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Scharfschwerdtstraße 43

Unterschiedenes ist | gut.

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Notizen

Von K.P. am 18. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Ich bin ja nicht aus der Welt, das klingt tapfer und soll Mut machen, aber digitale Fernbeziehungen via Skype und WhatsApp spielen sich in einer Welt ab, aus der jede leibhafte Nähe verschwunden ist. Das Trostversprechen der sozialen Netzwerke ist deswegen trügerisch.

Denn in der körperlosen Virtualität wird auch das In-der-Welt-sein gespenstisch. Wir sind von Zeichen und Bildern, aber nicht mehr von lebendigen Menschen umgeben. Die Welt totaler medialer Vermittlung tritt an die Stelle der sozial organisierten Physis und ihrer Phänomene:

  • wir berühren den Bildschirm statt einen Körper zu umarmen
  • wir stellen den Ton lauter, um besser zu hören, vernehmen aber keine Stimme mehr
  • wir machen uns ein Bild, ohne noch die Aura des anwesenden Menschen spüren zu können

Im Grunde üben wir uns heute alltäglich in diesen Abschied vom Mitmenschen ein. Und je selbstverständlicher die mediale Vermittlung, desto weniger schwer fällt der Abschied. Die zweite Welt der sozialen Netzwerke ersetzt die Mit- und Umwelt, so dass wir am Ende keine Angst in einer Welt haben werden, in der das Verschwinden zum Normalfall geworden ist. Im Virtuellen leben heißt Verlusterfahrungen trainieren. Die so flexiblen wie gefühllosen Anhängsel des Kapitals werden im sozialen Netz gebildet. Wir gewöhnen uns daran, auf die leibhafte Nähe der anderen zu verzichten und mit Gespenstern zu existieren.

Schon jetzt ist abzusehen, dass sich, wenn Menschen immer schon verschwunden sind, die Form unserer Trauer wandeln wird. Ist die geteilte Welt zum Normalfall geworden, dann gibt es keinen Menschen mehr, an dem wir hängen, keinen, den wir festhalten wollten. Wir leben dann in einer Welt vorgestellter Körperlichkeit und Avatare. In dieser imaginären Welt gibt es keinen Abschied und keinen Verlust, sondern nur die (Dauer-)Panik, ohne Freunde und Kontakte plötzlich vor dem Nichts zu stehen.

Dasein ist Sorge, in der geteilten Welt richtet sich die Sorge aber nicht länger um unser In-der-Welt-Sein, sondern wird von Angst getrieben, aus der Welt zu fallen. Sorge wird zur Panik: wir müssen deswegen täglich die Welt wieder neu teilen und zusammensetzen. Jeden Tag ein neu fabriziertes Weltbild.

Aber je mehr, so könnte eine Faustformel lauten, geteilt wird, desto weniger gemeinsam Erlebtes kann noch vorausgesetzt werden. Das Teilen setzt eine absolute Teilung voraus, die Abspaltung des Ich von der leibhaften Präsenz des Anderen. Bist du noch da? Aber jeder Ausruf "Gefällt mir" ist kaum mehr als ein Pfeifen im dunklen Keller, das beweist, was jeder ahnt: wir sind allein im digitalen Raum, um uns nur Gespenster, aber niemand, der uns berühren könnte.

Deswegen ist der geliebte Mensch, der nach Neuseeland gereist ist, doch aus der Welt.

Von K.P. am 17. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Ein sehr bewegender und großer Text, doch schaute sie noch genauer hin, würde der Kreis derer, vor denen es die Thüringer LINKE Katharina König ekelt, sich deutlich erweitern.

So ruft ja nicht nur die Ruhrgebietsabteilung des Jugendverbandes der Linkspartei Solid in Essen zu einer Demonstration unter dem Motto "Stoppt die Bombardierung Gazas – Für ein Ende der Eskalation im Nahen Osten" auf, sondern auch der Linken-Außenpolitiker Wolfgang Gehrcke will sicher wieder nur das Beste für Israel, wenn er fordert, die Bundesregierung muss endlich eindeutig für Ende des Krieges in Gaza eintreten, während in Frankfurt "Linke mit Islamisten, Anhänger des Assad Regimes und Nazis Seite an Seite für die gute Sache, also gegen kindermordende Juden, die den Weltfrieden bedrohen, demonstrieren":

Der Friede, den all diese deutschen Linken meinen, die antiimperialistischen und pazifistischen, zielt auf die Vernichtung Israels, die humanitäre Maske fällt.

Islamisten, Nazis, Linke, Naive und Antisemiten weltweit sorgen dafür, dass das Kalkül der Terroristen aufgeht. Auch sie sind es, die Hamas und andere motivieren, weiterzumachen. (...) Man ist ja links. Man ist ja per se gegen Antisemitismus, gegen Neonazis. (...) Linkssein schützt. Vor Antisemitismus, Rassismus, Neonazismus, Homophobie, vor Allem, was schädlich ist. (...) Es sind keine Demonstrationen für Frieden. Es sind Demonstrationen gegen Israel. Sie sind kalkulierter und funktionaler Teil des Terrors. Einseitig. Relativierend. Benzin im Brandherd Nahost. (...) Mir bleibt nur zu sagen: Alles was ich will ist, nichts mit euch zu tun zu haben. (Thüringer Linken-MdL Katharina König zur NRW-Linken: “Alles was ich will …”)

18. Juli

Eigentlich müsste man ihnen dankbar sein: Während es – gerade in der Linken – seit Jahrzehnten Streit darum gibt, ob und inwiefern sogenannte “Israel-Kritik” und sogenannter “Anti-Zionismus” nur schlecht getarnter Antisemitismus im neuen Gewand sind, lassen viele der aktuellen Pro-Gaza-Demos keinen Zweifel mehr: Parolen wie “Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein” dürften wohl seit 1945 nicht mehr in der Offenheit auf Berlins Straßen gebrüllt worden sein. Wer diesen Zusammenhang jetzt noch leugnet, macht wissentlich gemeinsame Sache mit einer hasserfüllten Meute. (...) Statt sich mit dem brachialstem, gewalttätigsten Ausbruch von Antisemitismus und antisemitischer Gewalt auf dem Kontinent seit 1945 zu beschäftigen, pflegt man lieber “Israel-Kritik” und inszeniert sich als Opfer der USA. Nach den jüngsten Ausbrüchen sollte allerdings endgültig klar sein: Eine Linke, die mit dieser Art von “Anti-Imperialismus” nicht endgültig Schluss macht, hat jeden, aber wirklich jeden emanzipatorischen Anspruch aufgegeben. (Publikative: Israel-Kritik” revisited: Die Judenhasser lassen die Maske fallen)

Von K.P. am 10. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Das Naturschöne als paradoxer Kultur- und Zivilisationsschock: Geschichte ist nicht gelungen.

La mer est plus belle
Que les cathédrales,
Nourrice fidèle,
Berceuse de râles,
La mer qui prie
La Vierge Marie !

Elle a tous les dons
Terribles et doux.
J'entends ses pardons
Gronder ses courroux.
Cette immensité
N'a rien d'entêté.

O! si patiente,
Même quand méchante !
Un souffle ami hante
La vague, et nous chante :
« Vous sans espérance,
Mourez sans souffrance ! »

Et puis sous les cieux
Qui s'y rient plus clairs,
Elle a des airs bleus.
Roses, gris et verts...
Plus belle que tous,
Meilleure que nous !

(Deutsche Übersetzung)

Von K.P. am 09. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

durch den nationalen (Fußball-)Wahn gegangen sind, das kann man am Interview mit dem brasilianischen Torwart Julio César nach dem Spiel gegen Deutschland sehen, der das eigene Begehren mit dem (s)eines imaginären Volkes verwechselt.

Agradeço a Deus pela oportunidade que me deu, de jogar a Copa do Mundo no meu país. Fica meu agradecimento, e um beijo no coração de cada brasileiro.

Von K.P. am 08. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

... am Ende gewinnen immer die Phantasie- und Geistlosen, die Pöbler, Dummen und Angepassten, die Gröler und Schreihälse, die Treter, die Harten und Brutalen, die sich gerne für's Ganze opfern und jeden genialen Funken mit einer Blutgrätsche ersticken.

Und das macht dieses ganze Fußballweltmeisterschaftstheater zu einer Veranstaltung, der alles Spielerische, gar Schöne so fremd ist, die so nah am Leben ist, dass man sich das Zusehen auch sparen kann. Denn dieses blöde Getrete zwischen den Nationen, das kennen wir ja genau so.

Wird eine Fußballweltmeisterschaft vom Radio übertragen, deren jeweiligen Stand die gesamte Bevölkerung aus allen Fenstern und durch die dünnen Wände der Neubauten hindurch zur Kenntnis zu nehmen gezwungen ist, so mögen selbst spektakulär verschlampte Gammler und wohlsituierte Bürger in ihren Sakkos einträchtig um Kofferradios auf dem Bürgersteig sich scharen. Für zwei Stunden schweißt der große Anlass die gesteuerte und kommerzialisierte Solidarität der Fußballinteressenten zur Volksgemeinschaft zusammen. Der kaum verdeckte Nationalismus solcher scheinbar unpolitischen Anlässe von Integration verstärkt den Verdacht ihres destruktiven Wesens. (Theodor W. Adorno)

Von K.P. am 05. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Seit der Kirchenvater Augustinus die Menschen an die Erbsünde gebunden und den freien Willen für obsolet erklärt hat, liegt die Versuchung jeder christlichen Pädagogik darin, den bösen Willen des Kindes zu brechen, um den alten Adam in ihm zu töten.

Die säkulare, vermeintlich religiös neutrale Version des Dogmas lautet, dass Kinder geprägt werden müssten, als handle es sich bei ihnen um eine formlose Masse, um das Nichts eines gefährlichen Triebwesens, das erst durch Prägung und Zucht zu Form und Gestalt fände.

Die antike und echt humane Haltung könnte im Gegensatz dazu so formuliert werden: der (menschlichen) Natur ist der Richtungssinn gelingenden Lebens immanent, sie muss nicht mit Gewalt zu ihrem Glück gezwungen werden, sondern nur unter guten Bedingungen wachsen und sich bilden dürfen. Die antike Formel lautet spätestens seit Aristoteles: es wird schon werden. Und, dachte ich gestern, schön zu sehen, dass es wird und dass es gelingt.

Von K.P. am 03. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Aber warum eine schwarze Madonna? Die Frage war offensichtlich schon früh problematisch, sonst wäre nicht auf einigen der schwarzen Madonnen zur Erklärung das lateinische Zitat nigra sum sed formosa als Inschrift angebracht worden.

Es zeigt, dass die theologische Begründung für die schwarze Farbe der Madonna dem Hohenlied (1, 5-6) entnommen wurde. Die entsprechende Stelle in der Vulgata lautet: »Nigra sum sed formosa filiae Hierusalem/ sicut tabernacula Cedar sicut pelles Salomonis/ nolite me considerare quod fusca sim quia decoloravit me sol.« Im Deutschen: »Schwarz bin ich, aber schön, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte Kedars, wie die Behänge Salomons. Seht mich nicht an, dass ich so schwarz bin; denn die Sonne hat mich so verbrannt.«

Die biblische Lyrik wird von der christlichen Theologie auf die Königin von Saba aus dem fernen Süden bezogen, die nach Jerusalem reiste, um König Salomons Weisheit auf die Probe zu stellen (1. Könige 10, 1-20 und 2. Chronik, 9, 1-28). Sie ist noch die vorbildlich Bekehrungswillige, keine exotische Verführerin. Weil sie als Fremde in Salomon den Stammvater Christi erkannte, gilt sie seit Isidor von Sevilla zum einen als typologisches Pendant der Heiligen Drei Könige und alttestamentarische Präfiguration der Kirche (Ecclesia) und damit in mystischer Deutung als die Braut Christi, aber eben auch als Präfiguration der Mutter Gottes.

In diesem Deutungsprozess wird von den christlichen Theologen die dunkle Hautfarbe der Madonna symbolisch aufgeladen, sie ist schwarz aber schön. Den Gegensatz können wir auch hören, denn Claudio Monteverdi (1567-1643), der Erfinder der Oper, hat im Concerto Nigra sum seiner Marienvesper den Text aus dem Hohen Lied Salomos für Tenor solo und Generalbaßbegleitung vertont. Gleich zu Beginn ist der neue, Texte musikalisch interpretierende Kompositionsstil erkennbar: der Gegensatz der Worte nigra sum (schwarz bin ich) und sed formosa (aber schön) wird musika­lisch dargestellt durch Gegenüberstellung von tiefen, dunklen Tönen und der gleich darauf nach einem Oktavsprung fröhlich bewegten Melodie.

Nigra sum
sed formosa filiae Jerusalem.
Ideo dilexit me Rex
et introduxit in cubiculum suum
et dixit mihi:
Surge amica mea, surge et veni:
Iam hiems transiit,
imber abiit et recessit,
flores apparuerunt in terra nostra.
Tempus putationis advenit.

Schwarz bin ich,
doch schön, ihr Töchter Jerusalems;
drum hat der König mich geliebt,
hat mich geführt in sein Gemach
und zu mir gesprochen:
Steh auf meine Freundin, steh auf und komm.
Der Winter ist schon vergangen,
die Regenzeit vorüber;
die Blumen erscheinen auf unserer Erde,
die Zeit zum Schneiden der Reben (sic! K.P.) ist gekommen.

Im christlichen Europa wird das Schwarze zum Zeichen der Fremden, die nicht zu den Töchtern Israels gehört, zur moralischen Finsternis, in die kein Licht fällt. Diese dunkle Macht kann nur in überraschenden Ausnahmefällen wie dem der Königin von Saba = Maria durch göttliche Kraft an ihrer Realisierung gehindert werden. Es geht um das Spannungsverhältnis von äußerer dunkler Körperfarbe und innerer Schönheit, die implizit hell und strahlend weiß definiert wurde, so dass wir uns die Finsternis vom göttlichen Glanz überstrahlt vorstellen müssen. Bernhard von Clairvaux (1091-1153) sah deswegen in der Schwärze einen Ausdruck tiefster Demut. Eine schwarze Madonna ist also unter christlichen Vorzeichen keine Darstellung problemlos schwarzer Dignität, sondern in ihrer Schönheit eine heilsgeschichtliche Ausnahmeerscheinung, ein Wunder.

Aber gerade solche Strategien der Bonisierung, der symbolischen Umbesetzung hergebrachter Bedeutung sollten misstrauisch machen. Warum wird das Schwarze auf einmal für gut und vorbildlich erachtet, wenn es doch bis dahin generell negativ wahrgenommen wurde? Haben wir es bei diesen theologischen Erörterungen etwa mit Reaktionen auf antike Glaubenspraktiken in der Bevölkerung zu tun? Die oft später hinzugefügten Inschriften wecken zumindest den Eindruck, dass die schwarzen Marienfiguren erklärungsbedürftig waren und quer zur Orthodoxie standen. Sie wurden theologisch umgedeutet und vom christlichen Glauben vereinnahmt. Neue Wallfahrtsorte entstanden, deren Erfolgsgeschichte die Umdeutung nachträglich legitimierte, bis die ursprünglichen Kulte immer mehr vergessen wurden. Denn Überlegungen zum antiken Ursprung des Kultes wurden von der christlichen Kirche entschieden zurückgewiesen, der Zusammenhang mit früheren Schutzgöttinnen wie Isis und Kali, die über Geburt und Tod wachen, war offiziell nicht denkbar. In Montserrat jedoch hält der Jesusknabe mit den Gesichtszügen und der Körperhaltung eines Erwachsenen in der Linken einen Pinienzapfen. Als Symbol der Auferstehung wird die Frucht der Pinie, in Verknüpfung mit dem Lebensbaum des Paradieses, zwar auch in der christlichen Kunst verwendet, doch schon in der antiken Mythologie war der Zapfen als Symbol der Fruchtbarkeit in den Kulten von Kybele (Pinie des Attis) und Dionysos (Thyrsosstab) üblich.

Dieser kulturgeschichtlich zweideutige Hintergrund trägt, auch wenn er kaum bewusst und nur geahnt wurde, zur Faszination der schwarzen Madonna bei. Es muss nur dunkel gespürt und für möglich gehalten werden, dass in diesen Figuren etwas zur Sprache kommt, was sich mit der offiziellen Lesart nicht verträgt und das Misstrauen der Orthodoxie weckt; gerade dann können sich neue Legenden an sie knüpfen.

Von K.P. am 01. Juli 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Der Weißdorn nimmt bei Proust eine zentrale Stelle in den Landschaftsbeschreibungen Combrays ein.

Bei Proust zählt, so Adorno in seiner Theorie des Naturschönen, die Erfahrung einer Weißdornhecke zu den Urphänomenen ästhetischen Verhaltens.

Aber wie lange ich auch vor den Weißdornbüschen verharrte und ihren unsichtbaren und in der Luft stehenden Geruch einatmete, mit meinen Gedanken zu fassen versuchte, die nichts mit ihm anzufangen wußten, ihn verlor, wiederfand oder in den Rhythmus einfiel, der seine Blütenblätter hier und da mit jugendlicher Beschwingtheit und in unerwarteten, bestimmten musikalischen Intervallen gleichenden Abständen hin- und herschwenkte, sie spendeten in steter und unermüdlicher, verschwenderischer Fülle ihren immergleichen Zauber, ohne mir jedoch zu gestatten, tiefer in ihn zu dringen, ähnlich wie bestimmte Melodien, die man hundertmal nacheinander spielen kann, ohne doch ihrem Geheimnis irgend näher zu kommen. Einen Moment lang wandte ich mich von ihnen ab, um mich ihnen hinterher mit frischen Kräften erneut nähern zu können. Spielerisch verfolgte ich bis zu der Böschung, die hinter der Hecke steil zu den Feldern hin anstieg, eine hier und da verloren stehende Mohnblume oder eine müßige, am Weg zurückgebliebene Kornblume, deren Blüten den Hang dekorierten wie die Bordüre eines Teppichs, auf der das ländliche Motiv noch sehr zurückhaltend dargestellt ist, das dann auf dem großen Medaillon triumphiert; vereinzelt noch und weit auseinander stehend wie abgelegene Häuser, die bereits die Nähe des Dorfs ahnen lassen, kündeten sie mir von den immensen Weiten, über die der Weizen wogt und die Schäfchenwolken ziehen, und der Anblick einer einzigen Mohnblume, die ihre rote Flagge über die Toppen hißte und hoch über ihrem fettglänzenden, schwarzen Schanzkleid im Wind knattern ließ, ließ mein Herz höher schlagen, ganz wie dem Reisenden, der auf dem platten Land ein erstes gestrandetes Boot entdeckt, das von einem Kalfaterer repariert wird, und ausruft, bevor er es selbst noch gesehen hat: »Das Meer!«.

Von K.P. am 27. Juni 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

1540 hat der portugiesische Mönch Gaspar Preto das spanische Montserrate besucht. Wie beeindruckend diese Landschaft sein kann, haben Reisende auch in späteren Zeiten noch erfahren.

Sein Bruder hätte den "gespaltenen Bergrücken des Monserrate in Katalonien (...) so anmutig beschrieben", schreibt Alexander von Humboldt, der wusste, wovon er sprach, weil er den Berg zwei Jahre vor ihm erkundet hatte. In einem Brief an Goethe hat Wilhelm von Humboldt die "zwei unvergesslich schönen Tage" geschildert, die er in dieser Landschaft verbracht hat, "wo die Natur und ihre Bewohner in wunderbarer Harmonie mit einander stehen, und wo selbst der Fremde, sich auf einige Augenblicke abgesondert wähnend von der Welt und den Menschen, mit sonderbaren Gefühlen auf die Dörfer und Städte hinabblickt, die in einer unabsehlichen Strecke zu seine Füßen liegen".

Seine Aufzeichnungen sind ein Dokument beispielhaft humanistischer Darstellungskraft, ein Zeugnis, mit dem anschaulich in die Nachwelt gerettet wurde, was in Deutschland einmal Bildung heißen sollte.

Nichts, schreibt Wilhelm von Humboldt, könne "sonderbarer seyn, als dieser Platz, den der Berg absichtlich geöffnet zu haben scheint, um dort Menschenwohnungen in seinen Schooß aufzunehmen". Montserrat

steht wie eine hohe und lange Wand vor der Gegend vor, und da er sich überall von der freyen Ebne emporhebt, ohne mit einem anderen Gebirge zusammenzuhängen, so gibt ihm dies noch ein majestätischeres Ansehen. Er ist (wie sein Name sagt) sägenförmig eingeschnitten und zeigt eine Menge wunderbarer Ecken.

Die Felsen über dem Ort wecken auch schauderhafte Empfindungen. Wilhelm von Humboldt weiß aus einer portugiesischen Reisebeschreibung, dass im März 1546 ein Felsblock auf das Hospital des Klosters stürzte, neun Menschen tötet und mehr als vierzig verwundete. Trotzdem hat der Montserrat

nicht den ernsten, großen und feyerlichen Charakter nordischer Gebirge, der Alpen, unserer Bergketten, oder auch der Pyrenäen. Ein inselförmig allein stehender Berg, in unzählige kleinere Felsmassen zerspalten, mit meistentheils niedrigem Gesträuche bewachsen, ist er rauh, wild chaotisch - gestaltet in seinen Gipfeln, anmutig und freundlich in seinen Gründen, wunderbar und abentheuerlich im Ganzen, aber nicht eigentlich groß und erhaben. (...) Die Bäume, die man hier sieht, sind kleiner und schwächer; Nadelholz ist nur wenig, und was man am häufigsten findet, ist immergrünes Gesträuch mit einem dunkelglänzenden Laube. Was indeß diesem Berge an Größe abgeht, ersetzt er durch die wunderbare Verbindung von Anmuth und Wildheit und durch die feyerliche Stille, die in ihm herrscht. Zu ihren Füßen ist eine reizende und blumige Ebne, und einen einzigen Blick in die Höhe gerichtet, und Sie schauen in ein Chaos von Klippen, das den Trümmern einer ungeheuren Felsenstadt gleicht.

Diese spirituelle Landschaft berührt auch den Humanisten, dessen letztes und höchstes Ziel nicht Gott, sondern die Natur des Menschen und der Menschheit war - der "Menschheit ohne Rücksicht auf Religion, Nation und Farbe als einen großen, nahe verbrüderten Stamm, als ein zur Erreichung eines Zweckes, der freien Entwicklung innerer Kraft, bestehendes Ganzes":

wenn ich aus den tiefen grünbewachsnen Klüften emporblickte und Kreuze sah, welche heiligkühne Hände in schwindelnden Höhen auf nackten Felsspitzen aufgerichtet haben, zu denen dem Menschen jeder Zugang versagt scheint, so glitt mein Auge nicht, wie sonst mit Gleichgültigkeit an diesem durch ganz Spanien unaufhörlich wiederkehrenden Zeichen ab. (...) Die Größe der Natur und die Tiefe der Einsamkeit erfüllen das Herz mit Gefühlen, die selbst der leersten Hieroglyphe bedeutenden Inhalt zu geben vermöchten

Lange habe ich mich nicht losreißen können von dem Gipfel dieses wunderbaren Bergs, lange hab' ich wechselsweise meine Blicke auf die weite Gegend vor mir, die hier von den Meere und einer schneebedeckten Gebirgskette umgränzt ist, dort sich in Unabsehliche hin verliert, bald auf die waldigten Gründe unter mir geworfen, deren tiefe Stille nur von Zeit zu Zeit der Ton einer Einsiedlerglocke unterbricht. Ich habe mich nicht erwehren können, diesen Platz als den Zufluchtsort stiller Abgeschiedenheit von der Welt anzusehen, wo die gewiß nur Wenigen ganz fremde Sehnsucht, mit sich und der Natur allein zu leben, volle und ungestörte Befriedigung genösse

Montserrat, ein Symbol der Innerlichkeit also, die sich im Einklang mit der Natur fühlt. Als Friedrich Schiller die Schilderung las, hatte er ausgerufen, Montserrat sauge den Menschen von der äusseren Welt weg in die innere Welt hinein. Aber 1540 war der humanistische Kontinent dieses inneren Menschen noch nicht entdeckt und in seinen Dimensionen vermessen worden. Dass der Mensch, wie Goethe meinte, nirgendwo seine Ruhe finden werde, außer im eigenen Montserrat, wäre für einen Mönch, der das Heil allein in der Kirche wusste, eine ketzerische, wenn nicht ganz und gar unverständliche Sentenz gewesen. Die reine Naturbetrachtung, die hemmungslose Anschauung war ihm fremd, und der religiöse Innenraum (des schuldigen Menschen) wäre ihm wichtiger gewesen als die umliegende Landschaft. Wie der Kirchenvater Augustinus hätte er sich angesichts der Schönheit der Natur zu innerer Einkehr ermahnt, um sich beim Anblick der "wunderbaren Verbindung von Anmuth und Wildheit" nicht in der Betrachtung der Äußerlichkeiten zu verlieren. Die Lust am Schauen war noch eine Versuchung, der er widerstanden hätte.

Während gerade das Hohen Neuendorferer Wildbergplatz als Persiflage eines Stadtzentrums geplant wird, kann man ein paar hundert Meter weiter nördlich beobachten, wie in Hohen Neuendorf tatsächlich gebaut wird.

Dort wird nämlich nicht kleinstädtisch dicht und und vierstöckig wie möglicherweise am Wildbergplatz gebaut, sondern dort entstehen ("Projekt Green Stars") unmittelbar an der B 96 ganz einfach zehn neue Reihenhäuser im "Schwedenhausflair".

Green Starts Projekt

Green Starts Projekt - Baufeld

Die Planung für das neue Zentrum im Kleinstadtformat, das kaum mehr als ein neues Wohnquartier ist, mag eine elegante (hinsichtlich ihrer Realisierbarkeit aber ziemlich problematische) Lösung für ein lokales Verkehrsproblem enthalten, der größere städtebauliche Kontext und das Selbstverständnis einer grün geprägten Stadt wurde aber vom Wettbewerbssieger in keiner Weise beachtet.

Mit dem neuen Quartier am Wildbergplatz wird ein altes Kapitel der Stadtentwicklung wieder aufgeschlagen: man zielt auf die Durchsetzung einer dichten Bebauung im Innenbereich, die so bereits in den neunziger Jahren geplant und später gescheitert ist. Die Weichen für das jetzt geplante Zentrum hätten spätestens vor zehn Jahren gestellt werden müssen, das wurde versäumt, so dass jetzt ein kleinstädtisches Zentrum nur als Gewaltakt und städtebaulicher Fremdkörper möglich ist.

Von K.P. am 18. Juni 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Micha Brumlik zitiert in der Jüdischen Allgemeinen unter dem Titel "Kabbala und Kritische Theorie" einen wunderbar präzisen und typisch nüchternen Satz von Jürgen Habermas, den auch frankophile Nietzscheaner mit Frankfurter Perspektiven, die also vom Stamme Benjamin, unterschreiben müssen.

Darum kann es bei unserem Bemühen nicht mehr um Leben und Überleben von Juden gehen, um Einflüsse hin und her; es geht nur noch um uns selbst. Nämlich für das eigene Leben und Überleben ist das jüdische Erbe aus deutschem Geist unentbehrlich geworden.

Source: Kabbala und Kritische Theorie

Von K.P. am 13. Juni 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Klare Kante zeigen - das scheint die Parole der Stunde und der Traum einer gewissen Politik zu sein. Was ist mit der Parole gemeint? Denn auch wenn die Kante klar und deutlich sein soll, die Metapher ist alles andere als selbstverständlich. Sie bringt gerade in ihrer Ambivalenz das Begehren hilfloser Politik zur Sprache.

Hans Eichel, der in einer rot-grünen Regierung Finanzminister war, pflegte bei der Vorstellung seiner Haushalte mitzuteilen, dieselben seien auf Kante genäht. Heute geht es nicht um Nähte und gutes Schneiderhandwerk, sondern um Profilierungskünste, um den Wunsch nach sichtbaren Ecken und Kanten. Wo die öffentlichen Räume unübersichtlich werden, wächst der Wunsch nach einer politischen Geometrie mit deutlich abgegrenzten Körpern.

Wollen die Freunde der klaren Kante also gar keine Kante, sondern eigentlich Kontur zeigen, Ecken und Kanten, sich derart abgrenzen vom politischen Gegner und eigenes Profil gewinnen? Geht es ihnen darum, sich als deutlich erkennbare Figuren auf dem politischen Parkett zu positionieren, sich abzugrenzen und durch Programmatik identifizierbar zu sein, einen eindeutigen Standpunkt einzunehmen und sich dazu zu bekennen? Geht es darum, das Gesicht zu wahren?

Wahrscheinlich ist das auch so. Aber weil die markante Positionierung (aus Gründen) nicht gelingt, weil sie im politischen Betrieb verkantet, hauen sie auf den Putz und wollen eine ganz andere Kante zeigen. So wie immer gerade die Leute endlich hart und richtig durchgreifen wollen, denen die Dinge entgleiten. Als Faustregel in der Politik kann deswegen gelten: je weniger mediale Aufmerksamkeit, Wählerliebe und Handlungsperspektiven, desto dringlicher der Wunsch nach klarer Kante. Er gleicht dem wütenden Schlag auf den Thresen.

Denn mit dem Spruch betreten echte Typen die politische Bühne, die wissen, dass Politik nichts für Weicheier ist. Das Motto gehört deswegen zum rhetorischen Arsenenal stählern-männlicher Körper, die sich nicht erweichen und durch keine Geschlechterspannung verbiegen lassen, sondern stabil und hart bleiben. Es formt einen Gestus, der eine wütende Verfallsfom dessen ist, was der Soziologe Max Weber nüchtern-sachliche Männlichkeit genannt hat, die sich in ihrer puritanisch-asketischen Strenge durch nichts, erst Recht durch nichts Weibliches berühren lässt.

Ist politische Rhetorik die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, dann kann als Sieg nur gelten, den Feind zum Schweigen gebracht zu haben. Politik weiß, dass Sprache im Ernstfall tötlich sein kann. Denn dass Politik eine Sache des guten Arguments sei, daran glauben nur Habermas und Anhänger ernsthaft liberaler und d.h. endloser Diskussion; im politischen Alltagsbetrieb muss das Argument geschliffen und scharf sein, also potentiell den Gegner mit einem Hieb oder Handkantenschlag vernichten können. Davon träumen, auch wenn sie rhetorisch dazu selten in der Lage sind, die Verfechter der klaren Kante. Sie verlangen nach einer Sprache, die auf den Putz haut wie Karatemeister auf Ziegelsteine.

Wer aber ständig und zwanghaft um seine Kontur bemüht klare Kante zeigen muss, ist unfähig, sich von Argumenten verführen zu lassen und bleibt steril. Klare Kante, das ist gepanzerter Selbstschutz. Diskussion wird zur Gefahr, die eigene Meinung im Austausch mit anderen zu ändern oder gar zu verlieren, sie könnte zum Totalverlust der politischen Identität führen, zum Gesichtsverlust.

Wir sollten deswegen nicht (so) politisch sprechen wollen.

Von K.P. am 23. Mai 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Im ersten Sommer mit dem Euro als Bargeld sind wir mit dem Auto nach Portugal gefahren. 2002 mussten wir an der belgischen und französischen Grenze keine Ausweise vorzeigen, in Spanien kein Geld tauschen.

Zwei Tage blieben wir in Port Bou. Der deutsche Philosoph Walter Benjamin hat sich dort 1940 auf der Flucht vor den Nazis mit einer Überdosis Morphium das Leben genommen, weil die spanischen Faschisten ihm die Ein- und Weiterreise nach Lissabon verweigerten. Die Abschiebung der Flüchtlingsgruppe nach Frankreich drohte, wo Benjamin, der ein Visum für die USA besaß, schon im berüchtigten Pyrenäenlager Gurs interniert gewesen war.

An eine "unüberschreitbare Grenze getrieben", hat Brecht später zum "Freitod des Flüchtlings W. B." geschrieben.

Europa war eine Hölle ohne Ausweg.

Zur Erinnerung an dieses europäische Flüchtlingsschicksal hat Dani Karavan in Port Bou den Gedenkort "Passagen" entworfen.

(Das Denkmal sollte zunächst durch das deutsche Auswärtige Amt finanziert werden. Nach einer Kampagne der BILD, bei der die auf 980.000 DM veranschlagten Kosten kritisiert wurden, intervenierte auch der Bundesrechnungshof, das Außenministerium ließ das Projekt stoppen. Im Jahre 1993 übernahmen die deutschen Bundesländer, die Regionalregierung von Katalonien, die Gemeinde Portbou und Privatleute die Finanzierung des Projektes, so dass es 1994 eingeweiht werden konnte.)

Ein Korridor aus Stahl ragt über die Küste, durch einen düsteren Eingang führt eine Treppe hinab zur stillen Brandung des Mittelmeers, unterbrochen von einer Glaswand mit einem in mehreren Sprachen zitierten Satz aus Benjamins 1939 verfassten Reflexionen "Über den Begriff der Geschichte":

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Europa, das ist der Dialog mit der eigenen Geschichte, der Blick auf die Kehrseite des Ruhms.

Und nur indem wir das alte Europa im Gedächtnis bewahren, öffnen sich Räume jenseits der Kommerzialisierung und Musealisierung unserer Kultur und Städte. Dieses kulturelle Eingedenken ist viel mehr als "Ermattungstaktik (...) sitzend in des Birnbaums Schatten". So hat Brecht, der gerne strategisch und in politischen Kurzschlüssen dachte, als er vom Tod seines langjährigen Schach- und Gesprächspartners erfuhr, dessen Genius ins Bild gesetzt.

Europa ist die Suche nach Flucht- und Auswegen.

Von K.P. am 16. Mai 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Ein Reiher, der bedächtig und wie auf Zehenspitzen durch einen seichten Teich schreitet. Es hat lange gedauert, bis wir Bilder wie diese überhaupt sehen und für ihre Schönheit empfänglich sein konnten. Seitdem können wir in Europa von Kultur sprechen.

Denn so lange unsere Vorfahren jeden Moment darauf gefasst sein mussten, dass ein Säbelzahntiger aus dem Gebüsch springt, war psycho-physischer Stress der Normalzustand. Der aufrechte Gang in der Savanne hat uns keine unmittelbare Erleichterung gebracht, sondern zur Dauerprävention bei maximaler Flucht- oder Kampfbereitschaft gezwungen. Indem wir in der Ferne sehen konnten, was noch gar nicht gegenwärtig war und noch keine akute, zum Handeln drängende Notwendigkeit besaß, wurde die Offenlandschaft zum Schauplatz der ersten Reizüberflutung in der Geschichte des Menschen. Dieser Luxus war der Preis, den wir für die Emanzipation vom Tier gezahlt haben.

Aber wer immer vorsichtig sein muss, sieht nicht, was gerade jetzt passiert. Das können wir erst, seit sich unsere Lage entspannt hat. Jetzt müssen nicht mehr alle ständig auf der Hut sein, da Wächter für Schutz vor Gefahren und (Waffen-)Technik für einen vollen Magen und genügend Vorräte sorgen. Wir haben Zeit gewonnen und unsere Aufmerksamkeit kann sich auf andere Dinge richten.

Im Grundbuch der europäischen Kultur, in Homers Odyssee, ist zwar nicht dieser (gar nicht so ferne) Moment der Entspannung, aber sein Resultat an verschiedenen Stellen festgehalten. Die Natur erzittert in diesem ersten Roman nicht mehr von göttlichen Mächten, im Blitz erscheint keine dämonische Macht, sondern Natur wird frei und als sie selbst gesehen. So kann der Gott Hermes mit der Möwe verglichen werden,

Die, um schaurige Buchten des ruhlos wogenden Meeres
Fische jagend, sich oft die Fittiche netzt in der Salzflut

Und Odysseus, der sich schiffbrüchig an einen Felsen klammert und wieder auf die offene See geschleudert wird:

Wie man einen Polypen aus dem Schlupfloch herauszieht
Und an jedem Saugnapf hängt eine Menge von Steinchen

Diese Möwe und die Kiesel an den Saugnäpfen einer Krake wurden vielleicht schon vor Homer gesehen. Wir können das nicht wissen. Aber die Szenen wurden in den Weltregionen, in denen die Schrift schon bekannt war, nicht festgehalten. Das Detail war es offensichtlich nicht wert, im Gedächtnis bewahrt zu werden. Die ägyptischen oder phönizischen Aufschreibesysteme überliefern göttliche und militärische Exzesse und geben Einblick in, wenn es einmal friedlich wird, kaufmännische Rechnungsstellung und höfische Verwaltungsangelegenheiten. Von Natur und Schönheit keine Spur.

Die Antwort auf die unmögliche Frage, was Kultur heißt, müsste also lauten: eine Möwe, die sich ihre Fittiche netzt, eine Krake mit Steinchen an den Tentakeln, einen Reiher am Teich sehen zu können.

Von K.P. am 07. Mai 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Nüchtern betrachtet, sieht man in der Ukraine weder Faschisten noch gar Revolutionäre am Werk, sondern Banden, die Staaten gründen.

Was wir sehen, ist nicht die oft links halluzinierte Allmacht des Kapitals und seiner Interessen, die gerne unvermittelt auf die USA projiziert werden, sondern die Liquidation der Ökonomie durch das Primat der Politik.

Schon in wenigen Jahren, nach Verteilung der Beute, werden die Bandenführer an den Tischen internationaler Politik sitzen und das Völkerrecht hochleben lassen. Ein Blick nach Albanien oder in den Kosovo zeigt, wie das funktioniert. Nicht die Logik der (spät-)kapitalistisch verfassten Produktion führt zum autoritären Staat, sondern, so Adorno:

die alte Herrschaft war in die ökonomische Apparatur zuzeiten eingegangen, um sie, einmal in voller Verfügung darüber, zu zerschlagen und sich das Leben zu erleichtern. In solcher Abschaffung der Klassen kommt die Klassenherrschaft zu sich selber. Die Geschichte ist, nach dem Bilde der letzten ökonomischen Phase, die Geschichte von Monopolen. Nach dem Bilde der manifesten Usurpation, die von den einträchtigen Führern von Kapital und Arbeit heute verübt wird, ist sie die Geschichte von Bandenkämpfen, Gangs und Rackets (GS 8, 381).

Die zivilien und liberalen Kräfte, die von Demokratie und Gerechtigkeit träumen und Europa für einen Lebensstil halten, der sich um Erasmus, Shopping und Billigflieger nach Barcelona dreht, sind gnadenlos unter die Räder gekommen. Bleibt die einzig relevante Frage, ob das, was wir in der Ukraine noch aus der Distanz beobachten können, auch die Zukunft Europas ist.

Von K.P. am 07. April 2014 keine Kommentare

Archive Hohen Neuendorf

Seit dem Sommer 2011 wird gegen den parteilosen Bürgermeister der Gemeinde Birkenwerder (Oberhavel), Norbert Hagen, und zwei weitere Mitarbeiter des Rathauses wegen des Verdachts der Bestechlichkeit ermittelt.

Konkret sollen die Behördenmitarbeiter Ingenieurleistungen so aufgesplittet haben, dass diese nicht mehr öffentlich ausgeschrieben werden mussten. Stattdessen sind die Aufträge an eine Reihe von bevorzugten Ingenieur- und Vermessungsbüros gegangen, wofür die Beamten mit Bargeld belohnt wurden. Die Firmen sollen sich zudem untereinander abgestimmt haben, wer wann zum Zuge kommt.

Dieses für alle lukrative System ist durch eine detaillierte anonyme Anzeige aufgeflogen. Die Korruptionsermittler sind den Beteiligten schon seit einem Jahr auf der Spur. Bereits Anfang Dezember 2010 hatte die Staatsanwaltschaft im Rathaus Akten beschlagnahmt.

Das war 2011.

Im Sommer 2014 erschien in der MAZ ein Bericht über die Familienpolitik des Norbert Hagen

Und jetzt? Jetzt titelt nach der Suspendierung des Bürgermeisters der Oranienburger Generalanzeiger "Schockstarre im Rathaus" - und trifft wohl damit tatsächlich die Befindlichkeit eines Teils der politischen Szene des Ortes. Und genau das ist das Problem. Sie haben nichts gemerkt und sie wollten nichts merken.

Denn dass die seltsamen Praktiken, die jetzt zur Suspendierung des Bürgermeisters geführt haben, überhaupt öffentlich geworden sind, ist der Presse und ist den Aktivisten der Bürgerinitative der AG Ortsentwicklung zu verdanken. In den politischen Fraktionen, die jetzt in letzter Minute versuchen sich aus dem sinkenden Boot zu retten:

  • wurden detailliert begründete Veröffentlichungen in der Presse als Vorverurteilung denunziert
  • wurde gegen Journalisten gepöbelt
  • wurde behauptet, die Gemeindevertretung hätte keine Kontrollfunktion gegenüber der Verwaltung wahrzunehmen
  • wurde abgewiegelt, die Sache mit den städtischen Immobiliengeschäften sei viel zu komplex, als dass man sich hätte einmischen können
  • sollte ein Untersuchungsausschuss unter keinen Umständen eingesetzt werden

Dass bei all jenen Schockstarre herrscht, ist verständlich.

Durchsucht wurden damals übrigens von den Anti-Korruptionsermittler auch die Räume des Tiefbauamtes in Hohen Neuendorf. Insgesamt, so konnte man 2011 lesen, wird gegen fünf Mitarbeiter von Behörden ermittelt.

Von K.P. am 04. April 2014 keine Kommentare

Archive Kultur

Was für ein schöner Aufruf! So, als könnte man 40 Jahre nach der portugiesischen Nelkenrevolution aus der posthistorischen Totenstarre nur mit Poesie, Schönheit und politischer Mystik erwachen.

Todos os Rios

 

In der Nacht zum 25. April entspringen Flüsse an verschiedenen Orten der Stadt. Verschiedene Menschenströme, die diesen Tag auf der Straße verbringen wollen - statt allein zu Hause - und die mit Instrumenten, Töpfen, Stimmen und Lust auf den Largo do Carmo münden.

Wir kehren nicht zufällig an diesen Ort zurück. Nicht nur weil dieser Platz vor 40 Jahren sich mit Leuten füllte, die der Aufforderung des Militärs nicht gehorchten, zu Hause zu bleiben, sondern auch weil wir leben und den öffentlichen Raum beanspruchen wollen.

Damit diese Ströme existieren, müssen Quellen geschaffen werden. Nimm deine Freunde, deine Musikgruppen, deine Gemeinschaften oder Sportvereine, sprich mit anderen, denk dir Treffpunkte aus, organisiere deinen Lauf. Mach mit, bring deine Ideen und Wünsche mit, Instrumente, Essen, Getränke und einen Müllbeutel*.

Website: Rios ao Carmo

* Um die Troika zu entsorgen: Que Se Lixe a Troika!

"Wir kehren nicht zufällig an diesen Ort zurück"

Der Ursprung ist das Ziel, das ist politische Mystik, denn "wir" (die heutige Generation) waren ja damals nicht auf der Straße. Wir kehren zurück, um den Anfang zu wiederholen und neu anzufangen:

Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen ›wie es denn eigentlich gewesen ist‹. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt. Dem historischen Materialismus geht es darum, ein Bild der Vergangenheit festzuhalten, wie es sich im Augenblick der Gefahr dem historischen Subjekt unversehens einstellt. Die Gefahr droht sowohl dem Bestand der Tradition wie ihren Empfängern. Für beide ist sie ein und dieselbe: sich zum Werkzeug der herrschenden Klasse herzugeben. In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen. (Walter Benjamin)

Kontakt

Sie sind in der Scharfschwerdtstraße 43 gelandet, dem Büro Blog von Karsten Poppe.

Ich arbeite für Sie als Lektor. Von Beratung und Textentwicklung (Korrekturen, Lektorat, Ghostwriting) bis zur Gestaltung (Word, Open Office, PDF, DocBook, HTML/CSS, LaTeX, ePub).

Dr. Karsten Poppe
Scharfschwerdtstrasse 43
16540 Hohen Neuendorf
Deutschland
Tel.: +49 (0)3303 - 541371
Jabber: metaphora@jabber.ccc.de
Bürozeiten: Montag bis Donnerstag 9 bis 12 und 16 bis 18 Uhr, Freitag 9 bis 12 Uhr

Support auch in Zukunft im Kundenbereich.

Signaturen

Wie ist es möglich, dass man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird - dass man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird?

- Michel Foucault

Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert.

- Theodor W. Adorno

Tant mieux. Nicht weinen. Der Unsinn der kritischen Prognosen.

- Walter Benjamin

Heute kommt es (…) darauf an, zu retten, was von der persönlichen Freiheit noch übrig ist. Radikal sein heißt heute konservativ sein.

- Max Horkheimer

I have no spiritual investment in this world as it is.

- Jacob Taubes

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Portugal

Wer sich für Portugal interessiert, dem sei ein Besuch in Lissabon oder Sintra empfohlen. Und wer nach Informationen über Portugal sucht, der kann sich im Portugalforum mit anderen austauschen.

Texte

Texte, Fragmente und Improvisationen zu Walter Benjamin und Jacob Taubes.

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