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Scharfschwerdtstraße 43

Unterschiedenes ist | gut.

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Notizen

Von K.P. am 15. September 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

... wird - durch drei Direktmandate (u.a. Inka Gossmann-Reetz aus Hohen Neuendorf) gestärkt - jetzt sicher mit noch mehr (Nach)Druck dafür sorgen, dass das elende Gutscheinsystem für Asylbewerber im Kreis endlich abgeschafft wird.

Damit "Wir sind OHV" nicht weiter bedeutet: ihr aber nicht! Und "das ist, was wir machen" nicht länger heißt: das ist, was wir mit euch machen.

Von K.P. am 08. September 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Wenn Cem Özdemir gefragt wird, ob er eine Kundgebung in Berlin unterstützt, die unter dem Motto "Steh auf! Nie wieder Judenhass!" steht, dann antwortet er wie folgt und zeigt, dass er nicht kapiert hat, dass Antisemitismus nur um den Preis kalter Abstraktion als eine Form "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" unter anderen sich klassifizieren lässt:

Antisemitismus und andere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit müssen von allen demokratischen Kräften gemeinsam bekämpft werden. Durch Aufklärung und Zivilcourage müssen wir uns entgegenstellen, wenn Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Herkunft angegriffen werden, Synagogen oder Moscheen, Kirchen oder Tempel geschändet werden. Die Lehren aus der deutschen Geschichte müssen von allen Bürgerinnen und Bürgern verinnerlicht werden, auch von denen mit ausländischen Wurzeln.

Er sagt also im soziologischen Jargon, dass er eigentlich nur gegen das bisschen Antisemitismus nicht aufstehen möchte, wenn schon, dann im Stil moralischer Totalbetroffenheit gegen alle "Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" (Wilhelm Heitmeyer). Solidarität ist aber immer konkret.

Source: »Ich unterstütze das!«

Von K.P. am 05. September 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Politischer Realismus tritt in Deutschland gerne hypermoralisch auf.

Realos, das sind in allen Parteiungen die, die mit dem Gestus nüchterner Männlichkeit meinen, es müssten endlich die harten Fakten zur Kenntnis genommen und Verantwortung übernommen werden. Verantwortung - so buchstabiert man heute Militarismus. Gerne wirft man dem Gegner vor, naiv zu sein.

Die vermeintlichen Realisten sind in Wirklichkeit eine Clique von Gesinnnungsethikern, die die Welt nach ihrem Bild einrichten wollen. Nicht politische Interessen geraten dann in den Blick, sondern moralische Statements erhitzen den öffentliche Diskurs und lassen schließlich Krieg als Mittel zur Durchsetzung von Menschenrechten erscheinen, während er doch einzig legitim ist als letztes Mittel zur Rettung der bloßen Existenz.

Zur Moralität gehört, dass ich für das, was ich moralisch will, in der Realität einstehen kann. Ein guter Wille, der sich überfordert, macht Unfug. (...) In unserer westlichen Tradition der Befreiung müssen wir die sentimentale Verwirrung zurücknehmen und die gleiche Intensität des Gefühls auf langfristige Pazifizierung konzentrieren. (Alexander Kluge: "Unwirklichkeit tötet")

Von K.P. am 22. August 2014 keine Kommentare

Archive Hohen Neuendorf

Wahlplakate öffnen eine Welt des Imaginären, will man sie verstehen, muss man lesen, was nicht geschrieben steht, sondern im politischen Raum geträumt wird. Im besten Fall können wir dann aus dem Traum erwachen, mit dem in Wahlzeiten die Politik uns lockt.

Michael Heider finden wir mittendrin. Hier soll, heißt das, Klartext geredet werden, ein Wort, keine weiteren Ansagen.

Michael Heider

Aber so klar ist das nicht. Denn wo steckt der Kandidat genau? Was ist seine Position? Wo man sich befindet, wenn man mittendrin ist, versteht sich so wenig von selbst wie die Geometrie der politischen Mitte.

Wir werden ihn zunächst unter Leuten, im Getümmel, mitten im Leben suchen müssen. Wer mittendrin ist, hat keine Berührungsängste, sondern gibt sich volksnah; der auch bei anderen bürgerlichen Kandidaten zu beobachtende Verzicht auf die nicht mehr obligatorische Krawatte signalisiert Ungezwungenheit; und schaut man genau hin, scheint er sich auch des Jacketts gerne entledigen zu wollen. Ein Kandidat tritt auf, der die Menge nicht scheut, sondern sich mit den Menschen verbunden fühlt, ein Kumpeltyp.

Aber das können wir nur vermuten, denn gezeigt wird auf dem Plakat allein der Kandidat, keine Menschenmenge, die den Slogan anschaulich und visuell prägnant machte. Wo der Kandidat ist, gibt das Plakat zu verstehen, ist die Menge immer auch virtuell präsent. Er ist die Spinne mitten im Netz, der Kandidat gibt sich als Netzwerker zu erkennen, als Strippenzieher. Wenn der Intellektuelle dem geläufigen Vorurteil nach zwar keine Ahnung hat, aber weiß, wo man nachschlagen sollte, um ein wenig klüger zu werden, dann zaubert der Netzwerker kein Programm, sondern im Zweifelsfall einen Kontakt herbei, an den man sich wenden sollte. Der Netzwerker ist die Mensch gewordene Weiterleitung.

Stets besteht beim Netzwerker die Gefahr, den Allmachtsphantasien zu erliegen, die ihm sein außergewöhnlich gut gepflegtes Adressbuch einflüstert. Er träumt von der Gefolgschaft, die er an der Leine zu führen weiß: dann genügten ein Anruf oder eine E-Mail und die gut organisierte Kleinstgruppe stünde zur Durchsetzung seiner politischen Interessen bereit. Wir haben hier also einen Kandidaten, der sich für die Politik die Strategien klassischer Bürgerinitiativen zum Vorbild nimmt, dabei aber weniger auf das frei schwebende und politisch distanzierte Bürgertum setzen wird, sondern in Vereinen und Verbänden die Strippen zieht. Mittendrin ist er nicht im Chaotischen, im Ungebundenen, sondern er weiß die schon vorhandenen Strukturen und Netze für sich zu nutzen. Er steckt mittendrin im Bestehenden, nicht dort, wo Neues gärt.

Und mittendrin - das heißt natürlich auch: in der Mitte. Der Kandidat ist dem Anschein nach also politisch weder rechts noch links, sondern ganz einfach da, in der Mitte. So wird um den Mittelstand geworben, aus dem soziologisch vor allem die Wechselwähler kommen. Adressat des Plakats sind vor allem die nicht ganz so sicheren Anhänger der Grünen, die mit den Assoziationen bürgerlicher Bewegung mitten im Leben gelockt werden sollen.

(Aber die ganz und gar nicht neue Bescheidenheit der Mitte trägt die Signatur des Banalen. Sie hat nichts mit dem bekannten Orakelspruch aus Delphi zu tun, der nichts im Übermaß zu tun verlangte. Das antike Lob der Balance gehört einer Zeit an, in der Politik die Sache nicht von Parteien, sondern freier Männer war, die Hybris und die Versuchung des Extremen kannten. War in der Bundesrepublik der 50er Jahren die Angst vor dem Verlust der Mitte noch getrieben von der anti-modernen Sehnsucht nach katholischer Weltorientierung, bleibt die Mitte heute spannungs- und substanzlos. Sie ist keine agonale Sphäre, in der Konkurrenz und Polarisierung ausdrücklich gewollt ist, sondern das Feld von Konfliktmanagement das nicht mehr, sondern weniger Demokratie bringt. Mitte, das ist die Chiffre für den Status quo, sie bezeichnet eine Situation allgemeiner Erschöpfung. Gerade das so forsche wie offensive Auftreten ihrer Vertreter, die die Position in der Mitte für selbstverständlich und nicht weiter erklärungsbedürftig halten, ist kaum mehr als die Maske allgemeiner Ratlosigkeit, die sich hinter der Hyperaktivät verbirgt. Mit der Mitte wird der politische Ausgleich beschworen, bevor es zum Streit darüber, wie wir leben wollen, überhaupt kam. Differenzen werden verdrängt und Konflikte allenfalls hysterisch als Personalentscheidungen ausgetragen. Suggeriert wird paternalistisch ein überparteilicher Standpunkt jenseits partikularer Interessen. Mittendrin, das ist die Illusion einer befriedeten Welt, in der Interessengegensätze und antagonistischen Strukturen verleugnet werden.)

Aber das in der Mitte verdrängte Politische kehrt wieder. Alle anderen nämlich, impliziert das Plakat, sind nicht mittendrin, sondern am Rand, am rechten oder linken. Das macht deutlich: wer die Mitte definieren und behaupten will, führt immer einen Extremistendiskurs, in dem benannt wird, wer im politischen Raum keinen Platz hat. Indem man das Reich der Mitte hegt, wird der politische Feind ausgeschlossen, die Mitte zieht sich dann zusammen und hat keinen so großen Umfang, wie es den Anschein haben könnte, denn es gibt einen immer größeren Rand. So bunt und vielfältig kann das Leben also nicht sein, in dessen Mitte der Kandidat steckt. Mittendrin ist keineswegs so liberal, wie es klingt.

Kein Wunder also, dass Sicherheit das zentrale Thema der Mitte ist. Denn mit Sicherheit ist nie nur die gute Versorgung mit Polizeikräften vor Ort gemeint, der Begriff wird als Metapher eines Lebensgefühls plakatiert: alles soll so bleiben, wie es ist. Zuletzt ist es die Große Mutter, die Sicherheit und Geborgenheit verspricht. Die Politik der Mitte gehorcht (nicht nur unter Merkel) der Formel TINA - "there is no alternative". Der Bürger soll einfach nur verstehen, was für ihn notwendig ist. Und bis dahin können wir endlos diskutieren - schön, dass wir darüber geredet haben. Es gibt dann nur noch Vermittlungsprobleme, der Bürger muss nur verstehen, was die Politik will. Wenn er einmal gegen etwas sein sollte, dann nur, weil er nicht verstanden hat, worum es geht und was doch zu seinem Besten ist. An die Stelle von Streit und (Richtungs-)Entscheidung treten Akzeptanzgewinnungsmaßnahmen und Bürgerinformationsveranstaltungen, die mit demokratischer (Bürger-)Beteiligung nichts zu tun haben.

So versteht sich der Kandidat dann auch ganz konsequent als Dolmetscher - mittendrin sei er nämlich zwischen Landes- und Lokalpolitik verortet. Gegen das Zerrbild des Berufspolitikers, das ja gerade Politikverdrossene gerne beschwören, wird mit dem des politischen Neulings kokettiert. Die große Politik in Potsdam soll den kleinen Leuten verständlich gemacht werden, zu denen sich der Kandidat gerne zählt, will er doch im Ernstfall so lange nachfragen, bis die gerade verhandelte Sache ihm tatsächlich klar geworden ist. Damit ist freilich kaum mehr als die Banalität ausgesprochen, dass im Parlament sich nur zu Themen äußern und über Anträge abstimmen sollte, wer diese verstanden hat. Das Gegenteil allerdings dürfte der Fall sein, denn im politischen Alltagsgeschäft ist Kompetenzsimulation eine unverzichtbare Tugend. Und ist nicht selbstverständlich, dass ein gewählter Politiker auch befähigt sein sollte, vor Ort darüber Rechenschaft abzulegen, was er in Potsdam vertritt und beschließt? So werden in Hohen Neuendorf die Usancen repräsentativer Demokratie als Alleinstellungsmerkmal plakatiert.

Von K.P. am 22. August 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Eine pointierte Zusammenfassung der Diagnosen, mit denen Mark Fisher in «Ghosts Of My Life» die neoliberalen Depressionen attestiert.

Auf welche Weise der Neoliberalismus für die beschriebenen Symptome verantwortlich ist, wird luzide dargelegt. Durch «Marktstalinismus» (ein provokanter Begriff aus Fishers letztem Buch «Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?»), durch eine weitreichende Privatisierung des öffentlichen Sektors, durch die Zerstörung von Solidarität und Sicherheit, durch den Imperativ der Produktförmigkeit und Kommunikabilität zerstöre der Neoliberalismus die Bedingungen der Möglichkeit von kulturellem Fortschritt: Rückzug und Experiment; das Gedeihen in Nischen; Negativität als treibende Kraft kultureller Entwicklung. Auch die materiellen Bedingungen von Kulturproduktion seien betroffen, wo billiger Wohn- oder Arbeitsraum verschwinde, wo öffentlichrechtliche Institutionen die gleichen Effizienz-Kriterien wie die Privatwirtschaft anlegten – wo also Kulturproduktion ihrer Ressourcen beraubt werde, um überhaupt Neues zu produzieren. Das Ergebnis sei die herrschende Orientierung an dem, was sich schon immer als erfolgreich erwiesen habe. Auf diese Weise begünstige der Neoliberalismus nichts als kulturellen Konservatismus. (Quelle: Zeit aus den Fugen)

Von K.P. am 21. August 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Während die Hamas die Friedensverhandlungen durch Raketenbeschuss abbricht und erklärt, den Flughafen von Tel Aviv zu bombardieren, schreiben deutsche Nahost-Experten einen offenen Brief, der schon zum Zeitpunkt seiner Publikation erkennen lässt, wie es um die Exzellenz dieser akademischen Cluster bestellt ist.

Die Hamas bleibt, ungeachtet der Aktivitäten ihres militärischen Flügels, eine populäre politische Partei. Der Dialog mit den politischen Vertretern der Hamas sollte deshalb nicht länger verweigert werden, die Bilanz der Isolationspolitik seit dem Wahlsieg 2006 ist ernüchternd. Ein solcher Dialog muss eine deutliche, direkte Kritik an der inakzeptablen Haltung der Hamas in Fragen der Menschen- und Frauenrechte sowie die Forderung nach Anerkennung Israels im Rahmen eines Friedensabkommens, das die Festlegung der Grenzen verbindlich regelt, einschließen. Voraussetzung ist, dass die Hamas wie z.B. nach dem letzten Krieg 2012 einen verhandelten, dauerhaften Waffenstillstand einhält und auf terroristische Mittel verzichtet. (Quelle: Offener Brief von deutschen Nahost-Experten zur Gaza-Krise)

Immerhin scheint es ihnen zu dämmern, dass Investitionen in die Tunnel der Hamas schlecht angelegt sind.

Milliarden von Euro, die in Staatsaufbau oder Entwicklung fließen, sind fehlinvestiert, wenn sie in der aktuellen oder der nächsten dann unweigerlich folgenden Welle der Gewalt zerstört werden. Das schadet in erster Linie den Menschen vor Ort. Es ist aber auch ein fahrlässiger Einsatz von deutschen Steuermitteln und ein verfehlter Ansatz für die Entwicklungs- und Demokratiearbeit. (Quelle: Offener Brief von deutschen Nahost-Experten zur Gaza-Krise)

Ob das akademische Racket der Nahost-Experten jetzt einen offenen Brief an die Hamas schreibt?

Nachtrag

Die Titanic zeigt die Methode im Wahnsinn, einen Dialog mit der Hamas zu fordern, die sich die Vernichtung Israels nicht nur auf die Fahne geschrieben hat, sondern sie militärisch ins Werk zu setzen versucht:

In weiteren Meldungen: +++ Hoffnung in Ferguson: Gemäßigte Vertreter des Ku-Klux-Klans eingetroffen +++ Al-Qaida-Sondergesandter Aiman az-Zawahiri trifft Mahmud Ahmadinedschad zum großen Israel-Gipfel im Schloß Bellevue +++ NSU-Sprecherin Beate Zschäpe mit dem Deutschen Dialogpreis 2014 ausgezeichnet +++ Außenminister Steinmeier empfängt hohe Diplomaten des Islamischen Staates (IS) zu ersten Krisengesprächen +++ Günter Grass schreibt mit "allerallerletzter Tinte" neues Gedicht in die Süddeutsche Zeitung +++

Von K.P. am 10. August 2014 keine Kommentare

Archive Hohen Neuendorf

Wahlplakate sind geduldig, jeder weiß, dass, was auf ihnen behauptet wird, nur Sprüche sind, die gar nicht erst den Anspruch stellen, ernst genommen zu werden. Sie reduzieren Politik auf Rhetorik und bilden eine Welt ab, in der richtig und falsch keine sinnvollen Unterscheidungen mehr sind. Es geht nicht um Inhalte oder Programme, sondern um Verführung, Marketing und den Wallungswert der Parolen.

So viel Allllliteration war selten, DIE LINKE lallt. Worum geht es?

LLLLL

Weil niemand die FDP braucht, die nur dem Anschein nach für Liberalismus steht, den man aber braucht, soll ich jetzt LINKS wählen? DIE LINKE rettet den wohl verstandenen Liberalismus? Habe ich das richtig verstanden? Denn setzt man voraus, dass das Plakat keinen Antrag auf Parteiausschluss darstellt, kann mit liberal doch nur politischer Liberalismus und nicht der fatale Wirtschafts(neo)liberalismus der FDP gemeint sein.

Aber das sieht mir nur nach der halben (Plakat-)Wahrheit aus, die Pointe steckt woanders. Denn "liberal" ist auch das plakative Erkennungszeichen, das (mehr oder wenig deutlich) bedeuten soll: ich bin auf keinen Fall "anti-kapitalistisch". Wer liberal ist, zeigt Wirtschaftskompetenz und kann deswegen (neo-)liberale Verhältnisse moderieren, will sie aber nicht grundsätzlich in Frage stellen, sondern höchstens (sozial-)liberal gestalten.

Und wo Wirtschaftskompetenz den Wähler, den man sich gerne als die sprichwörtliche schwäbische Hausfrau vorstellt, überzeugen soll, muss als vertrauensbildende Maßnahme und gegen besseres Wissen immer auch Schuldenfreiheit als politisches Ziel und ökonomische Weisheit verkauft werden.

Ein eigenes Genre bilden Wahlplakate, auf denen sich ein Kandidat von seiner Partei distanziert. Genau das ist hier der Fall. Liberal - das suggeriert: wer mich wählt, wählt mich, Lukas Lüdtke, und nicht DIE LINKE.

Denn im Erfurter Programm (2011) der LINKEN kommt der Begriff "liberal" im positiven Sinne nur (soweit ich sehe) an einer Stelle vor: "Wir wollen eine liberale und aufgeklärte Drogenpolitik in Deutschland." Sonst wird generell die Einsicht dekliniert:

Die neoliberale Politik hat durch Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung die Wurzeln für die gegenwärtige Krise gelegt, die sich, wenn nicht politisch gegengesteuert wird, zur Katastrophe auswachsen kann.

Daraus wird man folgern müssen, dass die LINKE keinen Begriff echter Liberalität hat und als Partei auch nicht vertritt. Die LINKE ist keine links-liberale Partei, da hilft auch kein Wahlplakat. Doch auf denen geht es, wie gesagt, eben um Sprüche und Parolen.

Oder sozialistisch passte einfach nicht ins Konzept, weil der Stabreim dadurch ruiniert würde. Kann natürlich auch sein. Leidenschaftlich sozialistisch gewinnt man keine Wähler. Aber wahrscheinlich ist das Plakat nur Teil der üblichen und bekannten leninistischen Strategie: der bürgerliche Wähler soll mit dem Slogan "liberal" gelockt und am Ende dann von der LINKEN mit dem Kommunismus demokratischen Sozialismus überrascht werden. Wie smart ist das denn?

(Als nächstes analysieren wir, wo Michael Heider wohl mittendrin steckt und weswegen Inka Gossmann-Reetz jetzt eigentlich gewählt werden will.)

Von K.P. am 18. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Ich bin ja nicht aus der Welt, das klingt tapfer und soll Mut machen, aber digitale Fernbeziehungen via Skype und WhatsApp spielen sich in einer Welt ab, aus der jede leibhafte Nähe verschwunden ist. Das Trostversprechen der sozialen Netzwerke ist deswegen trügerisch.

Denn in der körperlosen Virtualität wird auch das In-der-Welt-sein gespenstisch. Wir sind von Zeichen und Bildern, aber nicht mehr von lebendigen Menschen umgeben. Die Welt totaler medialer Vermittlung tritt an die Stelle der sozial organisierten Physis und ihrer Phänomene:

  • wir berühren den Bildschirm statt einen Körper zu umarmen
  • wir stellen den Ton lauter, um besser zu hören, vernehmen aber keine Stimme mehr
  • wir machen uns ein Bild, ohne noch die Aura des anwesenden Menschen spüren zu können

Im Grunde üben wir uns heute alltäglich in diesen Abschied vom Mitmenschen ein. Und je selbstverständlicher die mediale Vermittlung, desto weniger schwer fällt der Abschied. Die zweite Welt der sozialen Netzwerke ersetzt die Mit- und Umwelt, so dass wir am Ende keine Angst in einer Welt haben werden, in der das Verschwinden zum Normalfall geworden ist. Im Virtuellen leben heißt Verlusterfahrungen trainieren. Die so flexiblen wie gefühllosen Anhängsel des Kapitals werden im sozialen Netz gebildet. Wir gewöhnen uns daran, auf die leibhafte Nähe der anderen zu verzichten und mit Gespenstern zu existieren.

Schon jetzt ist abzusehen, dass sich, wenn Menschen immer schon verschwunden sind, die Form unserer Trauer wandeln wird. Ist die geteilte Welt zum Normalfall geworden, dann gibt es keinen Menschen mehr, an dem wir hängen, keinen, den wir festhalten wollten. Wir leben dann in einer Welt vorgestellter Körperlichkeit und Avatare. In dieser imaginären Welt gibt es keinen Abschied und keinen Verlust, sondern nur die (Dauer-)Panik, ohne Freunde und Kontakte plötzlich vor dem Nichts zu stehen.

Dasein ist Sorge, in der geteilten Welt richtet sich die Sorge aber nicht länger um unser In-der-Welt-Sein, sondern wird von Angst getrieben, aus der Welt zu fallen. Sorge wird zur Panik: wir müssen deswegen täglich die Welt wieder neu teilen und zusammensetzen. Jeden Tag ein neu fabriziertes Weltbild.

Aber je mehr, so könnte eine Faustformel lauten, geteilt wird, desto weniger gemeinsam Erlebtes kann noch vorausgesetzt werden. Das Teilen setzt eine absolute Teilung voraus, die Abspaltung des Ich von der leibhaften Präsenz des Anderen. Bist du noch da? Aber jeder Ausruf "Gefällt mir" ist kaum mehr als ein Pfeifen im dunklen Keller, das beweist, was jeder ahnt: wir sind allein im digitalen Raum, um uns nur Gespenster, aber niemand, der uns berühren könnte.

Deswegen ist der geliebte Mensch, der nach Neuseeland gereist ist, doch aus der Welt.

Von K.P. am 17. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Ein sehr bewegender und großer Text, doch schaute sie noch genauer hin, würde der Kreis derer, vor denen es die Thüringer LINKE Katharina König ekelt, sich deutlich erweitern.

So ruft ja nicht nur die Ruhrgebietsabteilung des Jugendverbandes der Linkspartei Solid in Essen zu einer Demonstration unter dem Motto "Stoppt die Bombardierung Gazas – Für ein Ende der Eskalation im Nahen Osten" auf, sondern auch der Linken-Außenpolitiker Wolfgang Gehrcke will sicher wieder nur das Beste für Israel, wenn er fordert, die Bundesregierung muss endlich eindeutig für Ende des Krieges in Gaza eintreten, während in Frankfurt "Linke mit Islamisten, Anhänger des Assad Regimes und Nazis Seite an Seite für die gute Sache, also gegen kindermordende Juden, die den Weltfrieden bedrohen, demonstrieren":

Der Friede, den all diese deutschen Linken meinen, die antiimperialistischen und pazifistischen, zielt auf die Vernichtung Israels, die humanitäre Maske fällt.

Islamisten, Nazis, Linke, Naive und Antisemiten weltweit sorgen dafür, dass das Kalkül der Terroristen aufgeht. Auch sie sind es, die Hamas und andere motivieren, weiterzumachen. (...) Man ist ja links. Man ist ja per se gegen Antisemitismus, gegen Neonazis. (...) Linkssein schützt. Vor Antisemitismus, Rassismus, Neonazismus, Homophobie, vor Allem, was schädlich ist. (...) Es sind keine Demonstrationen für Frieden. Es sind Demonstrationen gegen Israel. Sie sind kalkulierter und funktionaler Teil des Terrors. Einseitig. Relativierend. Benzin im Brandherd Nahost. (...) Mir bleibt nur zu sagen: Alles was ich will ist, nichts mit euch zu tun zu haben. (Thüringer Linken-MdL Katharina König zur NRW-Linken: “Alles was ich will …”)

18. Juli

Eigentlich müsste man ihnen dankbar sein: Während es – gerade in der Linken – seit Jahrzehnten Streit darum gibt, ob und inwiefern sogenannte “Israel-Kritik” und sogenannter “Anti-Zionismus” nur schlecht getarnter Antisemitismus im neuen Gewand sind, lassen viele der aktuellen Pro-Gaza-Demos keinen Zweifel mehr: Parolen wie “Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein” dürften wohl seit 1945 nicht mehr in der Offenheit auf Berlins Straßen gebrüllt worden sein. Wer diesen Zusammenhang jetzt noch leugnet, macht wissentlich gemeinsame Sache mit einer hasserfüllten Meute. (...) Statt sich mit dem brachialstem, gewalttätigsten Ausbruch von Antisemitismus und antisemitischer Gewalt auf dem Kontinent seit 1945 zu beschäftigen, pflegt man lieber “Israel-Kritik” und inszeniert sich als Opfer der USA. Nach den jüngsten Ausbrüchen sollte allerdings endgültig klar sein: Eine Linke, die mit dieser Art von “Anti-Imperialismus” nicht endgültig Schluss macht, hat jeden, aber wirklich jeden emanzipatorischen Anspruch aufgegeben. (Publikative: Israel-Kritik” revisited: Die Judenhasser lassen die Maske fallen)

Von K.P. am 10. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Das Naturschöne als paradoxer Kultur- und Zivilisationsschock: Geschichte ist nicht gelungen.

La mer est plus belle
Que les cathédrales,
Nourrice fidèle,
Berceuse de râles,
La mer qui prie
La Vierge Marie !

Elle a tous les dons
Terribles et doux.
J'entends ses pardons
Gronder ses courroux.
Cette immensité
N'a rien d'entêté.

O! si patiente,
Même quand méchante !
Un souffle ami hante
La vague, et nous chante :
« Vous sans espérance,
Mourez sans souffrance ! »

Et puis sous les cieux
Qui s'y rient plus clairs,
Elle a des airs bleus.
Roses, gris et verts...
Plus belle que tous,
Meilleure que nous !

(Deutsche Übersetzung)

Von K.P. am 09. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

durch den nationalen (Fußball-)Wahn gegangen sind, das kann man am Interview mit dem brasilianischen Torwart Julio César nach dem Spiel gegen Deutschland sehen, der das eigene Begehren mit dem (s)eines imaginären Volkes verwechselt.

Agradeço a Deus pela oportunidade que me deu, de jogar a Copa do Mundo no meu país. Fica meu agradecimento, e um beijo no coração de cada brasileiro.

Von K.P. am 05. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Seit der Kirchenvater Augustinus die Menschen an die Erbsünde gebunden und den freien Willen für obsolet erklärt hat, liegt die Versuchung jeder christlichen Pädagogik darin, den bösen Willen des Kindes zu brechen, um den alten Adam in ihm zu töten.

Die säkulare, vermeintlich religiös neutrale Version des Dogmas lautet, dass Kinder geprägt werden müssten, als handle es sich bei ihnen um eine formlose Masse, um das Nichts eines gefährlichen Triebwesens, das erst durch Prägung und Zucht zu Form und Gestalt fände.

Die antike und echt humane Haltung könnte im Gegensatz dazu so formuliert werden: der (menschlichen) Natur ist der Richtungssinn gelingenden Lebens immanent, sie muss nicht mit Gewalt zu ihrem Glück gezwungen werden, sondern nur unter guten Bedingungen wachsen und sich bilden dürfen. Die antike Formel lautet spätestens seit Aristoteles: es wird schon werden. Und, dachte ich gestern, schön zu sehen, dass es wird und dass es gelingt.

Von K.P. am 03. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Aber warum eine schwarze Madonna? Die Frage war offensichtlich schon früh problematisch, sonst wäre nicht auf einigen der schwarzen Madonnen zur Erklärung das lateinische Zitat nigra sum sed formosa als Inschrift angebracht worden.

Es zeigt, dass die theologische Begründung für die schwarze Farbe der Madonna dem Hohenlied (1, 5-6) entnommen wurde. Die entsprechende Stelle in der Vulgata lautet: »Nigra sum sed formosa filiae Hierusalem/ sicut tabernacula Cedar sicut pelles Salomonis/ nolite me considerare quod fusca sim quia decoloravit me sol.« Im Deutschen: »Schwarz bin ich, aber schön, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte Kedars, wie die Behänge Salomons. Seht mich nicht an, dass ich so schwarz bin; denn die Sonne hat mich so verbrannt.«

Die biblische Lyrik wird von der christlichen Theologie auf die Königin von Saba aus dem fernen Süden bezogen, die nach Jerusalem reiste, um König Salomons Weisheit auf die Probe zu stellen (1. Könige 10, 1-20 und 2. Chronik, 9, 1-28). Sie ist noch die vorbildlich Bekehrungswillige, keine exotische Verführerin. Weil sie als Fremde in Salomon den Stammvater Christi erkannte, gilt sie seit Isidor von Sevilla zum einen als typologisches Pendant der Heiligen Drei Könige und alttestamentarische Präfiguration der Kirche (Ecclesia) und damit in mystischer Deutung als die Braut Christi, aber eben auch als Präfiguration der Mutter Gottes.

In diesem Deutungsprozess wird von den christlichen Theologen die dunkle Hautfarbe der Madonna symbolisch aufgeladen, sie ist schwarz aber schön. Den Gegensatz können wir auch hören, denn Claudio Monteverdi (1567-1643), der Erfinder der Oper, hat im Concerto Nigra sum seiner Marienvesper den Text aus dem Hohen Lied Salomos für Tenor solo und Generalbaßbegleitung vertont. Gleich zu Beginn ist der neue, Texte musikalisch interpretierende Kompositionsstil erkennbar: der Gegensatz der Worte nigra sum (schwarz bin ich) und sed formosa (aber schön) wird musika­lisch dargestellt durch Gegenüberstellung von tiefen, dunklen Tönen und der gleich darauf nach einem Oktavsprung fröhlich bewegten Melodie.

Nigra sum
sed formosa filiae Jerusalem.
Ideo dilexit me Rex
et introduxit in cubiculum suum
et dixit mihi:
Surge amica mea, surge et veni:
Iam hiems transiit,
imber abiit et recessit,
flores apparuerunt in terra nostra.
Tempus putationis advenit.

Schwarz bin ich,
doch schön, ihr Töchter Jerusalems;
drum hat der König mich geliebt,
hat mich geführt in sein Gemach
und zu mir gesprochen:
Steh auf meine Freundin, steh auf und komm.
Der Winter ist schon vergangen,
die Regenzeit vorüber;
die Blumen erscheinen auf unserer Erde,
die Zeit zum Schneiden der Reben (sic! K.P.) ist gekommen.

Im christlichen Europa wird das Schwarze zum Zeichen der Fremden, die nicht zu den Töchtern Israels gehört, zur moralischen Finsternis, in die kein Licht fällt. Diese dunkle Macht kann nur in überraschenden Ausnahmefällen wie dem der Königin von Saba = Maria durch göttliche Kraft an ihrer Realisierung gehindert werden. Es geht um das Spannungsverhältnis von äußerer dunkler Körperfarbe und innerer Schönheit, die implizit hell und strahlend weiß definiert wurde, so dass wir uns die Finsternis vom göttlichen Glanz überstrahlt vorstellen müssen. Bernhard von Clairvaux (1091-1153) sah deswegen in der Schwärze einen Ausdruck tiefster Demut. Eine schwarze Madonna ist also unter christlichen Vorzeichen keine Darstellung problemlos schwarzer Dignität, sondern in ihrer Schönheit eine heilsgeschichtliche Ausnahmeerscheinung, ein Wunder.

Aber gerade solche Strategien der Bonisierung, der symbolischen Umbesetzung hergebrachter Bedeutung sollten misstrauisch machen. Warum wird das Schwarze auf einmal für gut und vorbildlich erachtet, wenn es doch bis dahin generell negativ wahrgenommen wurde? Haben wir es bei diesen theologischen Erörterungen etwa mit Reaktionen auf antike Glaubenspraktiken in der Bevölkerung zu tun? Die oft später hinzugefügten Inschriften wecken zumindest den Eindruck, dass die schwarzen Marienfiguren erklärungsbedürftig waren und quer zur Orthodoxie standen. Sie wurden theologisch umgedeutet und vom christlichen Glauben vereinnahmt. Neue Wallfahrtsorte entstanden, deren Erfolgsgeschichte die Umdeutung nachträglich legitimierte, bis die ursprünglichen Kulte immer mehr vergessen wurden. Denn Überlegungen zum antiken Ursprung des Kultes wurden von der christlichen Kirche entschieden zurückgewiesen, der Zusammenhang mit früheren Schutzgöttinnen wie Isis und Kali, die über Geburt und Tod wachen, war offiziell nicht denkbar. In Montserrat jedoch hält der Jesusknabe mit den Gesichtszügen und der Körperhaltung eines Erwachsenen in der Linken einen Pinienzapfen. Als Symbol der Auferstehung wird die Frucht der Pinie, in Verknüpfung mit dem Lebensbaum des Paradieses, zwar auch in der christlichen Kunst verwendet, doch schon in der antiken Mythologie war der Zapfen als Symbol der Fruchtbarkeit in den Kulten von Kybele (Pinie des Attis) und Dionysos (Thyrsosstab) üblich.

Dieser kulturgeschichtlich zweideutige Hintergrund trägt, auch wenn er kaum bewusst und nur geahnt wurde, zur Faszination der schwarzen Madonna bei. Es muss nur dunkel gespürt und für möglich gehalten werden, dass in diesen Figuren etwas zur Sprache kommt, was sich mit der offiziellen Lesart nicht verträgt und das Misstrauen der Orthodoxie weckt; gerade dann können sich neue Legenden an sie knüpfen.

Von K.P. am 01. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Der Weißdorn nimmt bei Proust eine zentrale Stelle in den Landschaftsbeschreibungen Combrays ein.

Bei Proust zählt, so Adorno in seiner Theorie des Naturschönen, die Erfahrung einer Weißdornhecke zu den Urphänomenen ästhetischen Verhaltens.

Aber wie lange ich auch vor den Weißdornbüschen verharrte und ihren unsichtbaren und in der Luft stehenden Geruch einatmete, mit meinen Gedanken zu fassen versuchte, die nichts mit ihm anzufangen wußten, ihn verlor, wiederfand oder in den Rhythmus einfiel, der seine Blütenblätter hier und da mit jugendlicher Beschwingtheit und in unerwarteten, bestimmten musikalischen Intervallen gleichenden Abständen hin- und herschwenkte, sie spendeten in steter und unermüdlicher, verschwenderischer Fülle ihren immergleichen Zauber, ohne mir jedoch zu gestatten, tiefer in ihn zu dringen, ähnlich wie bestimmte Melodien, die man hundertmal nacheinander spielen kann, ohne doch ihrem Geheimnis irgend näher zu kommen. Einen Moment lang wandte ich mich von ihnen ab, um mich ihnen hinterher mit frischen Kräften erneut nähern zu können. Spielerisch verfolgte ich bis zu der Böschung, die hinter der Hecke steil zu den Feldern hin anstieg, eine hier und da verloren stehende Mohnblume oder eine müßige, am Weg zurückgebliebene Kornblume, deren Blüten den Hang dekorierten wie die Bordüre eines Teppichs, auf der das ländliche Motiv noch sehr zurückhaltend dargestellt ist, das dann auf dem großen Medaillon triumphiert; vereinzelt noch und weit auseinander stehend wie abgelegene Häuser, die bereits die Nähe des Dorfs ahnen lassen, kündeten sie mir von den immensen Weiten, über die der Weizen wogt und die Schäfchenwolken ziehen, und der Anblick einer einzigen Mohnblume, die ihre rote Flagge über die Toppen hißte und hoch über ihrem fettglänzenden, schwarzen Schanzkleid im Wind knattern ließ, ließ mein Herz höher schlagen, ganz wie dem Reisenden, der auf dem platten Land ein erstes gestrandetes Boot entdeckt, das von einem Kalfaterer repariert wird, und ausruft, bevor er es selbst noch gesehen hat: »Das Meer!«.

Von K.P. am 27. Juni 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

1540 hat der portugiesische Mönch Gaspar Preto das spanische Montserrate besucht. Wie beeindruckend diese Landschaft sein kann, haben Reisende auch in späteren Zeiten noch erfahren.

Sein Bruder hätte den "gespaltenen Bergrücken des Monserrate in Katalonien (...) so anmutig beschrieben", schreibt Alexander von Humboldt, der wusste, wovon er sprach, weil er den Berg zwei Jahre vor ihm erkundet hatte. In einem Brief an Goethe hat Wilhelm von Humboldt die "zwei unvergesslich schönen Tage" geschildert, die er in dieser Landschaft verbracht hat, "wo die Natur und ihre Bewohner in wunderbarer Harmonie mit einander stehen, und wo selbst der Fremde, sich auf einige Augenblicke abgesondert wähnend von der Welt und den Menschen, mit sonderbaren Gefühlen auf die Dörfer und Städte hinabblickt, die in einer unabsehlichen Strecke zu seine Füßen liegen".

Seine Aufzeichnungen sind ein Dokument beispielhaft humanistischer Darstellungskraft, ein Zeugnis, mit dem anschaulich in die Nachwelt gerettet wurde, was in Deutschland einmal Bildung heißen sollte.

Nichts, schreibt Wilhelm von Humboldt, könne "sonderbarer seyn, als dieser Platz, den der Berg absichtlich geöffnet zu haben scheint, um dort Menschenwohnungen in seinen Schooß aufzunehmen". Montserrat

steht wie eine hohe und lange Wand vor der Gegend vor, und da er sich überall von der freyen Ebne emporhebt, ohne mit einem anderen Gebirge zusammenzuhängen, so gibt ihm dies noch ein majestätischeres Ansehen. Er ist (wie sein Name sagt) sägenförmig eingeschnitten und zeigt eine Menge wunderbarer Ecken.

Die Felsen über dem Ort wecken auch schauderhafte Empfindungen. Wilhelm von Humboldt weiß aus einer portugiesischen Reisebeschreibung, dass im März 1546 ein Felsblock auf das Hospital des Klosters stürzte, neun Menschen tötet und mehr als vierzig verwundete. Trotzdem hat der Montserrat

nicht den ernsten, großen und feyerlichen Charakter nordischer Gebirge, der Alpen, unserer Bergketten, oder auch der Pyrenäen. Ein inselförmig allein stehender Berg, in unzählige kleinere Felsmassen zerspalten, mit meistentheils niedrigem Gesträuche bewachsen, ist er rauh, wild chaotisch - gestaltet in seinen Gipfeln, anmutig und freundlich in seinen Gründen, wunderbar und abentheuerlich im Ganzen, aber nicht eigentlich groß und erhaben. (...) Die Bäume, die man hier sieht, sind kleiner und schwächer; Nadelholz ist nur wenig, und was man am häufigsten findet, ist immergrünes Gesträuch mit einem dunkelglänzenden Laube. Was indeß diesem Berge an Größe abgeht, ersetzt er durch die wunderbare Verbindung von Anmuth und Wildheit und durch die feyerliche Stille, die in ihm herrscht. Zu ihren Füßen ist eine reizende und blumige Ebne, und einen einzigen Blick in die Höhe gerichtet, und Sie schauen in ein Chaos von Klippen, das den Trümmern einer ungeheuren Felsenstadt gleicht.

Diese spirituelle Landschaft berührt auch den Humanisten, dessen letztes und höchstes Ziel nicht Gott, sondern die Natur des Menschen und der Menschheit war - der "Menschheit ohne Rücksicht auf Religion, Nation und Farbe als einen großen, nahe verbrüderten Stamm, als ein zur Erreichung eines Zweckes, der freien Entwicklung innerer Kraft, bestehendes Ganzes":

wenn ich aus den tiefen grünbewachsnen Klüften emporblickte und Kreuze sah, welche heiligkühne Hände in schwindelnden Höhen auf nackten Felsspitzen aufgerichtet haben, zu denen dem Menschen jeder Zugang versagt scheint, so glitt mein Auge nicht, wie sonst mit Gleichgültigkeit an diesem durch ganz Spanien unaufhörlich wiederkehrenden Zeichen ab. (...) Die Größe der Natur und die Tiefe der Einsamkeit erfüllen das Herz mit Gefühlen, die selbst der leersten Hieroglyphe bedeutenden Inhalt zu geben vermöchten

Lange habe ich mich nicht losreißen können von dem Gipfel dieses wunderbaren Bergs, lange hab' ich wechselsweise meine Blicke auf die weite Gegend vor mir, die hier von den Meere und einer schneebedeckten Gebirgskette umgränzt ist, dort sich in Unabsehliche hin verliert, bald auf die waldigten Gründe unter mir geworfen, deren tiefe Stille nur von Zeit zu Zeit der Ton einer Einsiedlerglocke unterbricht. Ich habe mich nicht erwehren können, diesen Platz als den Zufluchtsort stiller Abgeschiedenheit von der Welt anzusehen, wo die gewiß nur Wenigen ganz fremde Sehnsucht, mit sich und der Natur allein zu leben, volle und ungestörte Befriedigung genösse

Montserrat, ein Symbol der Innerlichkeit also, die sich im Einklang mit der Natur fühlt. Als Friedrich Schiller die Schilderung las, hatte er ausgerufen, Montserrat sauge den Menschen von der äusseren Welt weg in die innere Welt hinein. Aber 1540 war der humanistische Kontinent dieses inneren Menschen noch nicht entdeckt und in seinen Dimensionen vermessen worden. Dass der Mensch, wie Goethe meinte, nirgendwo seine Ruhe finden werde, außer im eigenen Montserrat, wäre für einen Mönch, der das Heil allein in der Kirche wusste, eine ketzerische, wenn nicht ganz und gar unverständliche Sentenz gewesen. Die reine Naturbetrachtung, die hemmungslose Anschauung war ihm fremd, und der religiöse Innenraum (des schuldigen Menschen) wäre ihm wichtiger gewesen als die umliegende Landschaft. Wie der Kirchenvater Augustinus hätte er sich angesichts der Schönheit der Natur zu innerer Einkehr ermahnt, um sich beim Anblick der "wunderbaren Verbindung von Anmuth und Wildheit" nicht in der Betrachtung der Äußerlichkeiten zu verlieren. Die Lust am Schauen war noch eine Versuchung, der er widerstanden hätte.

Während gerade das Hohen Neuendorferer Wildbergplatz als Persiflage eines Stadtzentrums geplant wird, kann man ein paar hundert Meter weiter nördlich beobachten, wie in Hohen Neuendorf tatsächlich gebaut wird.

Dort wird nämlich nicht kleinstädtisch dicht und und vierstöckig wie möglicherweise am Wildbergplatz gebaut, sondern dort entstehen ("Projekt Green Stars") unmittelbar an der B 96 ganz einfach zehn neue Reihenhäuser im "Schwedenhausflair".

Green Starts Projekt

Green Starts Projekt - Baufeld

Die Planung für das neue Zentrum im Kleinstadtformat, das kaum mehr als ein neues Wohnquartier ist, mag eine elegante (hinsichtlich ihrer Realisierbarkeit aber ziemlich problematische) Lösung für ein lokales Verkehrsproblem enthalten, der größere städtebauliche Kontext und das Selbstverständnis einer grün geprägten Stadt wurde aber vom Wettbewerbssieger in keiner Weise beachtet.

Mit dem neuen Quartier am Wildbergplatz wird ein altes Kapitel der Stadtentwicklung wieder aufgeschlagen: man zielt auf die Durchsetzung einer dichten Bebauung im Innenbereich, die so bereits in den neunziger Jahren geplant und später gescheitert ist. Die Weichen für das jetzt geplante Zentrum hätten spätestens vor zehn Jahren gestellt werden müssen, das wurde versäumt, so dass jetzt ein kleinstädtisches Zentrum nur als Gewaltakt und städtebaulicher Fremdkörper möglich ist.

Von K.P. am 18. Juni 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Micha Brumlik zitiert in der Jüdischen Allgemeinen unter dem Titel "Kabbala und Kritische Theorie" einen wunderbar präzisen und typisch nüchternen Satz von Jürgen Habermas, den auch frankophile Nietzscheaner mit Frankfurter Perspektiven, die also vom Stamme Benjamin, unterschreiben müssen.

Darum kann es bei unserem Bemühen nicht mehr um Leben und Überleben von Juden gehen, um Einflüsse hin und her; es geht nur noch um uns selbst. Nämlich für das eigene Leben und Überleben ist das jüdische Erbe aus deutschem Geist unentbehrlich geworden.

Source: Kabbala und Kritische Theorie

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