Dr. Karsten Poppe - Büro für Text & Webentwicklung in der Scharfschwerdtstraße 43, 16540 Hohen Neuendorf Kontakt

Scharfschwerdtstraße 43

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Notizen

Von K.P. am 04. Dezember 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Im nächsten Halbjahr (Februar bis Mai 2016) biete ich einen philosophischen Kurs an der VHS Oberhavel zum Thema »Das Fremde und das Eigene« an.

Ein Einstieg für alle, die keine Angst vor der Philosophie haben.

Der Kurs findet immer mittwochs im Marie-Curie-Gymnasium in Hohen Neuendorf statt.

Mehr Infos gibt es unter → Philosophische Kurse

Von K.P. am 25. November 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Die Odyssee ist (neben der Bibel) das Grundbuch der abendländischen Zivilisation. Wir haben es mit einem Buch zu tun, in dem nicht nur Urbilder europäischer Willkommenskultur geschildert werden, sondern Gastfreundschaft als Rechts- und Verkehrsform zur normativen Kraft wird.

Die Odyssee ist ein Epos des Fremden, es handelt vom Gastrecht als göttlichem Recht, von der Gastfreundschaft als sozialem Band und von Zeus, dem Gastlichen, der »das Gastrecht schützt« (14, 284). Als Göttervater ist »Zeus der Rächer für Schutz erflehende Fremde, Zeus, der Gastliche, der den zu achtenden Fremden Geleit gibt.« (9, 266-271)

Das konnte vor fast 3000 Jahren hören und kann heute noch lesen und verstehen, wer mit Verstand begabt ist, also nicht zu den patriotischen Europäern gehört. Gilt doch - so lässt Homer den Alkinoos, König der Phäaken, sagen - »dem Bruder gleich der Fremde und der, der um Schutz fleht | Für den Mann, der mit dem Verstande ein wenig nur hinreicht.« (8, 546-547)

Erzählt wird von Homer, wie Odysseus nach dem zehn Jahre währenden Trojanischen Krieg, bei der Heimfahrt durch widrige Winde verschlagen, weitere zehn Jahre umherirrt und nach vielen Abenteuern schließlich als Bettler unerkannt nach Ithaka zu seiner Frau Penelope heimkehrt - und Recht und Ordnung wieder herstellt.

Es ist nicht zuletzt das heilige Gastrecht, das Odysseus nach seiner Rückkehr mit dem (Massen-)Mord an den Freiern wieder in Kraft setzt. Charakteristisch für die Freier ist ja, wie man unter ihnen »die fremden Gäste mißhandelt« (20, 318). Der von den Freiern besetzte Hof des Odysseus zeigt das Bild einer Zivilisation, die in die Barbarei zurückgefallen ist, in den Stand der Rechtlosigkeit. Weil Odysseus fehlt, so Penelope, sind keine da, »(d)ie zu ehrende Fremde geleiten oder empfingen« (18, 316).

Und so meldet Eurykleia, die liebe Amme, der Penelopeia nach gewonnener Schlacht die frohe Botschaft: »Es ist Odysseus da im Haus (...), | Jener Fremde, den alle mißachtet haben im Saale.« (23, 27-28)

Von K.P. am 23. November 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Heute, vor 95 Jahren, am 23. November 1920, wurde Paul Celan geboren.

DU LIEGST im großen Gelausche,
umbuscht, umflockt.

Geh du zur Spree, geh zur Havel,
geh zu den Fleischerhaken,
zu den roten Äppelstaken
aus Schweden –

Es kommt der Tisch mit den Gaben,
er biegt um ein Eden –

Der Mann ward zum Sieb, die Frau
mußte schwimmen, die Sau,
für sich, für keinen, für jeden –

Der Landwehrkanal wird nicht rauschen.
Nichts
stockt.


Peter Szondi dazu:

»Eden« heißt sowohl das Paradies, ein Lustgarten, als auch, nach ihm, der Ort, an dem Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die letzten Stunden vor ihrer Ermordung verbracht haben. Solange man meint, diese Doppeldeutigkeit - dem Zufall entstammend, daß das Hotel so und nicht anders hieß und daß der Divisionsstab der Garde-Kavallerie-Schützen nicht in einem anderen Hotel sich einquartiert hatte - sei als zufällige, sei als Koinzidenz zum Brennpunkt der Motivverknüpfung von Ermordung und Hinrichtung einerseits, Weihnachtsstimmung andererseits geworden, ist einem der Blick fremd geblieben, den Celan auf die Gegensätze dieser Welt warf.

Nach seinem Selbstmord fand man auf dem Schreibtisch des Dichters eine aufgeschlagene Hölderlinbiographie mit der (aus einem Brief Brentanos an Philipp Otto Runge) unterstrichenen Stelle: »Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen seines Herzens«. Nicht markiert hat Celan den Rest des Satzes »Meistens aber glänzet sein apokalyptischer Stern Wermut wunderbar rührend über das weite Meer seiner Empfindung.«

Von K.P. am 18. November 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

In der Welt, die durch soziale Medien erst zur Welt wird, ist das Wir die große Phantasmagorie eines moralischen Kollektivs, das sich gegen jeden Zweifel ins Rechts setzt. Ob der Weg der Radikalisierung auch mit den rhetorischen und politischen Verrenkungen des Wir zusammenhängt, fragt Mely Kiyak.

Das Wir ist das am häufigsten bemühte Personalpronomen in Zeiten der politischen und persönlichen Panik. Es soll beschwören und trösten. Es soll zusammenhalten, was auseinanderzubrechen droht. Es soll Trost und Anker sein. Aber auch Ermutigung. Das Wir wird wie eine Laterne hochgehalten und soll über allem leuchten. Es soll die Welt neu sortieren. Denn da, wo es ein Wir gibt, gibt es auch die Anderen. (...) Das Wir wird dringend dort benötigt, wo ein neuer Krieg geführt wird. Ohne Wir keine Fronten. Das Wir wirkt bei manchen reaktionär, bei einigen sogar totalitär. Das Wir verträgt selten Zweifel. Wo das Wir verwendet wird, ist oft alles schon zu Ende gedacht. Das Wir drängelt sich so schnell in den öffentlichen Diskurs, dass keine Zeit bleibt, nachzudenken. Plötzlich ist das Wir da. In den Farben der Tricolore am Brandenburger Tor. Als Hashtag. Als Versprechen für ein politisches, vielleicht sogar militärisches Bündnis. Das Wir steht in großen Lettern auf der Titelseite der Zeitung. Das Wir bewegt sich routiniert im Mund des Kommentators in den Fernsehnachrichten. Bis man es bemerkt, ist die Sendung zu Ende. Und wer das Wir anzweifelt, steht in den Augen der Wir-Konstruierer auf der falschen Seite. So viel Wir. Zu viel Wir.

Source: Die große Wir-Beschwörung

Von K.P. am 18. November 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Der SPIEGEL fragt Max Horkheimer 1970, ob er eine moralische Politik verlange.

Und Max Horkheimer antwortet, indem er die Position kritisch denkender Menschen klärt. Sie ist vielleicht nicht ihr Gegenteil, lässt sich aber ganz sicher nicht auf die Formel »Kritischer Dialog« bringen, mit der deutsche und europäische Außen- und Wirtschaftspolitik ihre Förderung sei's des klerikal-faschistischen Regimes im Iran und der von ihm finanzierten Mörderbanden oder anderer Staats- und Bandenführer vor allem in der arabischen Welt zu verklären pflegt.

Ich halte es nicht für richtig, daß man sich zu terroristischen Staaten auch nur ähnlich verhält wie zu andern. (...) Ich habe den Verdacht, daß die moralische Integrität des Partners kaum eine Rolle spielt. Der andere ist eben der Minister eines mächtigen Landes, mit dem wir auskommen müssen. Daran zu denken, daß dort Hunderttausende von Menschen in Gefängnissen oder Konzentrationslagern schmachten, das kommt ihm eigentlich gar nicht in den Sinn. Darum halte ich es für die Aufgabe der Intellektuellen, immer wieder darauf hinzuweisen, daß die Vertreter von Staaten, in denen jeden Tag grauenvolles Unrecht geschieht, anders behandelt werden sollten als die Vertreter einigermaßen menschlicher Staaten. (...) Stellen Sie sich zum Beispiel vor, daß in einem Land der Faschismus oder der terroristische Kommunismus ausbricht. Heutzutage ändert sich daraufhin in den Beziehungen der sogenannten zivilisierten Staaten zu diesen Ländern kaum etwas. Die denkenden Menschen sollten deshalb darauf drängen, daß die Länder ihr Verhältnis zu den terroristischen Staaten entscheidend ändern.

Von K.P. am 09. November 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Nur weil ich mich für mehr und bessere lokale - frühzeitige und strukturierte - Bürgerbeteiligung einsetze, muss ich noch lange kein Befürworter direkter Demokratie sein.

Robert Menasse erklärt, warum. Es gibt

ein demokratiepolitisches Problem, das sich durch alle Diskussionen über alle Demokratiemodelle seit der Antike zieht, von Platon bis Kelsen und ewig weiter: Die Idee der Demokratie setzt abstrakt etwas voraus, das es konkret nicht gibt: den Bürger, der einerseits seine Interessen vertreten sehen will, andererseits eine Vorstellung von Gemeinwohl hat. (...) In der Praxis zeigt das Stimmverhalten der Menschen, vor allem in der Schweiz, dass die Mehrzahl der Menschen völlig gegenteilig abstimmt: Sie stimmen gegen ihre Interessen und gleichzeitig gegen Gemeinwohl. Zum Beispiel die Abstimmung über Minarette: Ein aufgeklärter Bürger ist für Religionsfreiheit. Die Schweizer stimmten dagegen und damit für eine gesellschaftliche Spaltung, also gegen Gemeinwohl und gegen Menschenrecht. Kelsen hatte recht: Der aufgeklärte Citoyen ist nie in der Mehrheit, und das muss jedes Demokratiemodell berücksichtigen. (...) Wenn es in Österreich oder Ungarn direkte Demokratie gäbe, hätte man dort nicht nur ein Minarettverbot, sondern gleich auch die Todesstrafe. (...) Ich habe den Verdacht, dass die Schweizer das glauben. Aber ich halte ein Demokratiemodell für unausgegoren und in dieser Form für überholt, in dem es möglich ist, mit einfachen Mehrheitsentscheidungen, ohne Sicherungen zum Schutz von Minderheiten, Gesetze durchzusetzen, die dann noch dazu Verfassungsrang haben. Die repräsentative Demokratie ist schon ein zivilisatorischer Fortschritt. Der nächste Entwicklungsschritt wäre, sie aus den Fesseln des Nationalstaats zu befreien, dazu müsste das Europäische Parlament aufgewertet und der Europäische Rat abgeschafft werden.

Source: «Landesrecht vor Völkerrecht ist der grösste Skandal seit der Nazi-Zeit»

Von K.P. am 21. September 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Richard Kleins Beobachtung, dass »Adornofans Theunissens identifikatorische Nähe zur negativen Dialektik nie zur Kenntnis genommen« hätten, scheint mir an der FU Berlin zumindest für die späten 80er Jahre bis zu seiner Emeritierung 1998 nicht ganz zutreffend zu sein.

....

Und Theunissen auf der Spur waren die, die Benjamin theologisch-politisch ernst genommen haben.

Jene universitäre Wissensordnung lässt es nicht zu, dass Philosophie, Kunst und Religion sich im Ernst aufeinander einlassen und ihre bereits intern nicht gerade geringen Probleme durch wechselseitige Kritik weiter stei- gern. Für seine Versuche, eine philosophische Theologie zu entwickeln, ist Theunissen von »aufgeklärten« Kollegen belächelt worden. Sie schlossen von einem verhalten pastoralen Zug der Person geradewegs auf die Erbaulichkeit ihres Denkens. Das war, man darf es getrost sagen, Unfug. Aus dem gleichen Grund haben die Adornofans Theunissens identifikatorische Nähe zur nega- tiven Dialektik nie zur Kenntnis genommen. Der soll lieber Theologie oder Heidegger machen als unseren Teddie, sagte mal einer von ihnen. Aber so ist das eben. Wer keine identifizierbare Linie verficht, bekommt sie um so mehr von anderen reingedrückt. Theologie oder kritische Theorie – tertium non datur. Als Theunissen bei der Frankfurter Adornokonferenz 1983 seinen großen Vortrag über Negativität beendet hatte, meldete sich ein damals vielgelesener Literaturwissenschaftler zu Wort, trug Einwände vor und pointierte diese dann sinngemäß so: Man habe eigentlich erwartet, dass Theunissen von dem Adorno spräche, ›den wir alle kennen‹. Warum er das nicht getan habe? Pause – und Applaus vom Auditorium wie im Bundestag. Als irritierend wurde damals wohl vor allem empfunden, dass Theunissen als vermeintlicher Repräsentant einer philosophischen Gotteslehre Adorno vorzuhalten wagte, nicht negativ genug gewesen zu sein.

Source: Selbstüberschreitung der Philosophie: Zum Tod Michael Theunissens

Von K.P. am 16. September 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Die europäische Antwort auf die Massen der einzelnen Flüchtlinge sind Internierungslager hinter den mit Nato-Stacheldraht geschlossenen Grenzen. Die Szenen aus Ungarn zeigen, dass die Menschenrechte keineswegs für alle gelten, sondern nur für Staatsbürger.

Zwischen den Grenzen wird das nackte Leben interniert, das mitten in Europa außerhalb aller rechtlichen Bezüge steht. Wer nur Mensch ist, hat die schlechtesten Voraussetzungen, den Schutz der Menschenrechte zu genießen.

Hannah Arend hat diese »ironische Paradoxie zeitgenössischer Politik« nach der Erfahrung des 2. Weltkrieges so formuliert:

Keine Paradoxie zeitgenössischer Politik ist von einer bittereren Ironie erfüllt als die Diskrepanz zwischen den Bemühungen wohlmeinender Idealisten, welche beharrlich Rechte als unabdingbare Menschenrechte hinstellen, deren sich nur die Bürger der blühendsten und zivilisiertesten Länder erfreuen, und der Situation der Entrechteten selbst, die sich ebenso beharrlich verschlechtert hat, bis das Internierungslager, das vor dem Zweiten Weltkrieg doch nur eine ausnahmsweise realisierte Drohung für den Staatenlosen war, zur Routinelösung des Aufenthaltsproblems der 'displaced persons' geworden ist. (Hannah Arendt)

Millionen Menschen, denen als »displaced persons« kein Ort gewährt wird, haben das Recht auf politische Teilhabe verloren und damit das allgemeine Kennzeichen des Menschlichen.

Hannah Arendt hat daraus die Konsequenz gezogen, dass es nur ein Menschenrecht gibt, und zwar eines, das sich grundsätzlich von allen Staatsbürgerrechten unterscheidet, die nur als subjektive Rechte und genauer als Abwehrrechte (Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit) gegen Übergriffe des Staates installiert wurden.

Während die klassischen Menschenrechte immer nur die Rechte von Mitgliedern einer staatlichen Gemeinschaft sind, formuliert sie ein (Menschen-)Recht auf Mitgliedschaft. Wie immer dieses Recht (das kein Naturrecht ist) verstanden werden muss, es ist ein Recht auf Rechte, das Recht jedes Menschen zur Menschheit zu gehören.

Nachtrag

Die Perspektive der »wohlmeinenden Idealisten« (Hannah Arendt) wird auch von der humanitären Geste übernommen, die Flüchtlinge, um die politische Diskusssion zu vermeiden, nur als reine »Menschen« willkommen heißen will, nicht aber als politische Subjekte (und d.h. genuin als »Andere«) mit einem Recht auf Teilhabe. Flüchtlinge werden dann bestenfalls zu Repräsentanten kultureller Entitäten verdinglicht und als ungleiche Partner interkultureller Dialoge instrumentalisiert, bleiben aber, was sie als Individuen nicht sein wollen: Objekte staatlicher Repression und Empfänger gut gemeinter Willkommens- und Versorgungsleistungen.

Source: Pro Asyl warnt vor Internierungslagern an Europas Grenzen

Von K.P. am 03. September 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Entsetzen, überall ... Die Barbarei existiert inmitten der Zivilisation.

»Das Staunen darüber, daß die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten einundzwanzigsten Jahrhundert noch möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.« (Walter Benjamin)

Angelus

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. (Walter Benjamin/1940)

Von K.P. am 03. September 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Otto Fenichel 1938 beim Versuch die Psychoanalyse vor ihrer amerikanischen Verdrängung zu retten, die Theoriebildung vor der rein klinischen Praxis.

»Einer der Kollegen sagte in einer Debatte über analytischen Unterricht: 'Wir haben vor allem das zu lehren, was wir verstehen, und nicht Theorien.' worauf ich erwiderte: 'Manche von uns verstehenn Theorien'.«

Von K.P. am 01. September 2015 keine Kommentare

Archive Kultur


Chaplin - Individuum

M: Setz dich. Und was liest du da gerade? R: Karl Marx. M: Aber du bist doch kein Kommunist. R: Wieso? Lesen denn nur Kommunisten Karl Marx? L: Rupert! M: Eine gescheite Antwort. Wenn du also kein Kommunist bist, was dann? R: Nichts. M: Nichts?

Von K.P. am 31. August 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Angst ist immer gesellschaftlich und politisch induziert.

Wenn es keine Alternativen mehr gibt, wenn die Horizont- und Perspektivlosigkeit zum politischen Programm (TINA = There is no alternative) wird, dann wird doppelt Angst produziert:

  1. die Angst vor allem, was Änderung bringt, vor jeder Änderung selbst
  2. die Angst der Eingeschlossenen, die klaustrophobischen Anfälle derer, die nach Auswegen suchen und alle Wege versperrt sehen.

Panik, heißt das, ist das Grundgefühl im deutschen Biedermeier. Es führt zu einer so ambivalenten wie wahnhaften Haltung dem Fremden gegenüber:

1. Im Fremden wird man (rechts) der eigenen Angst vor Änderungen habhaft, der/die/das Fremde verkörpert all die Alternativen zum alternativlosen Status quo, die nicht sein dürfen und sollen.

2. Der/die/das Fremde wird (links) zur Projektionsfläche für die eigenen Ausstiegsträume und Sehnsüchte nach alternativen Lebensformen.

Von K.P. am 28. August 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

... sind Lebensformen.

Es gibt nicht nur Argumente, die wie aus der Pistole geschossen kommen (und wahrscheinlich schon deswegen falsch sind), sondern auch Leute, die reden wie Maschinengewehre im Dauerfeuer.

Gewalttätig redet, wer nichts als die Rechtfertigung eigener Standpunkte und Handlungen betreibt.

Eine zivilisierte Rede setzt sich mit den Reden anderer, wer sie auch seien, auseinander; nimmt ihre Gefühle wahr und nimmt sie (jedenfalls manchmal) ernst; sie modifiziert nach dieser Wahrnehmung eigene »Standpunkte«. (Klaus Theweleit)

vs.

Wer eine Stunde lang redet, um eigene Standpunkte zu untermauern und seine Handlungen zu rechtfertigen, ist strukturell ein Faschist; unabhängig davon, was er »inhaltlich« sagt. (Klaus Theweleit)

Von K.P. am 26. August 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Klaus Theweleit folgt in »Das Lachen der Täter: Breivik u.a.« auch den Spuren misslungener Integration, die zu den Selbstmordattentaten der ISIS führen. Das Staunen darüber, dass sich ganz normale Jungs und Mädchen von islamistischen Predigern in den Krieg ziehen lassen, ist naiv.

Misslungene Integration produziert Fremde, die geduldet werden.

Die Pointe der von Theweleit zitierten Fallgeschichten: »Fußballclub und Disco allein reichen offenbar nicht, um Teil der Community (...) zu werden« (191). Es regiert die »Wahrnehmung: Hier kommst du nie rein! Nie, nie!« (191)

Und Theweleit erinnert sich: »Sie lassen dich nicht - das Gefühl, von dem viele Migrantenkinder berichten; und das mir als ostpreußischem Flüchtlingskind 1945ff in Schleswig-Holstein nicht völlig fremd ist.« (191)

Duldsamkeit

Die misslungene Integration läuft auf die Formel der »Duldung« hinaus, auf eine »fundamentale Nichtachtung« (192), die für »Fremde« »allerhöchstens Duldsamkeit kennt« (192).

Das reicht aber nicht, um sich hier auf ein Leben einzulassen. Die Duldsamkeit kann, wenn es denen, die uns hier dulden, irgendwann so passt, gekündigt werden; und oft genug, bei jeder beliebigen Kleinigkeit sogar, kann sie schon gekündigt worden sein.(192)

Integration, das heißt einen »Zustand zu finden, in dem die eigene Körperlichkeit als aushaltbar erlebt wird« (191). Gerade bei Jugendlichen »zwischen den Kulturen« braucht sie Beziehungen und genügend Anerkennung, nicht das formelhafte Bekenntnis zu einer Werteordnung.

Was also heißt Integration?

Integration heißt ja nicht, ich passe mich an, sondern ich finde jemanden, mit dem ich auf einer gleichberechtigten Ebene leben, mich austauschen und entwickeln kann. Wenn man so jemanden nicht hat, gibt es keine Integration.

Junge Menschen, insbesondere junge Männer mit der Empfindung einer gesellschaftlichen Ortlosigkeit, die im adoleszenten Alter immer mit einer körperlichen Unsicherheit einhergeht, sind massiv davon bedroht, in diesem Zustand körperlich zu fragmentieren. Wenn dann die Unsicherheit über den eigenen sexuellen Status hinzukommt, wenn noch eine Freundschaft bricht, eine Liebesbeziehung oder eine Vereinszugehörigkeit misslingt und bei der Gelegenheit noch »Du gehörst ja nicht hierher« ins Spiel gebracht wird, geht der schwache Boden unter den Füßen womöglich ganz weg: »Hier werde ich nie was!« »Hier lässt man mich nicht leben!« Dann muss etwas Größeres her. Diesen Zustand aufzufangen und zu bearbeiten, stehen offenbar »Prediger« bereit.

Dagegen hilft nicht, die Jugendlichen auf die »Errungenschaften der westlichen Zivilisation« einzuschwören; in dieser gesellschaftlichen Lebensform Fuß zu fassen, misslingt ihnen aktuell ja gerade. Helfen würden nur Beziehungen, Liebschaften, gute, tragfähige Gruppen oder Vereine und natürlich ein guter Arbeitsplatz. Sie geben Boden unter den Füßen. Erst dann kann man wachsen. Wer nicht in dieser Form wachsen kann, wächst in den Idiotismus der Großmacht. Das ist so etwas wie ein Gesetz.

Von K.P. am 18. Juli 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Die Frage, ob man zu einem anderen sagen dürfe »Ich habe Angst«, hat Hans Blumenberg damit beschieden, dass das »unzulässig, ja unsittlich« sei.

Der Grund: Es gibt auf dieses Eingeständnis keine Erwiderung, keine Einstellung, keine Chance des Trostes, der Hilfe. Was es erzeugt, ist die absolute Verlegenheit. Indem etwas gefordert zu sein scheint, wird zugleich alles verboten. Die Zumutung ist die des Unmöglichen: zu antworten, es bestehe doch kein Grund: Darf man dem anderen das Wort entziehen, indem man ihm vortäuscht, sich zu öffnen?

»Absolute Verlegenheit«, das ist, was die besorgten Bürger rhetorisch provozieren, wenn sie im Zusammenhang von Flüchtlingsunterkünften und anderen aus dem Recht auf Asyl entstehenden Zumutungen ihre »Ängste« meinen artikulieren zu müssen. Den Adressaten des Bekenntnisses soll durch die zur Schau gestellte Öffnung der eigenen Befindlichkeit das Wort entzogen werden. Im politischen Raum wird das Wort erstickt.

Denn noch so sehr kann entkräftet werden, dass für das »vor« der Angst gar kein Grund besteht. Die Behauptung der eigenen Angst will gar keine Argumente und Sachverhalte zur Kenntnis nehmen, sondern den anderen zum Schweigen bringen. Denn mit dem Satz »Ich habe Angst« wird jede Entgegnung, jeder Fortschritt in der Debatte a priori in's Unrecht gesetzt. Wir haben es beim ängstlichen Gerede mit einer politisch-rhetorischen Strategie der Selbstimmunisierung zu tun.

Die Tatsache der »Angst« überwölbt als Resonanzraum jede Konkretion und verhindert jede Diskussion. Unternimmt man den Versuch aufzuklären, so wird dem Argument stets damit begegnet werden, die Ängste ja gar nicht ernst zu nehmen. Wer Angst hat, so wird unterstellt, kann gar nicht irren. Angst erschließt die Wirklichkeit mit einem Absolutheitsanspruch, der nicht in Frage gestellt werden darf.

Selbstgefälligkeit ist die affektive Rückseite der schamlos in aller Öffentlichkeit zur Schau gestellten Ängste.

So wollen die besorgten Bürger auch gar nicht, dass ihnen Ängste genommen werden. Sie benötigen psychologisch die Behauptung ihrer Ängste als Verstärker der eigenen Identität, die deswegen leer und abstrakt bleibt, weil sie sich von nichts berühren lässt, was das eigene Selbst mit sich in Widerspruch bringen könnte. Deswegen läuft auch jeder Streit in's Leere, hat die Angst erst einmal das Diktat begonnen.

Ich habe Angst, das heißt in Wirklichkeit: ich will/muss so bleiben, wie ich bin ... und darf mit (Ich-)Fremdem nicht in Berührung kommen. Angst ist die psychische Form des völkischen Subjekts. Sie dreht sich um sich selbst, um bei sich selbst zu bleiben. Sie wird zur seelischen Figur von Erfahrungslosigkeit. Und sie wird schließlich nicht anders können, als um ihrer Selbsterhaltung willen all denen Angst zu machen, die die abstrakte Konsistenz des eigenen aus Angstzwängen gebildeten Ichs bedrohen.

Wenn jetzt in einer »Petition« gefordert wird, das Demonstrationsrecht vor Flüchtlingsheimen einzuschränken, dann zeigt das nichts anderes als die erschreckenden Mehrheitsverhältnisse in Deutschland.

Denn gäbe es eine aktive Mehrheit, denen das (Menschen-)Recht und das Leben der Flüchtlinge nicht schlicht und einfach egal ist, dann fänden rassistische Demonstrationen nicht so häufig statt - dann würde der Mob gesellschaftlich schnell geächtet, der jetzt nach Belieben offen Menschen bedroht und ihnen Angst machen darf.

Das sind die, die bei Informationsveranstaltungen zu Flüchtlingsunterkünften oder bei Facebook ganz offen und im eigenen Namen dumme Parolen und Hass verbreiten.

Gäbe es in Deutschland noch mehr als nur Spuren bürgerlicher Reaktions- und Verhaltensweisen, dann wäre jede(r) aus der Meute unter Wahrung der üblichen Fristen seinen Arbeitsplatz los, würde in der Kneipe, beim Bäcker oder Zeitungshändler nicht mehr bedient und flöge aus dem Verein, in dem rassistische Ansichten nicht mit heimlichen Wohlgefallen geduldet wären.

Stattdessen begreifen Politik und Bürgerschaft paternalistisch die Gesellschaft als therapeutisches Kollektiv: man müsse denen, die sich mit erfundenen Sorgen rhetorisch geschickt ins Recht setzen, nur zuhören und ihnen die Ängste nehmen.

Aber nein, das muss man nicht, das sind keine kleinen Kinder, sondern politische Subjekte, die sind schon groß und wissen genau, was sie tun und wollen. Rassisten und Nazis gehören nicht auf die Couch, sondern ins gesellschaftliche Abseits. Was sie verdienen, ist »unsere« (wer auch immer das alles ist) Verachtung.

Stattdessen gibt es dann wieder Lichterketten.

Tröstend nur, dass in der repräsentativen Demokratie die Mehrheitsverhältnisse nicht mit Machtverhältnissen identisch sind.

Wo sie sich ernsthaft vorwagen (...), müssen die wirklich zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne Sentimentalität angewandt werden, gar nicht aus Strafbedürfnis oder um sich an diesen Menschen zu rächen, sondern um ihnen zu zeigen, dass das einzige, was ihnen imponiert, nämlich wirklich gesellschaftliche Autorität, einstweilen dann doch noch gegen sie steht. (Theodor W. Adorno)

Source: Für ein Verbot fremdenfeindlicher Demos vor Flüchtlingsheimen!

Von K.P. am 14. Juli 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Nietzsche beschreibt in der Genealogie der Moral den seelischen Haushalt des Gläubigers ...

Namentlich aber konnte der Gläubiger dem Leibe des Schuldners alle Arten Schmach und Folter antun, zum Beispiel so viel davon herunterschneiden, als der Größe der Schuld angemessen schien – und es gab frühzeitig und überall von diesem Gesichtspunkte aus genaue, zum Teil entsetzlich ins kleine und kleinste gehende Abschätzungen, zurecht bestehende Abschätzungen der einzelnen Glieder und Körperstellen. Ich nehme es bereits als Fortschritt, als Beweis freierer, größer rechnender, römischerer Rechtsauffassung, wenn die Zwölftafel-Gesetzgebung Roms dekretierte, es sei gleichgültig, wieviel oder wie wenig die Gläubiger in einem solchen Falle herunterschnitten »si plus minusve secuerunt, ne fraude esto«. Machen wir uns die Logik dieser ganzen Ausgleichsform klar: sie ist fremdartig genug. Die Äquivalenz ist damit gegeben, daß an Stelle eines gegen den Schaden direkt aufkommenden Vorteils (also an Stelle eines Ausgleichs in Geld, Land, Besitz irgendwelcher Art) dem Gläubiger eine Art Wohlgefühl als Rückzahlung und Ausgleich zugestanden wird – das Wohlgefühl, seine Macht an einem Machtlosen unbedenklich auslassen zu dürfen, die Wollust »de faire le mal pour le plaisir de le faire«, der Genuß in der Vergewaltigung: als welcher Genuß um so höher geschätzt wird, je tiefer und niedriger der Gläubiger in der Ordnung der Gesellschaft steht, und leicht ihm als köstlichster Bissen, ja als Vorgeschmack eines höheren Rangs erscheinen kann. Vermittelst der »Strafe« am Schuldner nimmt der Gläubiger an einem Herren-Rechte teil: endlich kommt auch er einmal zu dem erhebenden Gefühle, ein Wesen als ein »Unter-sich« verachten und mißhandeln zu dürfen – oder wenigstens, im Falle die eigentliche Strafgewalt, der Strafvollzug schon an die »Obrigkeit« übergegangen ist, es verachtet und mißhandelt zu sehen. Der Ausgleich besteht also in einem Anweis und Anrecht auf Grausamkeit. (Nietzsche, Genealogie der Moral)

Von K.P. am 31. Mai 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Manuel Alegre bringt das Leben des Südens (a terra o vinho o sol o mar) gegen die (Ein-)Schnitte und Kürzungen der Schuld in Erinnerung (was mich gerade sehr an Camus erinnert).

Porque me dói ver um país, que é dos países mais velhos da Europa, em declínio, transformado num ‘bairro ocidental’, numa espécie de junta de freguesia da Europa, numa Europa que também deixou de ser um espaço de liberdade para ser uma espécie de prisão que contamina tudo. Isto tem que dar uma volta. (Manuel Alegre)

Eine neue Sprache, die nicht von den Mächten der Schuld diktiert wird: "É tanto uma revolta como uma luta pela reabilitação da linguagem poética numa Europa menos pervertida." (Manuel Alegre)

RESGATE
Há qualquer coisa aqui de que não gostam
da terra das pessoas ou talvez
deles próprios
cortam isto e aquilo e sobretudo
cortam em nós
culpados sem sabermos de quê
transformados em números estatísticas
défices de vida e de sonho
dívida pública dívida
de alma
há qualquer coisa em nós de que não gostam
talvez o riso esse
desperdício.
Trazem palavras de outra língua
e quando falam a boca não tem lábios
trazem sermões e regras e dias sem futuro
nós pecadores do Sul nos confessamos
amamos a terra o vinho o sol o mar
amamos o amor e não pedimos desculpa.
Por isso podem cortar
punir
tirar a música às vogais
recrutar quem os sirva
não podem cortar o Verão
nem o azul que mora
aqui
não podem cortar quem somos.
(Manuel Alegre, ‘Resgate’, in “Bairro Ocidental”. Dom Quixote. 2015)

Pátria minha

Entre nós e amanhã há uma taxa de juro
uma empresa de rating Bruxelas Berlim
entre hoje e o futuro há outra vez um muro

.. patria minha, schreibt er / lese ich ... und: o poema tem de ser o teu país.

Source: Poema inédito de Manuel Alegre

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Wer hat Angst vor der Philosophie?

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Was für ein Wort, denken. Denken ist nur aufmerksam hinhören.

- António Lobo Antunes

Wie ist es möglich, dass man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird - dass man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird?

- Michel Foucault

Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert.

- Theodor W. Adorno

Tant mieux. Nicht weinen. Der Unsinn der kritischen Prognosen.

- Walter Benjamin

Heute kommt es (…) darauf an, zu retten, was von der persönlichen Freiheit noch übrig ist. Radikal sein heißt heute konservativ sein.

- Max Horkheimer

I have no spiritual investment in this world as it is.

- Jacob Taubes

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