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Scharfschwerdtstraße 43

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Notizen

Von K.P. am 18. Juli 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Die Frage, ob man zu einem anderen sagen dürfe »Ich habe Angst«, hat Hans Blumenberg damit beschieden, dass das »unzulässig, ja unsittlich« sei.

Der Grund: Es gibt auf dieses Eingeständnis keine Erwiderung, keine Einstellung, keine Chance des Trostes, der Hilfe. Was es erzeugt, ist die absolute Verlegenheit. Indem etwas gefordert zu sein scheint, wird zugleich alles verboten. Die Zumutung ist die des Unmöglichen: zu antworten, es bestehe doch kein Grund: Darf man dem anderen das Wort entziehen, indem man ihm vortäuscht, sich zu öffnen?

»Absolute Verlegenheit«, das ist, was die besorgten Bürger rhetorisch provozieren, wenn sie im Zusammenhang von Flüchtlingsunterkünften und anderen aus dem Recht auf Asyl entstehenden Zumutungen ihre »Ängste« meinen artikulieren zu müssen. Den Adressaten des Bekenntnisses soll durch die zur Schau gestellte Öffnung der eigenen Befindlichkeit das Wort entzogen werden. Im politischen Raum wird das Wort erstickt.

Denn noch so sehr kann entkräftet werden, dass für das »vor« der Angst gar kein Grund besteht. Die Behauptung der eigenen Angst will gar keine Argumente und Sachverhalte zur Kenntnis nehmen, sondern den anderen zum Schweigen bringen. Denn mit dem Satz »Ich habe Angst« wird jede Entgegnung, jeder Fortschritt in der Debatte a priori in's Unrecht gesetzt. Wir haben es beim ängstlichen Gerede mit einer politisch-rhetorischen Strategie der Selbstimmunisierung zu tun.

Die Tatsache der »Angst« überwölbt als Resonanzraum jede Konkretion und verhindert jede Diskussion. Unternimmt man den Versuch aufzuklären, so wird dem Argument stets damit begegnet werden, die Ängste ja gar nicht ernst zu nehmen. Wer Angst hat, so wird unterstellt, kann gar nicht irren. Angst erschließt die Wirklichkeit mit einem Absolutheitsanspruch, der nicht in Frage gestellt werden darf.

Selbstgefälligkeit ist die affektive Rückseite der schamlos in aller Öffentlichkeit zur Schau gestellten Ängste.

So wollen die besorgten Bürger auch gar nicht, dass ihnen Ängste genommen werden. Sie benötigen psychologisch die Behauptung ihrer Ängste als Verstärker der eigenen Identität, die deswegen leer und abstrakt bleibt, weil sie sich von nichts berühren lässt, was das eigene Selbst mit sich in Widerspruch bringen könnte. Deswegen läuft auch jeder Streit in's Leere, hat die Angst erst einmal das Diktat begonnen.

Ich habe Angst, das heißt in Wirklichkeit: ich will/muss so bleiben, wie ich bin ... und darf mit (Ich-)Fremdem nicht in Berührung kommen. Angst ist die psychische Form des völkischen Subjekts. Sie dreht sich um sich selbst, um bei sich selbst zu bleiben. Sie wird zur seelischen Figur von Erfahrungslosigkeit. Und sie wird schließlich nicht anders können, als um ihrer Selbsterhaltung willen all denen Angst zu machen, die die abstrakte Konsistenz des eigenen aus Angstzwängen gebildeten Ichs bedrohen.

Wenn jetzt in einer »Petition« gefordert wird, das Demonstrationsrecht vor Flüchtlingsheimen einzuschränken, dann zeigt das nichts anderes als die erschreckenden Mehrheitsverhältnisse in Deutschland.

Denn gäbe es eine aktive Mehrheit, denen das (Menschen-)Recht und das Leben der Flüchtlinge nicht schlicht und einfach egal ist, dann fänden rassistische Demonstrationen nicht so häufig statt - dann würde der Mob gesellschaftlich schnell geächtet, der jetzt nach Belieben offen Menschen bedroht und ihnen Angst machen darf.

Das sind die, die bei Informationsveranstaltungen zu Flüchtlingsunterkünften oder bei Facebook ganz offen und im eigenen Namen dumme Parolen und Hass verbreiten.

Gäbe es in Deutschland noch mehr als nur Spuren bürgerlicher Reaktions- und Verhaltensweisen, dann wäre jede(r) aus der Meute unter Wahrung der üblichen Fristen seinen Arbeitsplatz los, würde in der Kneipe, beim Bäcker oder Zeitungshändler nicht mehr bedient und flöge aus dem Verein, in dem rassistische Ansichten nicht mit heimlichen Wohlgefallen geduldet wären.

Stattdessen begreifen Politik und Bürgerschaft paternalistisch die Gesellschaft als therapeutisches Kollektiv: man müsse denen, die sich mit erfundenen Sorgen rhetorisch geschickt ins Recht setzen, nur zuhören und ihnen die Ängste nehmen.

Aber nein, das muss man nicht, das sind keine kleinen Kinder, sondern politische Subjekte, die sind schon groß und wissen genau, was sie tun und wollen. Rassisten und Nazis gehören nicht auf die Couch, sondern ins gesellschaftliche Abseits. Was sie verdienen, ist »unsere« (wer auch immer das alles ist) Verachtung.

Stattdessen gibt es dann wieder Lichterketten.

Tröstend nur, dass in der repräsentativen Demokratie die Mehrheitsverhältnisse nicht mit Machtverhältnissen identisch sind.

Source: Für ein Verbot fremdenfeindlicher Demos vor Flüchtlingsheimen!

Von K.P. am 15. Juli 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Wenn von Gysi jetzt Thomas Manns Formel »Wir brauchen ein europäisches Deutschland, kein deutsches Europa« zitiert wird, dann zeigt das nur, wie weit auf der anderen Seite Merkel, Schäuble, Gabriel usw. in ihrem nationalistischen Gebaren von bürgerlichen Ideen und Verhaltensweisen entfernt sind.

Die Große Koalition macht im Grunde nur das sichtbar - das Ende des bürgerlich-liberalen Deutschlands, einer gewissen durch äußeren Druck und historische Erfahrung erzwungenen Bescheidenheit, Offenheit und Zivilität im inneren wie äußeren Umgang. Prototypisch für den herrschenden Tonfall: der pöbelnde Kauder, der mit dem Stolz provinzieller Borniertheit den europäischen Nachbarn ins Ohr blökt: »Europa spricht Deutsch«.

Auch wenn es heute kaum jemand glaubt: Gewinner dieses Prozesses werden das griechische Volk, die jetzige griechische Regierung, möglicherweise und hoffentlich Europa, aber nicht unser Land, das heißt Deutschland, sein. Sieger, die nicht aufhören können zu siegen, verlieren später umso deutlicher. (Gysi)

...

Doch ich versichere allen Bürgerinnen und Bürgern in den Nachbarländern: Ich sehe unter den politischen Gestaltern in Deutschland niemanden, der ein deutsches Diktat anstreben würde. Bis jetzt hat sich unsere Gesellschaft als reif und rational erwiesen. In Deutschland – und dafür bin ich dankbar – fand keine populistisch-nationalistische Partei in der Bevölkerung die Zustimmung, die sie in den Deutschen Bundestag gebracht hätte. Aus tiefer innerer Überzeugung kann ich sagen: Mehr Europa heißt in Deutschland nicht: deutsches Europa. Mehr Europa heißt für uns: europäisches Deutschland! (Gauck)

...

Im Jahr 1953 hielt Thomas Mann in Hamburg eine Rede vor Studenten, in der er diese beschwor, sie sollten nicht nach einem "deutschen Europa", sondern nach einem "europäischen Deutschland" streben. Diese Formel wurde in den Tagen der Wiedervereinigung endlos wiederholt. Heute aber erleben wir eine Variation, die nur wenige vorhergesehen haben: ein europäisches Deutschland in einem deutschen Europa. (Timothy Garton Ash)

...

Der Milliardär fordert die unumschränkte Freiheit, durch seine privaten Entschlüsse mit der Weltlage nach Gefallen zu schalten, ohne einen ethischen Maßstab als den des Erfolges. Er kämpft mit allen Mitteln des Kredits und der Spekulation den Gegner auf seinem Felde nieder. Der Trust ist sein Staat, seine Armee, und der politische Staat nicht viel mehr als sein Agent, den er mit Kriegen, wie dem spanischen und südafrikanischen, mit Verträgen und Friedensschlüssen beauftragt. Die Vertrustung der ganzen Welt ist das Endziel dieser echten Herrenmenschen. (Oswald Spengler, Preussentum und Sozialismus)

Von K.P. am 14. Juli 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Nietzsche beschreibt in der Genealogie der Moral den seelischen Haushalt des Gläubigers ...

Namentlich aber konnte der Gläubiger dem Leibe des Schuldners alle Arten Schmach und Folter antun, zum Beispiel so viel davon herunterschneiden, als der Größe der Schuld angemessen schien – und es gab frühzeitig und überall von diesem Gesichtspunkte aus genaue, zum Teil entsetzlich ins kleine und kleinste gehende Abschätzungen, zurecht bestehende Abschätzungen der einzelnen Glieder und Körperstellen. Ich nehme es bereits als Fortschritt, als Beweis freierer, größer rechnender, römischerer Rechtsauffassung, wenn die Zwölftafel-Gesetzgebung Roms dekretierte, es sei gleichgültig, wieviel oder wie wenig die Gläubiger in einem solchen Falle herunterschnitten »si plus minusve secuerunt, ne fraude esto«. Machen wir uns die Logik dieser ganzen Ausgleichsform klar: sie ist fremdartig genug. Die Äquivalenz ist damit gegeben, daß an Stelle eines gegen den Schaden direkt aufkommenden Vorteils (also an Stelle eines Ausgleichs in Geld, Land, Besitz irgendwelcher Art) dem Gläubiger eine Art Wohlgefühl als Rückzahlung und Ausgleich zugestanden wird – das Wohlgefühl, seine Macht an einem Machtlosen unbedenklich auslassen zu dürfen, die Wollust »de faire le mal pour le plaisir de le faire«, der Genuß in der Vergewaltigung: als welcher Genuß um so höher geschätzt wird, je tiefer und niedriger der Gläubiger in der Ordnung der Gesellschaft steht, und leicht ihm als köstlichster Bissen, ja als Vorgeschmack eines höheren Rangs erscheinen kann. Vermittelst der »Strafe« am Schuldner nimmt der Gläubiger an einem Herren-Rechte teil: endlich kommt auch er einmal zu dem erhebenden Gefühle, ein Wesen als ein »Unter-sich« verachten und mißhandeln zu dürfen – oder wenigstens, im Falle die eigentliche Strafgewalt, der Strafvollzug schon an die »Obrigkeit« übergegangen ist, es verachtet und mißhandelt zu sehen. Der Ausgleich besteht also in einem Anweis und Anrecht auf Grausamkeit. (Nietzsche, Genealogie der Moral)

Von K.P. am 14. Juli 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Don Aphonso verwandelt in der FAZ regelmäßig politische Diskussionen (zum Entsetzen braver linker Gemüter) in Stilprobleme und liegt damit in der Griechenlandfrage genau richtig.

Wir hätten es bei Merkels Diktat nicht nur mit einem Putsch gegen Griechenland, das vor die Wahl »Pleite oder Kapitulation und Protektorat« gestellt wurde, zu tun, sondern mit einem »Putsch gegen die alte BRD«. Das europäische Volk lerne gerade, was »die heimliche Herrscherin Europas« in der Realität bedeute.

»Pickelhauben-Merkel« hat mit finaler Wucht die »unter deutlichem Druck« zivilisierte Politik der alten Bundesrepublik zerschlagen. Um »internationalen Schaden« zu vermeiden, wollte noch das von Kohl und Schröder regierte Deutschland

nicht wie die überlegene Wirtschaftsmacht erscheinen, die berechtigte Forderungen wegwischt, als wären es lästige, dreiste Bittsteller. Sie taten es, weil eine einsichtige und taktisch kluge BRD ganz andere Ziele zu erreichen in der Lage ist, als ein Pickelhauben tragendes Zerrbild eines autoritären Staates deutschen Wesens.

»Vertraut uns«, war das Credo der deutschen Europapolitik der letzten 70 Jahre. »Befolgt unsere Anweisungen, wenn ihr wollt, dass wir euch vertrauen«, ist das neue Motto, und leider ähnelt es dem, was davor unter dem Joch der Deutschen in Konflikten üblich war. Das deutsche »Nie wieder« hat ein Kleingedrucktes mit Ausnahmen bekommen, heute Nacht in Brüssel, und es könnte von Oswald Spengler geschrieben sein.

Der Milliardär fordert die unumschränkte Freiheit, durch seine privaten Entschlüsse mit der Weltlage nach Gefallen zu schalten, ohne einen ethischen Maßstab als den des Erfolges. Er kämpft mit allen Mitteln des Kredits und der Spekulation den Gegner auf seinem Felde nieder. Der Trust ist sein Staat, seine Armee, und der politische Staat nicht viel mehr als sein Agent, den er mit Kriegen, wie dem spanischen und südafrikanischen, mit Verträgen und Friedensschlüssen beauftragt. Die Vertrustung der ganzen Welt ist das Endziel dieser echten Herrenmenschen. (Oswald Spengler, Preussentum und Sozialismus)

Von K.P. am 05. Juli 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Am Rahmer See üben sich die Kinder in der Schwierigkeit »Nein« zu sagen.

  • Nur zwei Kugeln ...
  • Du bleibst vorne im flachen Wasser ...
  • Wir gehen in zehn Minuten ...
  • Zieh dir ein T-Shirt über ...
  • Du legst dich jetzt erstmal ein paar Minuten auf's Handtuch ...
  • Wir fahren gleich nach Hause ...

... Nein!

Von K.P. am 05. Juli 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Man darf das Recht des Individuums nicht der Kultur der Gemeinschaft opfern. So plädiert Justus Wertmüller mit Recht für das bürgerliche Recht ...

Die ganze Debatte zum Umgang mit dem Islam rührt jedoch an eine viel grundsätzlichere Frage: der Integration von Migranten und Flüchtlingen. In der Tat gibt es keinen vernünftigen Grund, Flüchtlingen die Chance auf ein besseres Leben zu verweigern, und der Parole „Bleiberecht für alle!“ lässt sich mehr abgewinnen als Versuchen, Fluchtursachen fein säuberlich in (legitime) politische und (verwerfliche) wirtschaftliche Gründe zu trennen.

Wer A sagt – „Refugees Welcome“ –, wird um die Frage B, nämlich die nach der Integration, nicht herumkommen, wenn es gilt, Doppelstandards nach den Maßgaben autoritärer Parallelgesellschaften zu verhindern, wofür maßgeblich, aber nicht ausschließlich, die islamischen Communities stehen. Voraussetzung dafür wäre, dass eine Gesellschaft die universellen Maßstäbe des Westens, an denen sich die Einzelnen in ihrem täglichen Leben sehr wohl orientieren, zu ihrer Sache macht und gewillt ist, diese selbstbewusst durchzusetzen. Das wäre notwendig mit der Einsicht verbunden, dass „Vielfalt“ oder „Anderssein“ ausschließlich als private Vorliebe und niemals als Gemeinschaftseigenschaft zu gelten hätte, die ihre Grenzen am bürgerlichen Recht erfährt. Denn so merkwürdig es auch klingen mag: In nicht revolutionären Zeiten ist der Restbestand von Vernunft, der überdauert hat, nicht auf den Demonstrationen irgendwelcher Globalisierungsgegner anzutreffen und schon gar nicht bei den Freunden der abendländischen Kultur, sondern im unpersönlichen Getriebe der Rule of Law.

Auch in Hohen Neuendorf trifft sich der rassistische Mob besorgte Bürger bei Facebook. Seit dem 6. Mai versucht er sich unter dem Motto "Gegen Asylheim in Hohen Neuendorf" in Stimmung zu bringen.

Unter der Bezeichnung "Gegen Asylheim in Hohen Neuendorf" wurden gleich drei Gruppen gegründet.

  1. https://www.facebook.com/groups/481936098620054/ (geschlossene Gruppe, 14 Mitglieder)
  2. https://www.facebook.com/groups/906017806108643/ (geschlossene Gruppe, 7 Mitglieder)
  3. https://www.facebook.com/groups/1465000897124761 (öffentliche Gruppe, 75 Mitglieder)

Ein weiterer Versuch unter dem Namen "Gegen Ayslheim (sic!) in Hohen Neuendorf" ging schon mit deutlicher Rechtschreibeschwäche an den Start:

  1. https://www.facebook.com/groups/1383913908606073 (öffentliche Gruppe, 90 Mitglieder)

Der Administrator aller Gruppen ist identisch.

Regelmäßig aktualisiert wird wohl nur die Gruppe »1465000897124761«, die Beiträge finden selten mehr als 20 Leser.

Der Anlass der Gründung wird durch einen Beitrag vom 6. Mai deutlich:

»der hammer, es wird neben der grundschule gebaut.«

»es wurden heute flyer verteilt und es waren ca. 100 leute aus der niederheide am rathaus«

Hohen Neuendorf, Nein zum Heim, 6. Mai

Kaum wird bekannt, dass in Birkenwerder Unterkünfte für Flüchtlinge und Studenten gebaut werden sollen, zeigt sich bei Facebook die Gemeinschaft der Kalten und Pöbler.

Birkenwerder, kalt

Weiter geht's im üblichen Stil: der Mob stimmt sich gegenseitig hoch, die Lautsprecher bekommen Beifall von der sonst im Alltag ganz biederen Gefolgschaft.

Birkenwerder, kalt 2

Birkenwerder, kalt 3

Eine Wutbürgerin in freier Wildbahn: Unterkünfte für Flüchtlinge sollen gebaut werden und die Folge: ... das Erbe ist in Gefahr, die Sicherheit der Eltern, die Rechtschreibung hat bereits kapituliert »!!!!!!!!!!!!!!!«

Birkenwerder, kalt solo

Bald werden sie sich als besorgte Bürger in Szene setzen, jammern, dass niemand mit ihnen spricht, und, wenn sich jemand findet, der ihre kalte Wut organisiert, auf Abendspaziergängen in Birkenwerder unterwegs sein.

Von K.P. am 23. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Habermas beschreibt, warum Merkels Griechenland-Politik ein Fehler ist, und kritisiert, wie die griechische Regierung sich an einem Politikwechsel versucht.

Einerseits sieht er die demokratische Legitimation, einen Politikwechsel in der Euro-Zone herbeizuführen:

Das griechische Wahlergebnis ist das Votum einer Nation, die sich mit deutlicher Mehrheit gegen das ebenso erniedrigende wie niederdrückende soziale Elend einer dem Land oktroyierten Sparpolitik zur Wehr setzt. An dem Votum selbst gibt es nichts zu deuteln: Die Bevölkerung lehnt die Fortführung einer Politik ab, deren Fehlschlag sie am eigenen Leibe drastisch erfahren hat. Mit dieser demokratischen Legitimation ausgestattet, macht die griechische Regierung den Versuch, einen Politikwechsel in der Euro-Zone herbeizuführen.

Kritisch sieht er, wie der Versuch durchgeführt wird:

Tsipras und Syriza hätten das Reformprogramm einer linken Regierung entwickeln und damit ihre Verhandlungspartner in Brüssel und Berlin "vorführen" können. (...) Die linke Regierung hätte ganz im Sinne des wirtschaftswissenschaftlichen Nobelpreisträgers eine keynesianische Entmischung der Merkel'schen Medizin vornehmen und alle neoliberalen Zumutungen konsequent zurückweisen können; aber gleichzeitig hätte sie ihre Absicht glaubhaft machen müssen, die fällige Modernisierung von Staat und Wirtschaft durchzuführen, einen Lastenausgleich vorzunehmen, Korruption und Steuerflucht zu bekämpfen usw. (...) Stattdessen hat sie sich aufs Moralisieren verlegt - auf ein blame game

Aber vermutlich ist solch ein Moralisieren schlicht und einfach dann notwendige Ideologie, wenn Politik unter Zeitdruck steht und faktisch machtlos ist. Denn natürlich haben "die Griechen" jetzt nicht "verstanden", was die unzweifelbar richtige Politik ist - wie der Kommentator in den Tagesthemen gerade behauptet, sondern sind auf den Boden der tatsächlichen Herrschafts- und Kapitalverhältnisse aufgeschlagen.

Von K.P. am 21. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Gegen die Ästhetisierung der Politik (und des politischen Protestes) hat Heiner Müller den Ort des Schönen in der Kunst verteidigt - gegen das schlechte Bestehende.

Deswegen auch sein klares Verhältnis von Kunst und Politik. Müller sah die Konflikte der Wirklichkeit und war sich der Pflicht bewusst, auf diese einzuwirken, aber er sah es nicht als Aufgabe der Kunst, diese Konflikte schlicht zu bebildern. Kunst befähigt uns, die Urteile über die Wirklichkeit zu korrigieren, in dem wir mit anderen Denkweisen und anderen Wahrnehmungsformen konfrontiert werden. Wenn man Kunst und Politik in eins setzt, vergisst man, dass beide eine unterschiedliche Zeit, einen unterschiedlichen Raum haben, also die Kunst eine eigene Wirklichkeit hat. Wenn man der Kunst keine eigene Wirklichkeit zugesteht, büßt sie all ihre Wirkung auf die Wirklichkeit ein; und damit ihre wirkliche Subversivität. (...) In dem letzten der intensiven Gespräche Müllers mit Alexander Kluge kommt er auf die schöne dialektische Volte, in der Kunst mit Schönheit politische Wirkung erzielen zu wollen. Die Schönheit kommt in der Wirklichkeit immer weniger vor, und deshalb ist sie die größte Provokation. Durchgearbeitete, geformte Schönheit, – nicht gefällige. Sie ist der schmerzhafteste Affront gegen diese Wirklichkeit, die nur Planloses kennt. Sie erfülle so die politische Aufgabe der Kunst, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.


Von K.P. am 16. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Jochen Hörisch (auf den Spuren Walter Benjamins) in einem Interview über wirtschaftswissenschaftlichen Dogmatismus.

Philologie als Kritik: zur Erschütterung falscher Gewissheiten oder vorgeblich eherner Gesetze.

Jedenfalls kenne ich keine andere Wissenschaft neben der Theologie, die so sehr auf Glaubenssätzen und Dogmen beruht wie die Wirtschaftswissenschaft. Und die dann zu allem Überfluss auch noch behauptet, sie operiere streng mathematisch mit durchgerechneten Zahlen, Daten und Fakten. Als Philologe entgegne ich, dass schon die Begriffswelt der Ökonomen wie ein Schwamm getränkt ist mit religiösem Vokabular.

Dazu ein großartiger Aufsatz von Christoph Schulte über den Kult ums Geld und Marktkritik als Sakrileg. Die ökonomische Aufklärung und Entmythologisierung des Geldes bleibe, so zitiert er Hörisch, »hinter dem Stand der religiös-theologischen Aufklärung bemerkenswert weit zurück«. Und, so Schulte:

Immer deutlicher zeige sich, dass das materielle Wertsystem ebenfalls eine Glaubensfrage ist: „dass die Menschen ihre lange Demütigung in der Religion, die ihnen zum Bedürfnis geworden war, der Treue zur Arbeit, zur Ware … übertragen haben“. Da lohnt es vielleicht doch, eher wieder einem aufgeklärten Gottesglauben treu zu sein statt einem heillosen Geldglauben.

Source: „Religion und Ökonomie sind untrennbar“

Von K.P. am 14. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

»Kommission der Tränen«, der Titel seines zuletzt auf Deutsch erschienenen Romans klingt nach einer der für António Lobo Antunes so charakteristischen Metaphern. In diesem Fall aber ist das Bild kein ästhetisches, sondern eine politische Erinnerungsspur.

Sucht man im Internet nach »Kommission der Tränen«, so führt in deutscher Sprache nur das Buch des portugiesischen Autors auf die Spuren der historischen Ereignisse und der politischen Geschichte der angolanischen Befreiungsbewegung.

Denn »Kommission der Tränen« hieß im Volksmund jenes Tribunal, das von der MPLA 1977 installiert wurde, um Gefangene zu verhören, und das nach Auswertung der Aussagen entschied, ob sie dem Militär oder der Polizei übergeben werden sollten, was in beiden Fällen Folter und Tod bedeutete. An die Stelle der Kolonialmacht trat eine neue Schreckensherrschaft, nach dem Terror der PIDE, dem portugiesischen Staatsschutz, kam die Gewalt der MPLA, der marxistisch-leninistischen »Volksbewegung für die Befreiung Angolas.«

Anlass für die Terrorherrschaft hatten regierungskritische Demonstrationen unter der Führung von Nito Alves und José Van Dunen am 27. Mai 1977 gegeben, die sich gegen die maoistische Strömung innerhalb der MPLA wandten. Die unbewaffnete Volksbewegung wurde vom Präsidenten Agostinho Neto zum Staatsstreich erklärt und mit Hilfe der im Land stationierten kubanischen Truppen niedergeschlagen.

Ein gescheitertes Attentat auf den Präsidenten führte mit dazu, dass in den Tagen und Monaten nach dem 27. Mai Oppositionelle aus der MPLA ausgestoßen, verfolgt und gefangen genommen wurden, um von ihnen (nach dem bekannten Ritual der »Selbstkritik«) Geständnisse zu erzwingen.

Verantwortlich für die Massaker war niemand anders als der im Ostblock als großer Humanist verklärte Präsident Agosthino Neto, der 1979 in Moskau verstarb. Die Anschuldigungen gegen Oppositionelle lauteten abwechselnd und wahllos darauf, daß Land an die Sowjets, die Chinesen, die Kubaner, die USA, die südafrikanische Apartheid oder sonstwen ausliefern zu wollen. Quelle: Ein kaum bekanntes stalinistisches Verbrechen der siebziger Jahre.

Verhört wurden vor allem als »Abweichler« (im Jargon der deutschen Linken wäre von »Spaltern« die Rede gewesen) titulierte kritische Intellektuelle, und so saßen den Verhören auch vor allem Miglieder der regierungstreuen Intelligenzija vor. Die Gefangenen wurden ausnahmslos gefoltert, ein Sachverhalt, der nicht nur von den Opfern überliefert, sondern auch von Amnesty International in einem Bericht (Dezember 1981) bestätigt wird.

Aufschluss über die Geschehnisse liefert Dalila Mateus in ihrem Buch »Purga em Angola« (2007), wo sie von 30.000 Toten spricht. Auch ihnen verleiht Lobo Antunes in seinem Roman eine Stimme:

das Mädchen das nicht aufhörte zu singen, während es geschlagen wurde, sie zogen es an einem Haken hoch, ließen es fallen, hörten sein Zahnfleisch auf dem Zement, und es sang mit dem Zahnfleisch, eine Kugel in den Bauch, und es sang, eine Kugel in die Brust, und es sang, sogar ohne Nase und ohne Zunge; sie glaubten es mit einer Pistolenkugel ins Herz zum Schweigen zu bringen

Dass es nicht schweigt, dass der Gesang, dass die Klage nicht verstummt, auch das ist dem (Kunst-)Werk zu verdanken.

Hinweise

Von K.P. am 12. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Wenn man heute, wie Heiner Geißler, nicht dem (neo-)liberalen Dogma folgt, sondern die katholische Soziallehre und mit ihr die soziale Marktwirtschaft als alternative Wirtschaftsform in's Spiel bringt, klingt das revolutionär.

Das ist die ideologische Konsequenz aus einem Vierteljahrhundert kapitalistischer Entfesselung und ideologischer Verblödung.

Das war schon Anfang der 90er Jahre kaum anders, als sozialdemokratische Intellektuelle wie Günter Gaus, damals Herausgeber der linken Wochenzeitschrift »Freitag«, den Eindruck machten, als seien sie ganz nach links gerückt, wobei sie doch nur einigen Grundsätzen sozialdemokratischer Linie treu geblieben waren und sich nicht wie der Mainstream dem Kapital als neuer Religion unterwarfen.

Von K.P. am 04. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Die öffentliche Ausstellung des Schlachtens ist gerade en vogue. Simuliert wird der Einfall des Realen in die Welt kulinarischen Scheins. Das ist Warenfetischismus mit Ökosiegel, nicht Aufklärung.

Ein Moderator erschlägt ein Kaninchen, TV-Köche häuten Tiere vor laufender Kamera, die Zeitschrift "Beef" inszeniert Schweinsköpfe. Das soll ein ehrlicher Umgang mit unserem Fleischkonsum sein - ist aber purer Fetischismus.

(...)

Die mediale Inszenierung des toten Tieres lässt es nur scheinbar in unsere Welt einbrechen - in Wirklichkeit hält die Beef uns das tote Tier auf Abstand, indem sie es wie in einer Vitrine aufbahrt. Die versuchte Heilung vom Fetischismus schlägt fehl. Stattdessen vergrößern die neuen Kochmagazine unsere Distanz zum toten Tier durch ihre Überästhetisierung. Sie hieven den Kadaver auf den Sockel. Die toten Kaninchen bei Sarah Wiener und der Schweinekopf in der Beef kommen den Zuschauern und Lesern aber nicht näher als abgepackte Lyoner. Es ist gerade die Inszenierung, die die Distanz erhöht. Durch den Fernseher lässt sich warmes Blut nicht fühlen, Hochglanz-Magazinseiten haftet nicht der Geruch von Kutteln an. Vom aufklärerischen Gestus einer Sarah Wiener und eines Jamie Oliver bleibt bei näherer Betrachtung nicht viel übrig. Sie erheben das tote Tier nun selbst zum Fetisch. Das spielt der Fleischindustrie in die Hände, denn die will nicht nur sattmachen, sondern auch unser Bedürfnis nach Nostalgie befriedigen. Dass das tote Tier nun als ästhetisiertes Kunstwerk in die Medien Einzug hält, zeigt am Ende: Auch aufgeklärte Esser versuchen das Steak von dem zu trennen, was es vorher war, um es genießen zu können. Das durch die Inszenierung untot gewordene Tier sucht die Kochmagazine heim wie ein Gespenst. Es macht das Steak selbst zu etwas Unheimlichem. Dies ist die Rache des Tieres.

Source: Die Rache des toten Tieres

Von K.P. am 04. Juni 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

... aber nicht zu uns. In Oranienburg nämlich positioniert sich die ev. Gemeinde in der Diskussion zum Kirchenasyl mit der Bemerkung:

"Wir sind nicht der bessere Staat"

Ja, bitte, was ist die Kirche dann, wenn nicht zwar Teil der Welt, aber Vorschein des Reiches und besserer, nämlich von Staat und Zwangsgewalt erlöster Sozietät?

Source: Noch vier Wochen geduldet

Von K.P. am 31. Mai 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Manuel Alegre bringt das Leben des Südens (a terra o vinho o sol o mar) gegen die (Ein-)Schnitte und Kürzungen der Schuld in Erinnerung (was mich gerade sehr an Camus erinnert).

Porque me dói ver um país, que é dos países mais velhos da Europa, em declínio, transformado num ‘bairro ocidental’, numa espécie de junta de freguesia da Europa, numa Europa que também deixou de ser um espaço de liberdade para ser uma espécie de prisão que contamina tudo. Isto tem que dar uma volta. (Manuel Alegre)

Eine neue Sprache, die nicht von den Mächten der Schuld diktiert wird: "É tanto uma revolta como uma luta pela reabilitação da linguagem poética numa Europa menos pervertida." (Manuel Alegre)

RESGATE
Há qualquer coisa aqui de que não gostam
da terra das pessoas ou talvez
deles próprios
cortam isto e aquilo e sobretudo
cortam em nós
culpados sem sabermos de quê
transformados em números estatísticas
défices de vida e de sonho
dívida pública dívida
de alma
há qualquer coisa em nós de que não gostam
talvez o riso esse
desperdício.
Trazem palavras de outra língua
e quando falam a boca não tem lábios
trazem sermões e regras e dias sem futuro
nós pecadores do Sul nos confessamos
amamos a terra o vinho o sol o mar
amamos o amor e não pedimos desculpa.
Por isso podem cortar
punir
tirar a música às vogais
recrutar quem os sirva
não podem cortar o Verão
nem o azul que mora
aqui
não podem cortar quem somos.
(Manuel Alegre, ‘Resgate’, in “Bairro Ocidental”. Dom Quixote. 2015)

Pátria minha

Entre nós e amanhã há uma taxa de juro
uma empresa de rating Bruxelas Berlim
entre hoje e o futuro há outra vez um muro

.. patria minha, schreibt er / lese ich ... und: o poema tem de ser o teu país.

Source: Poema inédito de Manuel Alegre

Von K.P. am 27. Mai 2015 keine Kommentare

Archive Kultur

Postdemokratische Verhältnisse auf Kreisklasseniveau funktionieren so: über 20 Kandidaten für das Amt stellen sich vor - und am Ende heißt der neue Landrat im Kreis Oberhavel Weskamp.

Im Koalitionsvertrag der Großen Koalition stehen die Spielregeln, die es zu unerwarteten Mehrheiten auf Grund von Qualifikationsüberraschung durch einen auswärtigen Kandidaten gar nicht erst kommen lassen:

Im Falle des Nichterreichens des Quorums in der Stichwahl zur Landratswahl einigt sich die Koalition unter Berücksichtigung des Stichwahlergebnisses auf eine Kandidatin/einen Kandidaten aus der Koalition. Wenn der neugewählte Landrat/die neugewählte Landrätin aus einer der Parteien der Koalition kommt, werden die Beigeordneten im Wechsel zwischen der anderen Koalitionsfraktion und der Landratsfraktion vorgeschlagen

Kontakt

Sie sind in der Scharfschwerdtstraße 43 gelandet, dem Büro Blog von Karsten Poppe.

Ich arbeite für Sie als Lektor. Von Beratung und Textentwicklung (Korrekturen, Lektorat, Ghostwriting) bis zur Gestaltung (Word, Open Office, PDF, DocBook, HTML/CSS, LaTeX, ePub).

Dr. Karsten Poppe
Scharfschwerdtstrasse 43
16540 Hohen Neuendorf
Deutschland
Tel.: +49 (0)3303 - 541371
Jabber: metaphora@jabber.ccc.de
Bürozeiten: Montag bis Donnerstag 9 bis 12 und 16 bis 18 Uhr, Freitag 9 bis 12 Uhr

Support auch in Zukunft im Kundenbereich.

Signaturen

Was für ein Wort, denken. Denken ist nur aufmerksam hinhören.

- António Lobo Antunes

Wie ist es möglich, dass man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird - dass man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird?

- Michel Foucault

Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert.

- Theodor W. Adorno

Tant mieux. Nicht weinen. Der Unsinn der kritischen Prognosen.

- Walter Benjamin

Heute kommt es (…) darauf an, zu retten, was von der persönlichen Freiheit noch übrig ist. Radikal sein heißt heute konservativ sein.

- Max Horkheimer

I have no spiritual investment in this world as it is.

- Jacob Taubes

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Portugal

Wer sich für Portugal interessiert, dem sei ein Besuch in Lissabon oder Sintra empfohlen. Und wer nach Informationen über Portugal sucht, der kann sich im Portugalforum mit anderen austauschen.

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Texte, Fragmente und Improvisationen zu Walter Benjamin und Jacob Taubes.

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