Dr. Karsten Poppe - Büro für Text & Webentwicklung in der Scharfschwerdtstraße 43, 16540 Hohen Neuendorf Kontakt

Scharfschwerdtstraße 43

... übersetzen zwischen Mensch und Maschine

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Notizen

Von K.P. am 21. Mai 2013 keine Kommentare

Archive Kultur

Alle wollen empört sein und suchen nach Anlässen. Wunderbar nüchtern stellt die Psychoanalytikerin Julia Kristeva fest, dass Empörung eine Sackgasse ist - und das Gegenteil einer "Kultur des Infragestellens".

Eine weitere Sackgasse Europas ist der Hang zur Empörung, ein Wort, das inzwischen groß in Mode ist. In meinen Augen ist die Empörung romantisch, eine von Abwehr und Zorn geprägte und jugendlich-unreife Reaktion, die keine glaubwürdige Alternative benennt, weil sie keinerlei Interaktion mit dem anderen vorsieht. Sie denkt nicht an den anderen. Es ist eine Haltung, die zum Dogmatismus verleitet; sie ist ihrem Wesen nach totalitär und todbringend. Die Empörung ist eine europäische Sünde, ein negativer Narzissmus.

Von den Schwierigkeiten Nein zu sagen, so hat Klaus Heinrich das auf die Formel gebracht - und Kristeva: wir brauchen uns dennoch nicht unserer Kultur des Infragestellens zu schämen, ganz im Gegenteil.

Besser als in diesem Gespräch kann heute nicht auf den Punkt gebracht werden, was in Europa noch Kultur heißen könnte.

Was passiert, wenn man sich von Stadtentwicklungspolitik verabschiedet und kommunale Gestaltungsspielräume dem Markt überlässt, hat der letzte Ausschuss in Hohen Neuendorf gezeigt.

Unter der Devise, bezahlbaren Wohnraum schaffen! wird ein Mietwohnungsprojekt in Borgsdorf unterstützt, das in der Nelkenstraße/Sperberstraße/Blumenstraße zu einer unglaublichen Verdichtung führt, und von CDU, SPD und LINKEN die Befreiung von den Festsetzungen des geltenden Bebauungsplans empfohlen.

Geplant sind Wohnungen im mitteren Preissegment (7€/m2 plus Nebenkosten). Die Planung sieht 3 Wohnhäuser in Geschossbauweise mit je 18 Mietwohnungen vor. Auf den Grundstücken befinden sich bereits 2 Wohngebäude, ebenfalls in Geschossbauweise mit je 18 Wohneinheiten. Der Bebauungssplan Nr. 01 „Berliner Straße / Sperberstraße“, Stadt Hohen Neuendorf, Stadtteil Borgsdorf sieht bereits eine GRZ von 0,4 vor.

Übernommen wird die Behauptung des Investors, es bestünde für diese Wohnungen ein Bedarf. Dieser Bedarf wird allerdings wiederum nicht begründet, sondern nur mit Gerüchten kolportiert: der Investor habe durch seine Mieter erfahren, dass Menschen preiswerten Wohnraum suchten. Dolles Ding, Sachen gibt's! Denn dass für den Investor ein Bedarf vorhanden ist, steht außer Frage. Es wird allerdings in keiner Weise beziffert, ja auch seitens der Verwaltung nicht einmal zu benennen versucht, wie groß dieser Bedarf in und für Hohen Neuendorf tatsächlich ist. Sachpolitik ist das nicht, wenn Fakten nur behauptet werden.

(Schauen wir einmal in ein paar Jahren, wie viele Hohen NeuendorferInnen tatsächlich in den Neubau gezogen sind oder wie viele Familienangehörige von Hohen NeuendorferInnen dort leben.)

Aber Widerspruch wird nicht geduldet. Dass die ersten Baumfällaktionen durchgeführt werden können, bevor eine Baugenehmigung erteilt wurde, wundert in Hohen Neuendorf schon niemanden mehr. Und statt auf die Expertise der Architekten (Stadtverein und Grüne) im Ausschuss zu hören oder sich wenigstens mit ihren Einwänden auseinanderzusetzen, wird deren Kritik als vermessen bezeichnet, der Investor wüsste schließlich am Besten, wie zu bauen sei, man habe dankbar zu sein, dass es überhaupt Interesse an der Projektentwicklung gebe und schließlich sei man selbst auch kein Architekt.

Für Jutta Lindner (SPD) sei zwar die Gartenstadt Hohen Neuendorf oberstes Gebot. Wenn sie allerdings den geplanten Komplex ein geschlossenes Areal und eine Insel in der Gartenstadt nennt, dann plaudert sie unfreiwillig aus, worauf hier die Stadtentwicklung hinausläuft: auf städtebaulich (und schlimmstenfalls auch gesellschaftlich) als minderwertig stigmatisiert Orte, architekturhistorisch und soziologisch zugespitzt: auf Ghettos für Outsider.

Eine vernünftige Stadtentwicklungspolitik hätte solche (eigentlich gerade für die DDR typischen) Insellösungen zu kritisieren und Konzepte zu entwickeln, die vermeiden, dass die Stadt durch sozialen Druck und simple marktkonforme Lösungen in Inseln und geschlossene Viertel zerfällt. Perspektiven für den kommunalen Wohnungsbau könnten ein Anfang sein ...

Aber das ist der Preis, den die Menschen in Hohen Neuendorf für bezahlbaren Wohnraum zu zahlen bereit sein sollen: sie müssen billige & hässliche Architektur ertragen (Plattenbau in Borgsdorf) und akzeptieren, dass sie abgeschlossen in einem stigmatisierten Komplex leben.

Dazu passt die paternalistische Haltung, mit der Jutta Lindner (SPD) das Projekt unterstützt. Sie begründet die Forderung nach Balkonen allen Ernstes mit dem Argument, dass die Leute mal an die frische Luft kommen.

Das Projekt führt in dieser Lage in Borgsdorf zu einer unglaublichen Verdichtung. So stelle er sich Hohen Neuendorf in zehn Jahren nicht vor, meinte Norbert Matthes. Wenn allerdings die Spitze der Verwaltung weiter durch die Politik unwidersprochen jeden Investorenwunsch mit ungeahnter Energie unterstützt und ihre (nie offen politisch diskutierten) Vorstellungen von zuträglicher Verdichtung durchsetzt, dann wird seine Phantasie auf eine harte Probe gestellt.

Das ist ein beliebtes Argument, oder genauer, eine beliebte rhetorische Figur, wenn es um die Durchsetzung von kommunalen Bebauungsplänen geht: einen Bedarf anmelden.

Der Antragsteller behauptet, es bestünde ein Bedarf an neuen Sportplätzen, Altenheimen, Mietwohnungen ... Damit macht der Investor deutlich, dass er in keiner Weise in eigenem Interesse, sondern im Namen einer großen Mehrheit, wenn nicht gar der Allgemeinheit spricht, im Namen der Gemeinde oder der Stadt, dass es ihm um das Gemeinwohl geht und nicht um eigene partikulare Interessen.

Um so ernsthafter müsste dann der Bedarf geprüft werden.

In Hohen Neuendorf ist das zunächst und vor allem nicht der Fall, da genügt es, einen Bedarf einfach zu behaupten. Wer dann (aus welchen Gründen auch immer) gegen ein weiteres Altenheim, einen Sportplatz oder neuen Mehrgeschossbau argumentiert, wird im Namen des Gemeinwohls rhetorisch bekämpft: man sei gegen Alte oder gegen Kinder & Jugend.

Um diese Kritik ernsthaft zu entkräften und ein sachliches Gespräch zu ermöglichen, müsste nur politisch diskutiert, ein Bedarf definiert und seine Erfüllung geprüft werden. Daran scheint aber kein Interesse zu bestehen. Es gibt keinen Sportstättenentwicklungsplan (das könnte so aussehen), keine seriöse Prognose der demografischen Entwicklung, keine Bestandserhebung von Altenpflegeplätzen, weder Perspektiven noch Konzepte für einen kommunalen Wohnungsbau.

Ein Bedarf wird von der Verwaltung im schlimmsten Fall dann bescheinigt, wenn ein Investor über die finanziellen Mittel verfügt, um ihn zu behaupten: Ich will investieren, also besteht ein Bedarf. Oder wenn die entsprechende Lobby über genügend Einfluss verfügt, um ihn durchzusetzen: Wir wollen das so, also besteht auch ein Bedarf an dieser Stelle.

Mit politischer Diskussion, mit transparenten Entscheidungen oder gar mit einer breiten und demokratischen Bedarfsermittlung mittels Bürgerbeteiligung hat das nichts zu tun.

Denn darüber könnte man gut und öffentlich reden: wie viele und was für Sportplätze brauchen wir, wo sollen sie gebaut werden und wer soll sie nutzen dürfen? Wie viele Altenpflegeplätze brauchen wir, wie und von wem sollen diese Heime organisiert sein und wie wollen wir überhaupt im Alter wohnen? Wie können wir (und können wir das überhaupt) für bezahlbaren Wohnraum sorgen, ohne städtebauliche Fehler der Vergangenheit zu wiederholen?

Der politischen Kultur der Stadt täten solche Diskussionen gut, sie würden zur Versachlichung des Klimas und zur Entschärfung des Streits führen. Bis dahin wird einfach behauptet und denunziert ...

Von K.P. am 06. Mai 2013 keine Kommentare

Archive Kultur

Brechts Lösung zum 17. Juni in Portugiesisch.

Von Buckow nach Sintra, Pedro Macieira hat das Gedicht in seinem Blog am letzten Samstagzitiert.

Após a insurreição de 17 de Junho
O secretário da União de escritores
Fez distribuir panfletos na Alameda Estaline
Em que se lia que, por culpa sua,
O povo perdeu a confiança do governo
E só à custa de esforços redobrados
Poderá recuperá-la.Mas não seria
Mais simples para o governo
Dissolver o povo
E eleger outro?

Von K.P. am 04. Mai 2013 keine Kommentare

Archive Kultur

Vor 70 Jahre, am 4./5. Mai 1943, wurde im KZ Sachsenhausen Otto Scharfschwerdt zu Tode gequält. Die Todesursache und die Umstände sind bis heute ungeklärt. Er soll zu den Opfern der Menschenversuche faschistischer Ärzte gehört haben, die an KZ-Häftlingen Flecktyphusimpfungen vornahmen, um zu beobachten, wie diese dann an einer „allgemeinen Typhusepedemie“ zugrunde gingen. Er ist auf dem Friedhof in Birkenwerder beigesetzt.

Am Wohnhaus der Familie in der Hohen Neuendorfer Scharfschwerdtstraße ist zur Erinnerung an Otto Scharfschwerdt eine Gedenktafel angebracht.

Zur Erinnerung: Daten zum Leben Otto Scharfschwerdts

Von K.P. am 30. April 2013 keine Kommentare

Archive Kultur

Eine Katze auf den Dach, ein Gecko am Fenster, Rehe und Eulen im Garten, ein Hund auf der Terrasse.

Die aus unserem Leben verdrängte Tierwelt kehrt stumm als Kunstgewerbe wieder.

Von K.P. am 30. April 2013 keine Kommentare

Archive Hohen Neuendorf

Im letzten August hatte ich darauf aufmerksam gemacht, dass die Hermann-Löns-Straße in Bergfelde erst nach Heinrich Heine benannt und auf Betreiben des Bergfelder Dorfschullehrers Otto Berndt nach 1933 zu Ehren des Heidedichters umbenannt wurde.

Artikel: Hermann Löns in Bergfelde (1)

Anlässlich einer Veranstaltung zur Erinnerung an die Bücherverbrennungen bringt der Geschichtskreis dieses Thema nun zur Sprache.

So habe es in Bergfelde bespielsweise vor 1933 eine Heinrich-Heine-Straße gegeben, erläutert Raetzer. Diese sei 1935 unter anderem auf Betreiben des damaligen Ortschronisten umbenannt worden - in Hermann-Löns-Straße, wie sie heute noch heißt. Löns war ein Schriftsteller, der sich in seinem Werk häufig mit der Natur und mit Tieren beschäftigte und der im Ersten Weltkrieg in Frankreich starb.

Gründe, Löns aus Bergfelde wieder zu verbannen, gebe es an sich nicht", so Dietrich Raetzer. Aber eine Art "Wiedergutmachung" für Heinrich Heine sei denkbar - allerdings ist in Hohen Neuendorf inzwischen eine Straße nach ihm benannt worden.

"Das Resultat ist an sich nicht so wichtig, sondern die geschichtliche Vorgänge, mit denen wir uns beschäftigen", sagt der Historiker. Der Geschichtskreis sehe es als eine Aufgabe an, die Straßenumbenennungen zu erforschen.

Wenn das Resultat allerdings tatsächlich nicht so wichtig ist, dann kann man auch die Erinnerung wieder vergessen - und man wird sie vergessen, wenn sie keine Spuren hinterlässt. Deswegen sollte durch eine Tafel an der Hermann-Löns-Straße darauf aufmerksam gemacht werden, dass, wann und warum diese Straße umbenannt wurde. Sonst bleibt alles Erinnern vergeblich ... und vor allem folgenlos, weil es die Gegenwart belässt, wie sie ist.

Hermann Löns

Und Hermann Löns wird auch nicht gerecht, wer in ihm nur den harmlosen Wald- und Wiesendichter mit Hang zur Idylle sieht.

Ich bin Teutone hoch vier. Wir haben genug mit Humanistik, National-Altruismus und Internationalismus uns kaputt gemacht, so sehr, dass ich eine ganz gehörige Portion Chauvinismus sogar für unbedingt nötig halte. Natürlich passt das den Juden nicht und darum zetern sie über Teutonismus. Das aber ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Von K.P. am 29. April 2013 keine Kommentare

Archive Technik

Locations ist Modul für xarPress5 (Xarigami), mit dem Adressen inkl. Geokoordinaten (Längen- und Breitengrad) gesammelt, aufgelistet und auf Karten dargestellt werden können.

Das Modul besteht aus zwei Teilen: (1.) Locations und (2.) Maps.

Das Modul kann durch Hooks und Dynamic Data ergänzt werden, so können z.B. Locations oder Maps kommentiert und verschlagwortet werden.

(1.) Locations

Eine Location besteht aus einem Titel und den Koordinaten für Längen- und Breitengrad.

Zusätzlich können weitere Felder (z.B. Straße, Bundesland, Land) verwendet werden, um die Adresse der Location zu spezifizieren.

Diese zusätzlichen Adresskomponenten basieren auf Googles Geocoding und Googles Places API.

Es kann in den Moduleinstellungen gewählt werden, welche Adresskomponenten zum Sammeln von Locations verwendet werden sollen und welche Felder als Pflichtfelder betrachtet werden.

Für die Ermittlung und Konvertierung von Adressen (z. B. "1600 Amphitheatre Parkway, Mountain View, CA") in geografische Koordinaten (z. B. geografische Breite 37.423021 und geografische Länge -122.083739) stehen bisher zwei Tools zur Auswahl:

Mit Hilfe dieser Tools reicht ein Klick auf eine Karte, um automatisch die passenden Adresskomponenten und geografischen Koordinaten einer Location zu erhalten. Die Tools unterscheiden sich durch die Anzahl der unterstützten Adresskomponenten.

Das Modul ist aber auch eine JavaScript voll funktionsfähig.

Locations werden aufgelistet und in der Einzelansicht auf einer Karte (optional) dargestellt.

(2.) Maps

Maps stellen alle Locations einer Kategorie auf einer Karte dar.

Wahlweise kann die Darstellung auch alle Unterkategorien beinhalten.

Dazu muss nur die passende Kategorie und eine Name für die Karte gewählt werden. Optional kann der Karte auch eine Beschreibung hinzugefügt werden.

Für die Erzeugung der Karte werden Openstreet Map und Leaflet genutzt. Alternative Kartenanbieter können jedoch leicht eingebunden werden.

Properties

Das Modul enthält zwei neue Dynamic Data Properties, durch die andere Module in ihrer Funktionalität erweitert werden können.

  • addresspicker
  • geolocation

...

Von K.P. am 21. April 2013 keine Kommentare

Archive Kultur

Der kleine Prinz aus Birkenwerder macht sich Gedanken zum Wochenende und die sind noch wirrer als letzte Woche die seines Kollegen aus Mühlenbeck.

Der Theologe, Pädagoge und Pfarrer aus Birkenwerder, der gerne auch König von Deutschland wäre und seine Weihnachtspredigt in der Jungen Freiheit hält, kommt vom Attentat in Boston, wo auch ein achtjähriges Kind zu den Opfern zählt, über die Hellersdorfer Mutter, die ihr Kind verhungern ließ, zum Arzt, der in den USA Abtreibungen überlebensfähiger Babys durchgeführt oder angeordnet haben soll.

Das alles sei Menschenverachtung in der schlimmsten Form: gegen Kinder.

Rhetorisch ist klar, wie der Hase läuft: die Welt wird schwarz gemalt, um die Rettung desto strahlender erscheinen zu lassen, so schwarz und abstrakt freilich, dass das Böse jede Kontur und das moralische Urteil jede mögliche, auch rechtliche Konkretion verliert.

Die einzige Garantie nämlich, dass der Wolf in uns nicht ausbricht, bestünde, kurz gesagt, im Glauben. Das mag so sein. Interessant ist nur, dass offensichtlich in Birkenwerder entschieden wird, wer rechten Glaubens sei und wer nicht. Meint der Pfarrer doch, dass (w)er als Talarträger Kindern oder Andern Gewalt antut sich nicht nur nie auf Gott berufen könne, sondern auch nicht aus Seinem Geist lebe.

Wo moralisch und rechtlich nicht mehr geurteilt werden kann, weil alles Böse unterschiedslos in dem einen schwarzen Ton gemalt wird, behält theologischer Absolutismus das letzte Wort.

Von K.P. am 19. April 2013 keine Kommentare

Archive Kultur

Ein Witz, den Jacob Taubes überliefert hat, eine Antwort auf die Frage: warum Apokalyptik?

Ein Flüchtling nach dem Aufstand in Ungarn 1956 fand bei Freunden in Wien vorübergehenden Unterschlupf. Gemeinsam beriet man, in welches Land der Flüchtling emigrieren sollte. Man holte einen Globus und ging viele mögliche Länder durch. Für jedes erwogene Land sprach manches, doch mindestens ebenso viel dagegen. Nach langem Diskutieren seufzte der Emigrant und fragte: ›Haben Sie keinen anderen Globus?

Das, so Taubes, ist Apokalyptik.

Von K.P. am 14. April 2013 2 Kommentare

Archive Kultur

Wieder alles viel zu umständlich - zu sentimentalen Protestanten, die Nazibräute gerne herzen, hat Kurt Tucholsky alias Theobald Tiger unter dem Titel "Rosen auf den Weg gestreut" in der Weltbühne am 31.03.1931 schon alles gesagt.

Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,
getreulich ihrer Eigenart!
Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt: »Ja und Amen – aber gern!
Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.

Und schießen sie –: du lieber Himmel,
schätzt ihr das Leben so hoch ein?
Das ist ein Pazifisten-Fimmel!
Wer möchte nicht gern Opfer sein?
Nennt sie: die süßen Schnuckerchen,
gebt ihnen Bonbons und Zuckerchen ...
Und verspürt ihr auch
in euerm Bauch
den Hitler-Dolch, tief, bis zum Heft –:
Küßt die Faschisten, küßt die Faschisten,
küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft –!

Und die Pointe protestantischer Beschwichtigung hat Tucholsky auch verraten: Wer möchte nicht gern Opfer sein?.

Von K.P. am 13. April 2013 keine Kommentare

Archive Kultur

Gedanken zum Wochenende sind im Oranienburger Generalanzeiger das Wort zum Sonntag. Heute lässt ein Pfarrer aus Mühlenbeck uns in seine Gedankenwelt blicken, und da scheint es drunter und drüber zu gehen.

Oder wie anders ist es zu erklären, dass dieser Pfarrer beim Anblick eines Aufklebers gegen Nazis (an dem Laden, in dem die NPD-Abgeordnete des Mühlenbecker Landes arbeitet) in der Figur, die ein Hakenkreuz zertritt, erst einen Schläger erkennt und dann an die Kampagne der Nazis zum Boykott jüdischer Geschäfte denken muss, die auch mit Klebezetteln Kauft nicht beim Juden unterstützt wurde?

Die lokalen Antifaschisten bedienen sich, heißt das, bei ihrem politischen Kampf gegen die neuen Rechten derselben Mittel wie die alten Nazis.

Das ist genau so dämlich, wie es klingt ... von Kuchenbacken auf Arschbacken. Aber dem Pfarrer sind historische Tatsachen genau so egal wie der politische Widerstand gegen die Nazis in Oberhavel.

Es geht ihm vor allem um eine moralische Lehre und ihre theologische Begründung.

Es dürften beim Kampf gegen eine rassistische und ausgrenzende Ideologie nicht die gleichen gewalttätigen Mittel gewählt werden. Man müsse, um den Kreislauf der Gewalt zu unterbrechen, andere Wege finden (...) ohne Ausgrenzung, ohne Gewalt.

Was an einem Aufkleber jetzt gewalttätig ist, das weiß vermutlich nicht einmal Gott. Und selbst ein Pfarrer im Mühlenbecker Land sollte in den letzten Monaten bemerkt haben können, dass die neuen Nazis ihre Feinde nicht nur ideologisch ausgrenzen, sondern sie mit dem Tod bedrohen und real töten. Um der moralischen Formel willen ist dem Pfarrer aber der Unterschied zwischen einem Klebezettel und einer Česká CZ 83 egal.

Und weil es um das Wort zum Sonntag geht, darf natürlich die christliche Pointe, die theologische Begründung der Moral nicht fehlen, und die trifft noch weiter daneben als der Vergleich antifaschistischer Aufkleber mit dem Judenboykott der Nationalsozialisten.

Wer antifaschistische Klebezettel anbringt, verhält sich nämlich nicht nur selbst wie ein Nazi, sondern auch noch wie ein Jude, handle er doch nach der Talionsformel, dem alttestamentarischen Gebot aus dem Alten Testament: Auge um Auge, Zahn um Zahn!

Er mache also den (vermeintlichen) Fortschritt zum Christentum (der hier immerhin als Verschärfung und nicht vollends anti-judaistisch als Aufhebung des Jüdischen verstanden wird) nicht mit. Denn christlich sei dieses Gebot verschärft worden: Schlägt dich einer auf die rechte Wange, dann biete ihm die andere auch dar.

Wie gesagt, in diesen Gedanken zum Wochenende geht's drunter und drüber ... eine Perspektive gegen die neuen und alten Oberhaveler Nazis bieten sie nicht. Im Gegenteil: man kann die Durchsetzung des Rechtsstaates (der ein historisches Fundament nicht zuletzt in der Talionsformel hat) auch christlich durch Feindesliebe delegitimieren.

Das ist der feine Unterschied: Jesus konnte die Talionsformel verschärfen, weil er das Reich Gottes schon nahe sah. Wenn nächste Woche der Münchner Prozess gegen den NSU beginnt, geht es aber um Rechtsstaatlichkeit, nicht um Eschatologie. Und wir dürfen gespannt sein, ob am nächsten Wochenende der Prozess gegen Beate Zschäpe zum Anlass genommen wird, im Rechtsstaat die Gewalt zu erkennen und Feindesliebe zu predigen: Nazibräute herzen, statt sie auszugrenzen und zu verurteilen.

Von K.P. am 29. März 2013 1 Kommentar

Archive Kultur

Hugo Ball (1927) über einen profanen Kalender und die geistigen Voraussetzungen der Zeit.

Wenn unsere abstrakten Bilder in einer Kirche hingen: man brauchte sie am Karfreitag nicht zu verhängen. Die Verlassenheit selber ist Bild geworden. Kein Gott, keine Menschen mehr sind zu sehen. Und wir können noch lachen statt vor Bestürzung in den Boden zu versinken? Was bedeutet das alles? Vielleicht nur das eine, dass die Welt im Zeichen der Generalpause steht und am Nullpunkt angelangt ist. Dass ein universaler Karfreitag angebrochen ist, der außerhalb der Kirche in diesem besonderen Fall stärker empfunden wird als in ihr selbst; dass der Kirchenkalender durchbrochen und Gott auch zu Ostern am Kreuze gestorben bleibt. Das bekannte Philosophenwort Gott ist tot beginnt ringsum Gestalt anzunehmen. Wo aber Gott tot ist, dort wird der Dämon allmächtig sein. Es wäre denkbar, dass es, so wie ein Kirchenjahr, auch ein Kirchenjahrhundert gibt und dass auf das unsere der Karfreitag und genauer die Todesstunde am Kreuze fällt.

Von K.P. am 14. März 2013 keine Kommentare

Archive Kultur

Paul Celan liest Assisi (Umbrische Nacht) ... und erinnert den Heiligen Franz daran, dass die Toten weiter unerlöst sind, schwarze Nacht der Melancholie.

Umbrische Nacht.
Umbrische Nacht mit dem Silber von Glocke und Ölblatt.
Umbrische Nacht mit dem Stein, den du hertrugst.
Umbrische Nacht mit dem Stein.

Stumm, was ins Leben stieg, stumm.
Füll die Krüge um.

Irdener Krug.
Irdener Krug, dran die Töpferhand festwuchs.
Irdener Krug, den die Hand eines Schattens für immer verschloß.
Irdener Krug mit dem Siegel des Schattens.

Stein, wo du hinsiehst, Stein.
Laß das Grautier ein.

Trottendes Tier.
Trottendes Tier im Schnee, den die nackteste Hand streut.
Trottendes Tier vor dem Wort, das ins Schloß fiel.
Trottendes Tier, das den Schlaf aus der Hand frißt.

Glanz, der nicht trösten will, Glanz.
Die Toten - sie betteln noch, Franz.

Kontakt

Sie sind in der Scharfschwerdtstraße 43 gelandet, dem Büro Blog von Karsten Poppe.

Von Beratung und Textentwicklung (Korrekturen, Lektorat, Ghostwriting) bis zur Gestaltung (Word, Open Office, PDF, DocBook, HTML/CSS, LaTeX, ePub) - wenn Sie an meinen Dienstleistungen interessiert sind, nehmen Sie bitte direkt mit mir Kontakt auf.

Dr. Karsten Poppe
Scharfschwerdtstrasse 43
16540 Hohen Neuendorf
Deutschland
Tel.: +49 (0)3303 - 541371
Jabber: metaphora@jabber.ccc.de
Bürozeiten: Montag bis Donnerstag 9 bis 12 und 16 bis 18 Uhr, Freitag 9 bis 12 Uhr

Support auch in Zukunft im Kundenbereich.

Signaturen

Wie ist es möglich, dass man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird - dass man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird?

- Michel Foucault

Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert.

- Theodor W. Adorno

Tant mieux. Nicht weinen. Der Unsinn der kritischen Prognosen.

- Walter Benjamin

I have no spiritual investment in this world as it is.

- Jacob Taubes

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Kultur

Hohen Neuendorf

Kommentare

Portugal

Wer sich für Portugal interessiert, dem sei ein Besuch in Lissabon oder Sintra empfohlen. Und wer nach Informationen über Portugal sucht, der kann sich im Portugalforum mit anderen austauschen.

Texte

Texte, Fragmente und Improvisationen zu Walter Benjamin und Jacob Taubes.

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