichts der großen Koalition) den Plan, in Anlehnung an Marx’ »Kritik des Gothaer Programms« eine »Kritik des Godesberger Programms« (1959) zu schreiben und die sozialdemokra­tische Versöhnung mit der falschen Gesellschaft ins Visier zu nehmen.

Nur eine "kritische Selbstbesinnung könne der SPD helfen, daß sie nicht in dieser combine sich völlig verschleißt", schreibt er an Horkheimer.

Die Skrupel allerdings, die Adorno von einem kritischen Angriff auf die Sozialdemokratie zurückschrecken lassen, weil dieser Gefahr liefe, im Rahmen theoretischer Argumentation zur Entfesselung destruktiver Kräfte beizutragen, müssen noch heute (wieder angesichts der großen Koalition) jede emanzipatorische (also nicht sozialdemokratische) Politik begleiten:

Wenn man heute die SPD angreift - und darauf müßte, wie man es auch machte, jene Arbeit hinauslaufen - lieferte nur Wasser auf die Mühlen all derer, die an der schwer erschütterten Demokratie rütteln.

Ein Blick auf den radikalen Populismus in Griechenland oder Spanien genügt, um das Gefälle und die manifeste Gewalt dieser Strömung zu fürchten, für die in Deutschland auch Bewegungen stehen, die mehr Demokratie für Menschen fordern, die zu 25 Prozent die (Wieder-)Einführung der Todesstrafe befürworten, zu 15 Prozent glauben, Juden hätten zu viel Einfluss und zur Hälfte vom Holocaust nichts mehr hören möchten.

Daraus kann nur folgen: emanzipatorische Kritik bleibt esoterisch oder aber hat derart radikal sich zu artikulieren, dass der volksdemokratische Konsens von PEGIDA bis PODEMOS den Geschmack an ihr verliert. Max Horkheimer hat dafür die Formel geprägt: "Heute kommt es (…) darauf an, zu retten, was von der persönlichen Freiheit noch übrig ist. Radikal sein heißt heute konservativ sein."

(Mit diesem Konservativismus hat freilich der deutsche nichts zu tun, der inviduelle Reflexion durch die Beschwörung schicksalshafter Alternativlosigkeit ersetzt, die materiellen Bedingungen individueller Freiheit dem freien Spiel des Marktes opfert und im Namen der Sicherheit individuelle Grundrechte kassiert.)

Von K.P. am 08. Mai 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Benfica, das ist, schreibt António Lobo Antunes, der "Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin, und fast alles kenne, die Läden, die Häuser, die Straßen, die kleinen Plätze".

Benfica

"Wir wohnten im Norden der Stadt, wo die Stadt aufhörte", dort, wo "fast unmittelbar hinter dem Haus meiner Großeltern die Felder begannen, Olivenbäume, Schafherden. Wann immer ich konnte, legte ich mich ins Gras und hörte den Vögeln und den, auch wenn kein Wind wehte, in der Sonne glänzenden Blättern zu.".

"Ich habe in Benfica gelebt, einem Vorort im Westen der Stadt. Damals sagten die Leute des Viertels, wenn sie ins Stadtzentrum fuhren: 'Ich fahre nach Lissabon.' Es war ein Viertel armer, bescheidener Leute, obwohl es dort auch ein paar reiche Familien gab. Es gab Leute aus Lissabon, die den Sommer in Benfica verbrachten. Jetzt ist es eine riesige Schlafstadt geworden."

Kartographie

Aufgewachsen ist Lobo Antunes im "Herrschaftsbereich (s)einer Eltern", in der Travessa dos Asneiros stand das Elternhaus, "zwischen der Schusterwerkstatt von Senhor Florindo und dem Kohleladen".

Sein Viertel, das sind die "angrenzenden Bereiche() der Travessa dos Arneiros, Travessa do Vintém das Escolas, Rua Ernesto da Silva, Calçada do Tojal".

In der Calçada do Tojal spielten die Freunde Lafaiete und Jaurés . Auf dem Largo Ernesto da Silva wurde das Fest des Heiligen Antonius gefeiert. Durch die (parallel zur Travessa dos Arneiros verlaufende) "Rua Cláudio Nunes" zogen die "die Bestattungszüge zum Friedhof". Der Freund "Cabecinha wohnte in einem Keller der Travessa do Vintém das Escolas". Die "Travessa do Vintém das Escolas", schreibt Antunes Ende des 20. Jahrhunderts, "ist unverändert".

Posten

Ein "kleine(s) burgartige Stadtor" trennte Benfica von Venda Nova und der Estrada Militar.

"Grenzposten" waren die "Drogerie", der "Krämerladen", die "Konditorei" und die "Kurzwarenhandlung Havaneza".

Außer der "Schusterwerkstatt" ("Senhor Florindo") (Travessa dos Asneiros) unmittelbar "neben dem Haus meiner Eltern", das "Fenster" in Sichtweite, gab es in Benfica den "Kohleladen" (Travessa dos Asneiros), die "Gerberei", das Geschäft von "Senhor Filipe, Geschirr & Glas", den "Herrenschneider in der Calçada do Tojal", die "Adega dos Ossos" und fast gegenüber das Café "Paradies von Benfica", die "Apotheke Marques" (Gattin des Besitzes war eine "üppige Griechin), die "Kirche", den "Friedhof" und die Kneipe "Nachher warte ich hier auf euch" in der Rua Cláudio Nunes, durch die "die Bestattungszüge zum Friedhof" zogen, das "Beerdigungsinstitut" und die "Post" mit der "Palme".

An der Estrada da Benfica die "Villa Ventura" mit "zwei hässliche Jungfern", die Chopin spielten , dann "auf der anderen Seite der Estrada de Benfica" der "Obst und Gemüseladen" ("der Mutter von Nelito") und der "Fotoladen Àguia de Ouro" zwischen dem "Obst und Gemüseladen" und der "Apotheke União" (der Besitzer war "Stockkämpfer").

Dort "wo heute die Gemeindeverwaltung ist" befand sich der "Sitz des Benfica", des "Fußballclub Benfica", in dem auch "Rollschuhhockey" auf der "Rollschuhbahn" in der Avenida Gomes Perreira gespielt wurde.

In der Avenida Gomes Perreira befanden sich die (Grund-)"Schule von Senhor André" und die "Fabrik Simões", eine "Wirkwarenfabrik".

An der Avenida do Uruguai standen früher "nebeneinanderliegende() Villen", "Eingangspforten von Landgütern, Säulen, Felder, Bougainvileen". Dort befanden sich das "Gut", wo António Lobo Antunes "als kleiner Junge das Dienstmädchen zum Milchholen begleitete", und der "kleine() Keller in Benfica", die Buchhandlung (Espaço Ulmeiro, Av. do Uruguai, Nº 13A) von José Antunes Ribeiro, der die Verlage Assírio & Alvim (gegr. 1972) und Ulmeiro (gegr. 1969) "geschaffen" hat.

Natur (Bäume und Vögel)

Es gab "Bäume", "Ulmen" und "Platanen" und die "Bäume des Wäldchen", des "Wäldchen hinter der Escola Normal", und die "Palme bei der Post", dazu einen "Teich unter den Ulmen", und Vögel, "Pfauen" und "Störche".

Leute

"Senhor Jardim" war Besitzer der "Drogerie", "Senhor Madureira" gehörte die "Konditorei", dem "Glatzkopf" der "Krämerladen" und "Senhor Silvinio" die "Kurzwarenhandlung Havaneza".

Die "üppige Griechin" war Gattin des Besitzers der Apotheke Marques, Senhor André der Direktor der Grundschule in der Avenida Gomes Pereira.

Das Volk von Benfica, das waren "Dona Maria Salgado", die mit "Tonfiguren" der Heiligen Familie hausieren ging, "Senhor Paulo", der "mit Bindfäden und Rohstöcken die Flügel der Spatzen richtete", der "Verrückte() mit den Vögeln", der "der Vögelchen verkaufte und an den Ecken mit den Armen wedelte", die "Papageiennase", deren "Tante mit einem Zigeuner auf und davon war", "Brigadier Maia", die "Baskenmütze auf dem Kopf, mit ausladenen Gesten auf die Regierung schimpfend", der "Glöckner", der Besitzer des Beerdigungsinstitutes war, der "Sakristan von Benfica, Senhor José", "Dona Maria José", die "Schmugglerin", der "Blinde" im Schatten der "Palme bei der Post" und "Gevatterinnen in Pantoffeln".

Die "Legion homerischer Alkoholiker" bestand aus Senhor Florindo, dem Schuster mit der Werkstatt neben dem Elternhaus in der Travessa dos Asneiros, der "Schuster von Benfica" der ihn warnte: "Die Welt ist groß, mein Junge", "Senhor Florentino, dem Botenjungen", "Tio João Paço de Arcos, dem Rentner der Carris", "Senhor Carlos, der Vögelchen in kleinen Käfigen verkaufte" und "auf der menschenleeren Straße mit sich selber stritt".

Lafaiete, Jaurés und "Soundso da Costa Cabecinha" waren die Freunde des jungen Lobo Antunes.

Elternhaus

"Wir hatten ein sehr großes Haus mit einem sehr großen Garten.

Das Haus der Eltern wurde von einer "Gartenmauer" umgeben, durch eine "Pforte mit einer Ananas auf jeder Seite" betrat man das Anwesen. Ein "Fenster mit Läden aus Holz, darunter eine kleine Bank aus Kalkstein, der Tisch, dessen Platte ein Mühlstein war". "Steinstufen", auf denen der Autor als junger Mann sitzen konnte.

Im Garten die "Akazie" mit ihrem "dunklen Wipfel" und dem "Schatten der Akazie". Dazu Obstbäume, "Apfelsinenbäume", ein "Zitronenbaum" und ein "Feigenbaum".

Den "Brunnen" hatte die "Mutter (...) zudecken lassen, damit die Kinder nicht hineinfielen". Es gab einen "Hühnerstall", aber auch "Fische im Wasserbecken" und einen "Wasserfall im Garten, bei dem ein Fisch aus Kalkstein Wasser sprudelte".

Im Haus ein "Foto" der "Mutter als junge Frau", "Fotos der toten Großeltern" auf der "Kommode", "Bilder der Toten".

Für die "Brüder" gab es "Kinderzimmer". Die "Mutter las im oberen Stockwerk". Darüber ein "Dachboden".

Zum Haus der Eltern gehörten die "Köchin" und der "Sohn des Hausmeisters".

Landgut der Lobo Antunes

Das "Landgut der Lobo Antunes" wurde später "verkauft".

Ein "Klingelschild an der Tür verkündete stolz Lobo Antunes in eingravierten Großbuchstaben".

"Kiesalleen" führten zum Anwesen, dort ein "Hof", "Steinbänke mit den Azuleijos", "Statuen aus glasiertem Ton" und ein "Kornspeicher". Das Kind schaute auf dem "Landgut nach den Fröschen", ein "Schäferhund" war an einer Kette befestigt, "Hunde in Käfigen" festgebunden. Auf dem Gut befand sich auch das "Haus des Hausmeisters, der sich immer noch um die Bäume und die Blumen meiner Eltern kümmert." Gärtner war "Senhor José".

Im Haus ein "Saal" und ein "Salon" mit Klavier.

Armut

"Und draußen waren die Armen."

Die Armut legt sich in Form konzentrischer Kreise um das große Haus (das gar nicht so groß ist, wie es in der Erinnerung des Autors beschworen wird, Mariá Luisa Blanco sieht das ganz richtig) mit der Gartenmauer.Da sind zunächst - "draußen" - die einfachen Leute aus den Werkstätten und Kellern der Nachbarschaft, aber auch die, die mit keinem Wohnsitz in Verbindung gebracht werden: Tagelöhner, Hausierer, Verrückte, Blinde.

Die armen Leute wohnten in einem "Viertel aus Holzhäusern am Rande von Benfica, in Pedralvas und an der Militärstraße".

Mittwoch, 06. Mai 2015 04:32 (Version 0.0.4)

Von K.P. am 24. April 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Der Absturz der Germanwings 4U9525 ist ein Werk der Hand Gottes, gerechte Strafe für die Sünden der Passagiere.

Dann und wann plaudert ein Fanatiker aus, was evangelikale Christen glauben, natürlich auch in Brandenburg, Oberhavel, Oranienburg und nebenan. Menschen sterben, weil sie schuldig sind. Das ist nicht nur bürgerliche Kälte im fundamentalistischen Gewand, sondern eine Schule des Hasses, deren Zeugnisse gerade von der ISIS ausgestellt werden.


Von K.P. am 14. April 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Jetzt schlägt wieder die Stunde der Illiteraten, der Meinungsstarken, die nie lesen, aber immer wissen, was geht, was nicht.

Und denen hat der Grass ja immer ordentlich Futter gegeben, ein Autor, der wusste, dass man zur systematischen Aufmerksamkeitserzeugung und -erhaltung die nicht lesende Mehrheit regelmäßig mit Skandalen füttern muss. Die Literatur generell lebt ja von denen, die gerne illliterat bleiben und Formfragen für Geschmacksfragen halten.

Wie immer zeigt die Provinzpresse die banale Rückseite der Wirklichkeit ... "Verehrt, aber nur von wenigen gelesen". Oder - und das ist die Rückseite dieses Tatbestandes - wie Karasek im ZDF gerade nüchtern konstatierte: "eine monumentale Jahrhundertfigur der Weltliteratur".

Eine Formel, die den Rang der Kritikers bestätigen soll, der 100 Jahre Weltliteratur mit einem Blick übersieht. Da trifft das maßlose Urteil des Meinungsmachers sich mit dem des sozialdemokratisch engagierten Großschriftstellers, der seine Werke mit hypermoralischer Erregung patriotisch flankierte und deswegen (nicht, weil er nicht in Bitterfeld zu Hause war) in der Kunst des Romans wenig "originär" blieb: "Wir haben Vati und Mutti versprochen, daß wir nicht fernsehn".

Selbstzweifel? Bescheidenheit? Fehlanzeige. Die Rolle des Nachkriegsdeutschen mit dem Zeigefinger behauptete Günter Grass bis zuletzt. Dazu gehörte von Anfang an auch der Part des selbstgerechten Leugners. (Das Salz der Herde)

Von K.P. am 23. März 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Die so genannte Politikverdrossenheit (schon der Terminus behandelt mündige Bürger wie von ihren Affekten beherrschte Kinder) lässt sich vor allem als Verachtung der politischen Form des öffentlichen Diskurses charakterisieren.

Öffentlich im politischen Durchschnittsverständnis heißt für den Bürger: von der Tribüne das Schauspiel der Macht beobachten zu dürfen. Nicht etwa: durch (Gegen-)Rede an der Macht und Entscheidungsprozessen beteiligt zu werden.

Wo Stimmen kaum zu verhindern sind und laut werden könnten, muss die politische Beteiligung deswegen streng geregelt und Rederecht beantragt werden:

Am 30.03.2015 finden die Sondersitzungen, die sich ausschließlich mit dem Gewerbepark Süd beschäftigen, statt. (...) Beide sind öffentliche Sitzungen, die Bürgerinnen und Bürger von Oranienburg können Rederecht beantragen, spätestens 3 Werktage vor dem 30.03.15 bei der Stadt Oranienburg per E-Mail einreichen.

Souverän ist unter demokratischen Verhältnisse, wer das Rederecht gewähren (und wer zum Schweigen bringen) kann. Weil das Rederecht aber kein Gnaden-, sondern ein Grundrecht und Faktum der politischen Anthropologie ist, meiden die Leute heute regelmäßig Situationen, in denen sie bevormundet werden und sich erst melden müssen, um zur Sache sprechen zu dürfen.

Deswegen sind die Plätze vor der Bühne des Politischen häufig unbesetzt. Das politische Schauspiel kann auch am Bildschirm genossen werden.

Und so findet authentisches Sprechen heute in den Räumen der schweigenden Mehrheit statt, nicht in den Ritualen politischer Repräsentation. Das (Vor-)Recht der Entscheidung über das Recht zur Äußerung wird von der schweigenden Masse grundsätzlich nicht mehr anerkannt. Kaum jemand lässt sich noch den Mund verbieten und am Gängelband - das ist, was wir heute gerne Beteiligung nennen - durch den politischen Raum führen.

"Das Schweigen der Massen ist kein Schweigen, es ist ein Schweigen, das verbietet, in seinem Namen zu sprechen." (Jeand Baudrilliard)

Von K.P. am 07. März 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Auf die Idee, mit den nach dem Vorbild der PEGIDA marschierenden Abendspaziergängern in Oranienburg ins Gespräch zu kommen, kann man nur kommen, wenn deren politischer Aktivismus nicht Ernst genommen wird.

So hat das Evangelische Bildungswerk jetzt Oranienburgs Bürgerinnen und Bürger eingeladen

sich über Fragen im Zusammenhang von Flucht und Migration in unserer Stadt und den Ortsteilen auszutauschen.

Ausdrücklich wird diese Einladung an die Abendspaziergänger in Oranienburg adressiert, ja die stereotyp vorgebrachte Formulierung der Sorgen und Bedenken gar als Anlass genannt.

Wir wollen dabei ausdrücklich das Anliegen, das bei den "Abendspaziergängen" vorgebracht wurde - miteinander ins Gespräch zu kommen - aufnehmen.

Die Demonstranten haben allerdings die scheinbar offene Frage, "wie wir uns die Zukunft vorstellen und wie jeder Einzelne dazu beitragen kann, daraus Wirklichkeit werden zu lassen", bereits für sich entschieden. Sie haben keine Sorgen und Bedenken, sondern nur Lust an der zur Schau gestellten Drohung gegen Flüchtlinge, es geht ihnen darum, ein Klima der Angst zu produzieren.

Die Abendspaziergänge werden von bekannten Nazis (mit-)organisiert, die Reden mobilisieren ganz offen völkischen Geist. Wir haben es in Oranienburg mit Faschisten zu tun, die politisch bekämpft und gesellschaftlich isoliert werden müssen. Will man mit ihnen "ins Gespräch" kommen, kann man das nur, wenn man die Idee der Volksgemeinschaft für eine diskussionswürdige Perspektive hält.

Weil diese aber keineswegs originell ist, sondern vielmehr dem faschistischen Mainstram folgt, der von der Dresdener PEGIDA so populär gemacht wurde, lohnen keine neuen Gedanken. Deswegen hier die (von mir um der Verständlichkeit willen) gekürzte Version einer sehr gelungenen Exposition des faschistischen Geistes heute.

Faschismus und Volksgemeinschaft (heute)

Ziel und Mittelpunkt faschistischer Bestrebungen ist immer ein reaktionär-utopisches Vergemeinschaftungsmodell (...) in Gestalt der mythischen (...) Idealisierung eines als organisch-naturwüchsig (...) vorgestellten fiktiven Kollektivs: das "Volk" und die "Volksgemeinschaft".

Dieser mythische Volksbegriff impliziert eine doppelte identitätsbildende Feindbildbestimmung:

[1.] Zum einen die Abgrenzung nach außen, gegen andere "Völker", die mit dem eigenen "Volk" als nicht dazugehörige äußere Feinde in einem Konkurrenzkampf stehen. (...)

[2.] Zum anderen eine zwiefache Abgrenzung nach innen: (...)

[2.1] Nach oben gegen "die Herrschenden", die "Etablierten", die "das Volk" unterdrücken, und

[2.2] nach unten gegen vermeintlich nicht integrationswillige oder "von Natur aus" integrationsunfähige Elemente, die die "Volksgemeinschaft" belasten und ihre Homogenität gefährden.

Die "Volksgemeinschaft" konstituiert sich also über die Ausgrenzung vermeintlich "volksfremder" oder "volksfeindlicher" Elemente von oben und unten, die nicht dazu gehören: einerseits die herrschenden Eliten teils als vom "Volk" losgelöste, egoistische Interessen verfolgende, "entwurzelte" Kaste, teils als fremde, international organisierte Gruppe (wie die "internationale Hochfinanz"), andererseits die Unangepassten und Asozialen teils als degenerierter, "entarteter" Bodensatz der Gesellschaft (z.B. sogenannte "Sozialschmarotzer" oder auch sexuelle Minderheiten), teils als von Außen eingedrungene Fremdkörper (z.B. Migranten).

Dieses "völkische" Vergemeinschaftungskonzept manifestiert sich in der Regel folgerichtig in entsprechenden Grundhaltungen wie Nationalismus, Rassismus, Elitenfeindlichkeit / Populismus, Antisemitismus.

Faschismus wird oft fälschlich reduziert auf Diktatur bzw. autoritäre Herrschaft.

Dieser verkürzte Faschismusbegriff blendet die entscheidende Tatsache völlig aus, daß der Faschismus in allen seinen historischen Erscheinungsformen immer mit einem emanzipatorischen, sozialrevolutionären Anspruch aufgetreten ist. (...)

[Aber:] Individuelle Freiheiten oder pluralistische Demokratiekonzepte haben in dieser Vorstellungswelt keinen Platz. Die faschistische "Volksbefreiung" bzw. "Volksherrschaft" ist totalitär, d.h. sie strebt nach einem Ideal von "Demokratie", das sich in einer Einheit von "Volkswille" und Herrschaft realisieren soll, also letztlich in der totalitären Identität von Staat und Gesellschaft.

Der Faschismus geht über den autoritären (aber eben nicht totalitären) Nationalismus hinaus, indem er ihn mit einem sozialrevolutionären Anspruch verbindet. Sein Emanzipationskonzept zielt aber lediglich auf die Befreiung des "völkischen" Kollektivs von "fremden" Einflüssen (...) und hat mit (...) emanzipatorischen Bestrebungen nichts zu tun, die (...) von einem universalistischen Emanzipationsbegriff ausgehen, für den gesellschaftliche und individuelle Befreiung nicht voneinander zu trennen sind und der über jede völkische oder nationale Abgrenzung hinausgeht.

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