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Notizen

Von K.P. am 18. Februar 2012 keine Kommentare

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Ich habe bereits auf die bemerkenswerte Geschichte der Brüderbewegung verwiesen, die Gerhard Sennlaub als Geschichte seiner Rettung aus christlich-fundamentalistischer Verknechtung geschrieben hat.

In dem literarisch durchaus anspruchsvollen Text schildert er den Aufstieg der fundamentalistischen Brüderbewegung im Arbeiterelend des frühen 19. Jahrhunderts und fügt in die historische Erzählung oft ganz erschreckend traurige Interviews ein, die er mit Angehörigen der Brüderbewegung geführt hat, die auch drei und vier Generationen später sich kaum aus dem familiären Bann der religiösen (Zwangs-)Gemeinschaft lösen können.

Wie sieht er aus, der fundamentalistische Bibelglaube (G. Sennlaub) der christlichen Brüderbewegung (oder Darbysten)? Sennlaub beschreibt ihn vor dem Hintergrund seiner Entstehung bis in die Gegenwart als psychische und soziale Zwangseinrichtung. Die Welt, das ist der Feind: Frauen, Homsosexuelle und Demokraten.

Ganz ähnlich habe ich vor gut einem Jahr die geistigen und sozialen Hintergründe der (geschlossenen) Brüderbewegung zu umreißen versucht, die in Hohen Neuendorf durch den Emmaus e.V. vertreten ist. Als Ergänzung und Beleg dieser Skizze ist deswegen die folgende Montage von Zitaten aus Sennlaubs (Erinnerungs-)Arbeit über die Die folgenreiche Errettung des Ludwig B. zu sehen.

Historischer Hintergrund

Elberfeld - Geburt des christlichen Fundamentalismus im proletarischen Elend (um 1850)

Elberfeld dünstet geradezu Frömmigkeit aus. Freiligrath schimpft über das „verdammte Muckernest“, die „Sektenschlucht“, das „vertrackte Traktätleinsthal“, das „verketzernd“ sei wie kein zweites. „Mit der Toleranz ist es hier nicht weit her.“

Inspiration Elberfelder Bibel aus dem Geist des Fanatismus

Endlich, im Jahre 1854, ist Mister Darby zum ersten Mal in Deutschland. Er kommt nach Elberfeld, eingeladen von Carl Brockhaus - und bleibt gleich den ganzen Winter über. Die beiden helfen zwei Altsprachlern und Glaubensgenossen bei der Neuübersetzung des Neuen Testaments. Bis auf den heutigen Tag wird diese Leistung anerkannt, und der Text ist nicht nur in „Versammlungen“ der einzig akzeptierte. Während seiner Elberfelder Zeit wird der Deutsche von dem herrischen, fanatisch konsequenten und zu Kompromissen unfähigen Engländer endgültig radikalisiert.

Lehre

Brüderbewegung

Wo er missioniert hat, hinterlässt er kleine Gemeinden, die er der Staatskirche abgepredigt hat und die sich schlicht „christliche Versammlungen“ nennen. Die sind nun weder lutherisch noch reformiert noch calvinistisch noch katholisch, sondern „dissidentisch“: andersgläubig. Und nach dem Männerbild des Paulus nennen sie sich „Brüder“. „Schwestern“ gibt es natürlich auch, aber die haben - wieder nach dem Vorbild des Paulus - nichts zu sagen und spielen in den Gemeinden bestenfalls eine Nebenrolle.

Wiedergeboren

Die erklären schlankweg alle Pastores im Lande und überhaupt alle Evangelischen für die wahren Sektierer, die Katholiken sowieso. Sie behaupten, die Lehre der Kirche sei nicht wahrhaftig. Sich selbst heißen sie „wiedergeboren“. Sie hätten nun, frohlocken sie, neben ihrer alten auch diese neue Natur, und die könne gar nicht mehr sündigen. Als „Bekehrte“ hätten sie den Heiligen Geist empfangen und seien „eins mit Christus“ geworden. Sie dürften sich deshalb mit Fug und Recht für Heilige halten (mit der angenehmen Folge, vor dem Jüngsten Gericht keine Angst mehr haben zu müssen).

Bibeltreu

Merk dir das: Wenn du nicht deine ewige Seligkeit riskieren willst, hast du jedes Wort für verbindlich zu halten. Kein einziges steht zufällig in der Bibel. Schon der geringste Zweifel ist Sünde.

Einzig wir haben, der Urkirche gleich, die Einheit der Lehre, wie Darby das durchsetzte. Die muss unter allen Umständen rein erhalten bleiben.

Versammlungen

Jede ist nämlich für die Reinheit ihrer Lehre selbst zuständig. Da genügt nicht eine Beitrittserklärung wie bei der Kirche oder irgendeiner Freikirche, sondern jeder Aspirant hat sich einem Verhör zu unterziehen, bei dem ausgesuchte „Brüder“ die Qualität seines Glaubens prüfen.

Erst, nachdem ihm die Ältesten einen im darbystischen Sinne „gesunden“ Glauben attestiert haben, lassen sie ihn zum „Tisch des Herrn“ zu: Er darf mit ihnen das Abendmahl nehmen, das in ihrer Sprache „Brotbrechen“ heißt.

Trennungen

Exkommunikation würden die Katholiken sagen. Aber bei denen muss man unendlich viel mehr falsch gemacht haben, bis es zum Letzten kommt. In Darbys Freikirche geschieht das regelmäßig und schon für scheinbare Kleinigkeiten, die für Nichteingeweihte unverständlich sind, bei denen es aber für Darbysten um Tod und Leben geht, weil es sich um Gottes pingelig genaue Anweisung für private Lebensführung handelt.

Die Welt (und Demokratie) als Feind

Welt

Nie wird einer im Theater gesichtet werden. Keiner flirtet oder unterhält auch nur freundschaftliche Beziehungen zu einem weiblichen Wesen. Interesse an Kultur und Politik gibt es nur bei denen, die noch nicht weit genug fortgeschritten sind. Von Goethe, Schiller und Storm bis Coopers Lederstrumpf und Karl May – allesamt „Welt“. Sie zu lesen wäre Sünde. Niemand hat andere als die vereinseigene erbauliche Lektüre aus dem Brockhaus-Verlag.

Ihre Worte trafen mich entsetzlich hart. Sie sagte, sie könne nicht verstehen, wie ich mich mit dem Jungen treffen könne, da ich mich doch für den Herrn Jesus entschieden hätte! Total verwirrt und verzweifelt setzte sich bei mir ein Gedanke fest: Wenn das Sünde ist, wenn Jesus mir das verbietet, wie soll dann mein Leben in seiner Nachfolge aussehen? Es gab keine freundschaftlichen Kontakte zur „Welt“.

Demokratie

das ganze Elend im Industriegebiet des Wuppertals komme einzig vom schlechten Glauben der Menschen.

Der betrachtet alle demokratischen Bestrebungen mit mildem Abscheu. Was hat die Gemeinde des Herrn Jesus mit Bürgerrechten zu schaffen? „Unser Bürgerrecht ist in den Himmeln!“

Dass man politisch etwas ändern müsse, um gegen das himmelschreiende Elend des Proletariats anzugehen, hält er für biblisch nicht begründet, in seiner Sprache: für „nicht schriftgemäß“.

Weil aber gegen Nationalismus kein Wort in der „Schrift“ zu finden ist, lässt sich die überwältigende Mehrheit von nationalsozialistischen Gefühlen mitreißen; manche ihrer Jungmänner marschieren bei der SA mit.

Finanzierung

Brockhaus - Finanzierung durch ein blühendes Verlagswesen

Denn nun beginnt des Brockhaus‘ große Zeit. Er eröffnet eine private Missionstätigkeit, gibt seine erste Zeitschrift für Erwachsene heraus, ist auf seinen Schwager bald nicht mehr angewiesen und lebt nur noch von Spenden seiner Zuhörer und Anhänger und vom Verkauf seiner Schriften.

Spenden für das Werk des Herrn nimmt er immer noch gern an, aber privat ist er weniger denn je darauf angewiesen, denn er ist ein wohlhabender Mann, und sein Verlag schreibt Jahr für Jahr fette schwarze Zahlen.

Hauptberufliche „Kolporteure“ verlassen das Gebäude mit Zentnern der schwarzen Bücher, „bedienen“ damit und mit geistlicher Fürsorge die von Carl erpredigten Gemeinden im ganzen Reich, lassen sich dafür mit Wurst und Schinken versorgen und mit Bargeld ausstatten und kommen nach ein paar Wochen mit den Abrechnungen der verkauften Bücher zurück.

Niemand hat andere als die vereinseigene erbauliche Lektüre aus dem Brockhaus-Verlag.

Des Vaters Erbe aber und die wirtschaftliche Macht dazu machen den Rudolf Brockhaus praktisch unangreifbar.

Strukturen

Macht ohne demokratische Kontrollen

Es gibt in der Welt der Versammlungen keine förmliche Hierarchie, weil die in der Bibel nicht vorgesehen ist. Dass die anerkannten Kapazitäten, „Lehrbrüder“ und „Reisebrüder“, sich um den Verleger Brockhaus scharen, der sie mit dem Handelsgut Bücher und Heftchen versorgt, der die Verbindung zwischen ihnen hält, bei dem sie einander treffen und von dem aus sie auf ihre Tourneen gehen, ist doch keine Hierarchie! Wenn dieser Kreis handverlesener „Brüder“ auf seinen vierteljährlichen „Konferenzen“ dafür sorgt, dass es in deutschen Versammlungen nach Gottes von Darby entdeckter und von Rudolf Brockhaus bewachter Wahrheit zugeht, kann es allenfalls auf verblendete Nicht-Brüder so wirken, als gäbe es „eine straffe, von Elberfeld ausgehende Führung“ (Kunz) oder eine „kettenfeste Vergliederung, die nicht einmal die Methodisten haben“ (Ischebeck). In Wahrheit ist natürlich jede Versammlung autonom und entscheidet ihre Angelegenheiten selbst wie weiland die Römer, Korinther und Epheser. Aber Rat wird man sich doch holen dürfen! Und dafür gibt es eben die „Lehr- und Reisebrüder“.

Niemand wird je bezeugen können, wer welche Fäden im Hintergrund zieht. Protokolle gibt es nicht. Wenn Gott Protokolle brauchte, hätte er das den Seinen an irgendeiner Stelle mitgeteilt. Aber die Vorstellung, dass einige Dutzend schwarzberockter älterer Männer aus allen Gauen des Reichs auf einer „Reisebrüder-Konferenz“ zusammensitzen, sehr wahrscheinlich im Elberfelder Brockhaus-Verlag, und dass Rudolf Brockhaus ihnen das Problem Adolf Birkenstock darstellt und sogleich auch die Lösung parat hat, kommt sicherlich der Wahrheit sehr nahe. Eine Entscheidung muss her. Zwischen den verschiedenen Versammlungen gibt es ein dichtes Netz von Beziehungen, Freundschaften und Bekanntschaften. Man trifft sich immer wieder auf so genannten Konferenzen, wovon unzählige Erinnerungsfotos mit viel Vordergrund und einer Hundertschaft winziger Figuren im Hintergrund noch heute zeugen.

Dabei kommt ihm zu Hilfe, dass es bei den „Brüdern“ weder demokratische Strukturen gibt (die kommen ja in der Bibel auch nicht vor) noch schriftliche Verträge - nur „brüderliche“ Absprachen.

Brüderstunde

Das ist bis auf den heutigen Tag eine Art beschlussfassender Vollversammlung. Ab etwa 30 Jahren darf jeder Mann teilnehmen, der „in Gemeinschaft“ ist, also die Abendmahlslizenz hat. Aber unter 40 traut sich kaum einer. In dieser VV wird über alle Angelegenheiten der Glaubensgemeinschaft entschieden, von der Reparatur des Fensterrollos über die seelsorgerliche Betreuung des Wackelkandidaten X bis zur Zulassung zum „Tisch des Herrn“, dem Abendmahl. Alle Teilnehmer sind vergattert, kein Wörtchen aus dieser Runde nach draußen zu tragen, an ihre Weiber zuletzt.

Mehrheitsentscheidungen kennt die Brüder-VV nicht.

Wenn es wenigstens ein Beschluss von Menschen wäre! Aber diesen hat schließlich der Heilige Geist eingegeben, und auch unser Herr Jesus saß dabei, unsichtbar natürlich, wie er es uns in Matthäus 18 versprochen hat, wenn wir uns in seinem Namen versammeln.

Seelischer Zwang

Angst (machen)

Dem Proletarier Birkenstock geht es doch wahrhaftig schon schlecht genug. Und nun macht ihm der ehemalige Lehrer auch noch klar, dass seine Existenz Gold ist zu dem, was ihm bevorsteht. Du, Ludwig, bist so durchseucht von Sünde, dass du keine Chance hast. Mach dich auf Schreckliches gefasst.

Auf vier Feldern haben sie mir Angst gemacht. Erstens natürlich vor der ewigen Verdammnis. Zweitens, dass ich mich zurückgelassen finden könnte, wenn der Herr die Seinen entrückt hätte. Drittens vor dem unwürdigen Essen und Trinken des Abendmahls, womit man sich selber um Kopf und Kragen esse und trinke („sich selber zum Gericht“: 1. Korinther 11.29). Viertens mit ihrem liebsten Thema, das aber immer nur mit düsteren Andeutungen und Umschreibungen behandelt wurde: der Sexualität.

Nicht die Sehnsucht nach der Liebe Gottes, sondern die so erzeugte Angst soll zum Motor der Umkehr werden.

Bekehrungserlebnis

Wir hatten schon als Kinder große Angst vor der Hölle, wenn wir kein Bekehrungserlebnis hätten.

Als ich Kind war, bedrängte mich Hildegard G. aus der Christlichen Buchhandlung so sehr, dass ich ein wunderschönes Bekehrungserlebnis erfand, so glaubwürdig, dass sie es mir abnahm und mich als Eingeweihte in ihre Arme schloss.

Diskriminierung der Frauen

Die Frauen der „Brüder“ sind in der Ehe leicht zu handhaben.

Denn bei den „Brüdern“ ist die Benachteiligung der Weiber sogar ideologisch zementiert.

Zuständig ist immer nur der Mann, das Oberhaupt der Familie.

Sie hat ja nach dem Gebot des Apostels Paulus zu schweigen „in der Versammlung“. Geredet wird nur auf der anderen Seite des Raums, bei den Männern. Nur die beten laut, nur die lesen aus der Bibel, nur die „legen das Wort aus“ und machen der Gemeinde Mitteilungen. Gegenüber, wo Hut an Hut die Frauen sitzen, wird allenfalls gehüstelt.

(„Versammlungs“-Frauen sind bis heute auch an ihren Frisuren erkennbar.)

Haare abschneiden war „Sünde“.

Gemeinschaftszwang und Überwachung

Achthaber der Brüderbewegung kommen prinzipiell unangemeldet, immer zu mehreren, beginnen selbstverständlich mit einem gemeinsamen intensiven Gebet und haben das Recht, das Innere der Woh- nung zu inspizieren. „Nicht schriftgemäße Bilder“ an der Wand, gar Bücher „aus der Welt“, erst recht heidnische Symbole wie Adventskranz und Weihnachtsbaum, unziemlich gekleidete Mädchen. (Als unziemlich gelten schon bloße Oberarme und hell bestrumpfte Beine.)

Das klappte vorzüglich. Man konnte kaum einen Schritt unbeobachtet tun.

Den Weihnachtsbaum zu Hause hat er weggeschafft, weil Brüder den bei einem “Habt-acht-aufeinander!“- Kontroll-Besuch mit Schaudern entdeckten.

Die Gebetsgemeinschaft in der „Versammlung“ (das nannte sich „vor Gott bringen“) wurde dazu missbraucht, das zu sagen, was man dem „Bruder“ nicht von Angesicht zu Angesicht sagen wollte.

Es war eine subtile Mischung aus Freiheit (für die meine Eltern standen) und Angst. Die schlimmsten Strafandrohungen der Bibel waren nichts dagegen, mit irgend etwas Verbotenem von „Brüdern“ erwischt worden zu sein.

In einer Gemeinschaft, wo einer den anderen fortwährend argwöhnisch beschnüffelt, ob auch nicht ein einziges falsches Wort seinem Munde entfleucht, wo Streitschriften, Spaltungen und wechselseitiges Ausschließen längst zum Tagesgeschäft gehören, ist die öffentliche Beantwortung kritischer Fragen höchst gefährlich.

Von K.P. am 18. Februar 2012 keine Kommentare

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Die LINKE hatte letzte Woche zu einem Thälmann-Abend in Borgsdorf eingeladen.

Rund 40 Gäste waren erschienen, um den DEFA-Film Thälmann – Sohn seiner Klasse aus dem Jahr 1956 zu sehen und über die historische Bewertung des Antifaschisten und KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann (1886-1944) zu reden.

Die Sozialfachismus-Theorie wurde nüchtern im historischen Kontxt gesehen:

Ihre Ursachen seien vielfältig und keinesfalls nur der KPD anzulasten, sie sei vielmehr auch ein Ausdruck der Tatsache, dass sich nach der Spaltung der Arbeiterbewegung, nach der Novemberrevolution sowie nach der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts SPD und KPD als feindliche Brüder wahrgenommen hätten.

Die folgende Bemerkung dürfte die Spannung zwischen den linken und rechten Extremen allerdings völlig um ihre Pointe bringen, indem sie politische Nähe und Auseinandersetzung auf das Niveau von Kneipengesprächen bringt, so als hätten sich Kommunisten als Teile der diskutierenden Klasse verstanden:

Vorgebrachte Thesen, nach denen KPD und Nazis gemeinsame Sache gegen die Weimarer Republik gemacht hatten, konnte Dr. Lothar Schröter auf ruhige Art und mit viel Sachverstand entkräften. Es habe zwar solche Aktionen gegeben, bei denen Nazis und Kommunisten gemeinsam zu sehen gewesen waren. Die Nazis waren dabei jedoch nur Trittbrettfahrer. Darüber hinaus hätten die Kommunisten mit einfachen SA- und SS-Leuten Gespräche geführt, um diese von der Falschheit ihrer Ideologie zu überzeugen.

Source: Thälmann-Abend in Borgsdorf

Von K.P. am 14. Februar 2012 keine Kommentare

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Erst hatte die SPD Hohen Neuendorf der von der CDU beantragten Umbenennung des Thälmannplatzes zugestimmt, da es ohnehin nichts mehr zu diskutieren gebe und die Meinungen sich nicht mehr ändern würden. Jetzt bringt sie (Oranienburger Generalanzeiger, 11.2.2012) mit einem Mal ein Bürgerbegehren ins Spiel.

Weil sich die Stadtverordneten ganz ungezwungen zum Spielball einer geschichtspolitischen Initiative der CDU-Landesvorsitzenden Saska Ludwig gemacht haben, sollen die BürgerInnen jetzt aus der verfahrenen Situation retten, in die sich die Politik manövriert hat. Der Ton klingt nun trotzig und pampig, als hätten die BürgerInnen noch immer nicht kapiert, dass die Politk doch nur ihr Bestes wolle:

Sollen die Bürger entscheiden, ob sie den Namen tilgen oder ihn erhalten wollen als Erinnerung an ihre vergangenene Zeit in einem untergegangenen Staat.

Seltsames Argument, das unterstellt, für den Erhalt des Thälmannplatzes machten sich nur nostalgisch veranlagte BürgerInnen mit DDR-Biographie stark, nicht etwa auch (mit den unterschiedlichsten Argumenten) junge Leute oder solche, die in der Bundesrepublik oder (wie ich) Westberlin aufgewachsen sind.

Ernst Thälmann war, so Gossmann-Retz, nicht nur Opfer; er war auch Täter. Es gibt demnach zweierlei Opfer das Nationalsozialismus, gute und schlechte: weil Ernst Thälmann ein Feind der Demokratie war, ist er ein Opfer zweiten Ranges. Weil Thälmann die Republik bekämpft hat, ist er selbst Schuld an seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten. Was ist mit kommunistischen Juden, die im KZ ermordet wurden? Mit Georg Benjamin, dem Bruder Walter Benjamins? War auch er nicht nur Opfer, sondern auch Täter?

Die Selbstgewissheit, mit der (nicht nur) in der (Hohen Neuendorfer) SPD die eigene (Partei-)Geschichte schön geschrieben wird, ist bemerkenswert.

Gossmann-Reetz stellt fest, dass Thälmann aus seinen Fehlern gelernt habe und ganz zum Schluss, als die braunen Horden schon über Deutschland hergefallen waren, die Volksfront beschwor. Fragt sich, wo sie herkamen, die braunen Horden. Etwa auch, wie die roten Horden, aus dem Osten? Oder nicht gar aus der Mitte der Weimarer Republik? Die Verklärung der demokratischen Verhältnisse der Weimarer Republik, und der SPD als deren glänzender Anwalt, gehört zum ideologischen Hintergrund der geschichtspolitischen Diskussion.

Und die verzweifelten Bemühungen, im Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft eine Aktionseinheit zwischen KPD und SPD zu bilden, die politische Einheit der Arbeiter herzustellen, eine Volksfront? Die Exil-SPD mit Otto Wels an der Spitze hat die Strategie der KPD abgelehnt, mit dem Verweis auf den Oktober 1923.

Eine Diskussion um Thälmann (und die Benennung eines Platzes) ist nur dann mehr als geschichtspolitische Ideologie, wenn man nicht vermeidet, ins eigene Fleisch zu schneiden. Anders gesagt: wenn man ernsthaft an historischem Wissen interessiert ist. Dass man bis in diese Dimensionen vorgestoßen ist, merkt man, wenn die Erkenntnis weh tut. Historische Erkenntis denkt gegen eigene (partei-)politische Interessen, das unterscheidet sie von Geschichtspolitik.

Ein Kommentar auf der Website der SPD macht deutlich, was passiert, wenn der politische Stammtisch die Diskussion ersetzt, dann geht es nämlich nur darum, dass alle (...) Genossinnen und Genossen bei der Stange bleiben. Genau das ist der (schlechte) Sinn von Geschichtspolitik - sie erzeugt Nestwärme, wenn auch nur im Ortsverband.

Der politische Streit sei, so Gossmann-Retz, mit einfachen Formel nicht zu lösen. Völlig richtig. Nur warum hat sich die SPD dann hinter die simpel gestrickte Geschichtspolitik der CDU gestellt und den Antrag auf Umbenennung unterstützt? Wie gesagt, man hätte diskutieren können. Dazu hatte aber kaum ein Mitglied der Stadtverordnetenversammlung Lust.

Erinnert sei auch daran, dass die SPD eine Fraktion mit Erhardt-Maciejewski (FDP) bildet, der Rosa Luxemburg und Karl Marx als faschistoide Personen bezeichnet hat. Die SPD hat sich weder von Erhardt-Maciejewski distanziert, noch hat dieser sich öffentlich geäußert oder gar entschuldigt. Erst wird das Diskussionsklima durch derartige Pöbelei unerträglich aufgehitzt, und dann gibt sich die SPD als besonnene Stimme, die vor Verletzungen warnt.

Das geht natürlich nicht ohne das übliche Kasperletheater: warum muss (natürlich wider besseres Wissen, gleichsam als rhetorische Zwangshandlung) den LINKEN unterstellt werden, sie seien nur an einfachen Formeln interessiert, würden also nur der Heldenverehrung das Wort reden?

Kein Wunder, dass sich Gossmann-Reetz dann am Ende von der Idee, dass man überhaupt mit Gedanken und Argumenten berühren und überzeugen könnte, verabschiedet, es gebe nur Meinungen, die alle nachvollziehbar und legitim sind. Klar, dass man dann nicht miteinander reden oder einander zuhören, sondern nur Standpunkte austauschen muss. So ist es um die Diskussionskultur der Hohen Neuendorfer SVV bestellt.

Und deswegen ist auch ein Bürgerbegehren vielleicht doch keine schlechte Idee.

Von K.P. am 11. Februar 2012 keine Kommentare

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Ein Schlüsselereignis der politischen Beziehung zwischen SPD und KPD in der Weimarer Republik war der 1. Mai 1929.

Der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel hatte in Berlin Demonstrationen im Freien und öffentliche Umzüge verboten, nur geschlossene Veranstaltungen am Tag der Arbeit waren erlaubt. Der Grund: nach radikalen Parolen der KPD wurden gewaltsame Aueinandersetzungen befürchtet.

Die KPD-Führung mißachtete das Verbot und steuerte bewußt auf eine Machtprobe mit der Polizei zu. Es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen der Kommunisten. Der Polizei wurde später der Vorwurf gemacht, mit übermäßiger Härte reagiert zu haben. (Quelle: Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in einem Arbeiterbezirk.)

Die Folge waren Straßenkämpfe, die in Wedding und Neukölln mehrere Tage lang immer wieder aufflammten. 31 Menschen wurden getötet, 36 zum Teil schwer verletzt. Die meisten Getöteten hatten mit den Straßenschlachten unmittelbar nichts zu tun.

Nur wenige Wochen später tagte der XII. Parteitag der KPD in den Weddinger Pharussälen, Müllerstraße 142.

Im Parteitagsreferat machte der KPD-Vorsitzende Thälmann allein den Staat für die Mai-Ereignisse verantwortlich. Besonders die politisch Verantwortlichen in der Stadtverwaltung, die Sozialdemokraten, wurden als Sozialfaschisten diffamiert. (Quelle: Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in einem Arbeiterbezirk.)

Von K.P. am 30. Januar 2012 keine Kommentare

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Mit einer Geschichtspolitik, die an die Nachwendejahre erinnert, spielt die Brandenburger CDU der DDR-Nostalgie weiterhin die Trümpfe zu, schreibt Conrad Menzel in einem Kommentar der Wochenzeitschrift Freitag. Hohen Neuendorf sei Ludwigs Musterschüler.

Deutlich wird, wie wenig die (Lokal-)Posse auf dem Mist der Hohen Neuendorfer CDU gewachsen ist, für Drehbuch und Regie zeichnet die Brandenburger Parteizentrale verantwortlich. So kam es denn, dass unsere Kommunalpolitiker, die ja nicht erst seit gestern in Hohen Neuendorf leben, mit einem Mal bemerkten, dass der Platz am Bahnhof nach Ernst Thälmann benannt ist:

Die Brandenburger CDU-Vorsitzende Saskia Ludwig lässt derzeit mit einer Kleinen Anfrage erörtern, ob und wie viel DDR sich zwischen Senftenberg und Prenzlau über die Zeit gerettet hat. Die CDU in Hohen Neuendorf brachte kurz darauf einen Antrag zur Umbenennung des Ernst-Thälmann-Platzes durch.

Die sachliche Problematik dieser Geschichtspolitik beschreibt Conrad Menzel so:

Wer sich erinnert, ruft Gespeichertes ab und verknüpft dieses mit seiner Gegenwart. Erinnerung braucht Anknüpfungspunkte. Die Erinnerungskultur der Nachwendejahre, deren wesentliches Merkmal es war, schnellstmöglich Abstand zur DDR zu gewinnen, hat Begriffe aus den Wortschätzen sowie Gebäude und Straßennamen aus den Stadtbildern radiert. Mitunter als Entwertung von Biografie empfunden, war es auch Verlust kultureller Identität. Wenn Konfrontation mit der eigenen und kollektiven Vergangenheit nicht möglich ist, weil die Anknüpfungspunkte verschwinden, wird als Nebenwirkung dieser Aufarbeitungspolitik aus Erinnerung verklärte Nostalgie. Daran sollte man die Brandenburger CDU vielleicht erinnern, bevor sie wieder zu den geschichtspolitischen Mitteln der frühen Neunziger greift.

Wie immer, wenn drängende Probleme unter den Tisch gekehrt, versteckt und verheimlicht werden, kehren sie wieder. Im Artikel wird dann auch die traurige Pointe der Posse erwähnt: Die Eiche, die dort 1933 zu Ehren Hitlers gepflanzt wurde, steht künftig auf dem Müllheimer Platz, wie der Thälmann-Platz nun heißen wird.

Das ist geschichtspolitischer Slapstick.

Source: Thälmann weg, alles gut?

Von K.P. am 23. Januar 2012 keine Kommentare

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Gerhard Sennlaub, Lehrer, Schulrat und acht Jahre lang Schulamtsdirektor im Ennepe-Ruhr-Kreis, hat unter dem Titel "Die folgenreiche Errettung des Ludwig B." eine bermerkenswerte Geschichte der Brüderbewegung geschrieben.

Als später Nachfahre Ludwig Birkenstocks beschreibt der Autor, wie es zur religiösen Knechtung seiner Sippe kam. In einer auch literarisch anspruchsvollen Recherche schildert er den Aufstieg der fundamentalistischen Brüderbewegung im Arbeiterelend des frühen 19. Jahrhunderts. Schauplatz ist die „Sektenschlucht“ (Freiligrath)  an der Wupper, der deutsche bible belt.

An der Abschaffung der Armut und politischen Reformen war John Nelson Darby und Carl Brockhaus, dem englischen (An-)Stifter der Brüderbewegung und seinem deutschen Propheten, wenig gelegen, eher schon an der Abschöpfung des Elends zum Zwecke der Evangelisation und des Betriebs eines blühenden Verlagswesens.

In den Text montierte Interviews zeigen, wie unter den Sektierern der religiöse Zwang über Generationen gefestigt wird, institutionell und psychisch. Immer geht es um Autorität, Unterwerfung und Gehorsam, nie um christliche Liebe. Dass Gewalt als Mittel der Kindererziehung heute nicht anders als damals in evangelikalen Kreisen auf Grundlage der Bibel legitimiert wird, wundert nach der Lektüre nicht.

Eine Lesetipp für jeden, der sich über Geschichte und religiöse Ideen der Brüderbewegung informieren und einen Einblick in deren vor den Augen der Öffentlichkeit verborgene Strukturen gewinnen möchte. (In Hohen Neuendorf ist die Brüderbwegung in der Emmaus-Gemeinde organisiert und betreibt ein Altenheim.)

Das Buch liegt als PDF-Datei vor: Gerhard Sennlaub: Meine religiöse Knechtung.

Von K.P. am 23. Januar 2012 keine Kommentare

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Im Herbst 2009 hat die SVV die Verwaltung aufgefordert, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die Wikipediaartikel der Stadt Hohen Neuendorf und seiner Stadtteile qualitativ und quantitativ zu verbessern und somit positive Impulse für ein umfassendes Stadtmarketing zu setzen - und dabei gezeigt, dass sie die Wikipedia mit einem Hochglanzprospekt verwechselt.

Für solche Peinlichkeiten wird man natürlich prompt abgestraft:

Ich frage mich, wofür diese Haushaltsmittel benutzt werden sollen? Wikipedianer bestechen? Jemanden enstellen, der 12 Monate lang an dem Artikel schreibt? Klingt interessant. Wenn das Schule macht... Wikipedia als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ;) Der Artikel ist ganz ok, stimmt., Von lesenswert oder exzellent aber noch ziemlich weit entfernt.

Und insgesamt war das Vorhaben dann trotz eines ehrenamtlichen Medientechnikers wohl tatsächlich ein Rohrkrepierer.

Mal sehen, wie's weitergeht.

Von K.P. am 22. Januar 2012 keine Kommentare

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Fabian Dannenberg erzählt in der ZEIT, wie er als Deutsch-Guineer in Hohen Neuendorf aufwuchs.

Ich schließe die Augen. Und dann sehe ich mich – den Sohn einer deutschen Frau und eines guineischen Mannes – in der S-Bahn von Berlin-Frohnau nach Hohen Neuendorf in Brandenburg. Es ist 1992, und ich bin zehn Jahre alt. Jeden Tag fahre ich diese eine Station von der Schule nach Hause. Draußen gleiten die Felder von Stolpe vorbei, als mich auf einmal ein Schlag auf die Brust trifft. Drei Jugendliche stehen vor mir, sie tragen Anoraks und Kapuzenpullover. Neonazis.

Entscheidend ist nicht, ob die Neonazis zuschlagen oder nicht. Entscheidend ist, dass sie es jederzeit können.

Source: "Was willst du hier, Neger?"

Von K.P. am 21. Januar 2012 keine Kommentare

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Friedhelm Maier widerspricht in seinem persönlichen Beitrag zur Diskussion der These, Thälmann habe sich Hitler in den Weg gestellt. Im Kampf gegen die Republik hatten beide das gleiche Ziel – ihre Vernichtung. Im Wettlauf dorthin war Hitler nur schneller.

Es geht mir jetzt (erst einmal) nicht um eine Bewertung des Antifaschisten Thälmann, sondern um die Konsequenz aus der Tatsache, dass Thälmann gemeinsam mit den Nazis die Weimarer Republik bekämpft hat. Maier zieht daraus den Schluss: Man darf Ernst Thälmann neben Adolf Hitler durchaus als den anderen Totengräber der Republik bezeichnen.

Dieser Schluss hat nichts mehr zu tun mit den von Maier für die Debatte geforderten geschichtlichen Kenntnissen, sondern ist ein Stück historische Kolportage.

Denn Maiers Schluss führt (1.) zur Dämonisierung Thälmanns und (2.) zur Verdrängung der Schuld, die das deutsche Bürgertum und die politische Mitte an der Zerstörung der Weimarer Republik und der Machtergreifung Hitlers hatte.

Dämonisierung

An die Stelle seiner späteren Heroisierung als Arbeiterführer in der DDR tritt die Dämonisierung Thälmanns als Totengräber der Republik.

Der Untergang der Republik erscheint als das Werk zweier Männer, denn ins Dämonische verzerrt wird dabei natürlich auch Hitler. Historische Kausalität wird über alle Maße personalisiert; das hat u.a. zur Folge, dass Fragen nach verantwortlichen Traditionen, Institutionen und Strukturen, also nach objektiven Ursachen für den Untergang, nicht mehr sinnvoll gestellt werden können.

Auch werden Differenzen in der kommunistischen Opposition nicht einmal mehr zur Kenntnis genommen, alles wird über den Kamm der Sozialfaschismustheorie geschert; die Dämonisierung der historischen Person Thälmanns delegitimiert, ob Maier das nun will oder nicht, jeden kommunistischen Widerstand.

(Das häufig verwendete Bild der Totengräber ist ohnehin befremdlich schrägt. Der Totengräber schaufelt ja das Grab des Verstorbenen, und die Weimarer Republik ist gewiss nicht an Hitler oder Thälmann gestorben. In der Metapher steckt ein Stück magisches Denken: es sei der Totengräber, der, indem er das Grab schaufelt, gleichsam den Tod beschwört. Diese Magie tritt vermutlich immer da auf, wo historische Prozesse zu sehr personalisiert werden.)

Schuldfrage

Letztlich wird Thälmann sogar zum Alleinschuldigen am demokratischen Versagen der Weimarer Republik, ist es doch, so müsste man die Argumente MaierS zu Ende denken, seine These vom Sozialfaschismus, die zum Bündnis der Kommunisten mit den Nazis geführt hat und Hitler so gestärkt hat, dass der Opposition keine Chance blieb.

Die Dämonisierung Thälmanns ist also weit davon entfernt, uns zu geschichtlichen Kenntnissen in der Debatte zu verhelfen, sondern legt im Gegenteil eher die Voraussetzungen und Werte frei, die Maiers Argumente prägen. Sie erzählt die Geschichte (oder den Mythos) von den beiden totalitären Extremen, die die Demokratie zerstört hätten.

So kann, indem Thälmann dämonisiert wird, bürgerliche und sozialdemokratische Politik von aller Schuld freigesprochen werden.

Von K.P. am 18. Januar 2012 keine Kommentare

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Aus der SPD Hohen Neuendorf hat jetzt Friedhelm Maier einen Beitrag zur Thälmann-Diskussion veröffentlicht. Leider kommt der Beitrag zu spät, denn die politischen Konsequenzen wurden ja längst gezogen, der Thälmannplatz wird nach der Partnerstadt Müllheim benannt.

Zwar kritisiert Friedhelm Maier in seinem Aufsatz nun, dass vor der Entscheidung in der Stadtverordnetenversammlung eine öffentliche Auseinandersetzung über die Person Ernst Thälmanns fehlte, doch auf die Idee hätte man früher kommen können. Stand eine solche Debatte in der SPD überhaupt zur Diskussion?

Hätte die SPD tatsächlich Lust an einem sachlichen und ausführlichen Diskurs gehabt, die Gelegenheit war da, allerdings wurde die Vertagung des Antrags in den Stadtentwicklungsausschuss abgelehnt. Das Argument: die Meinungen stünden fest und deswegen sei eine Debatte sinnlos. Das war ein Armutszeugnis parlamentarischer Kultur, wie so oft in Hohen Neuendorf wurde eine Chance durch politisches Theater verpasst.

Das Thema der Ausschusssitzung hätte öffentlich bekannt gemacht werden können, Friedhelm Maier hätte seine Argumente vorbringen können, sicher hätten sich auch weitere BürgerInnen zur Sache äußern mögen. Denn es ist ja nicht so, wie Ihre Gossmann- Reetz schreibt, dass die Debatte nur viele Emotionen geweckt hätte; die BürgerInnen der Stadt hätten auch zur Sache einiges zu sagen gehabt, nicht nur die SPD kann mit geschichtlichen Kenntnissen aufwarten. Man hat sie aber nicht hören wollen. Schade, dass das nicht passiert ist. Wenn man tatsächlich seitens der Befürworter der Umbennennung an einer Diskussion und nicht an bloßer Geschichtspolitik interessiert gewesen wäre, hätten Vorbilder für eine demokratische und transparente Diskussionskultur leicht gefunden werden können, z.B. in Münster.

Der SPD- Ortsverein hat sich im vergangendem Jahr sehr intensiv und ausführlich sowohl mit den Thema Straßen(um)benennung, als auch mit der Person Thälmann beschäftigt. Aber warum wurde die Gelegenheit nicht genutzt, die BürgerInnen wenigstens über die Meinungsbildung zu informieren? Vielleicht interessiert die WählerInnen ja, was die sie repräsentierenden PolitikerInnen denken? Doch an Aufklärung war niemand interessiert, sondern am politischen Coup. Die Partnerstadt wird jetzt mit einem Platz gewürdigt, in dessen Mitte eine Adolf Hitler geweihte Eiche steht.

Würdigung und/oder Erinnerung

Straßenbenennung und -umbenennung ist ein geschichts- und gedächtnispolitischer Akt, ein Instrument politischer Gedächtnis-Lenkung, so der Literaturwissenschaftler Alexander Honold. Friedhelm Maiers zentrales Argument, mit er die Straßenumbenennung begründet, lautet ganz in diesem Sinne, dass die Namensgebung einer Straße als Würdigung und Ausdruck der Hochachtung verstanden werden muss.

Selbstverständnis einer demokratischen Gesellschaft ist die in der Benennung eines öffentlichen Platzes zum Ausdruck kommende Würdigung

Das ist allerdings nicht so selbstverständlich wie es den Anschein hat. Man kann das Problem auf die Alternative bringen: Erinnerung oder Würdigung?

Zwischen den beiden Polen wird man sich nicht entscheiden müssen; allerdings ist die Verabsolutierung der Würdigung, für die Maier zu plädieren scheint, immer auch ein Akt der geschichtspolitischen Verdrängung. Maier zeigt, dass Thälmann als Anti-Faschist keine Ehrung verdient hat. Doch selbst wenn das der Fall sein sollte, spricht das noch nicht für die Umbenennung.

Die Verkürzung der historischen Perspektive auf die Würdigung führt dazu, dass im Stadtraum geschichtlich nur solche Traditionszusammenhänge hergestellt werden, die Aussagen über die jeweilige Gegenwart ermöglichen. Sind die Straßen einer Stadt ein kultureller Gedächtnisrahmen, so erblicken wir in diesem Spiegel allein noch uns selbst. Aus dem Stadtbild verschwindet, was nicht ins schmale Korsett einer Geschichte passt, die offensichtlich ganz eindimensional als Fortschritt zur Demokratie konzipiert werden soll.

An diesem Punkt, finde ich, fängt die Geschichtspolitik an ideologisch zu werden. Das Straßenverzeichnis einer Stadt muss kein Hochglanzprospekt sein. Und es ist tatsächlich so: wenn in den Namen öffentlicher Plätze und Straßen nur die Hüter unserer demokratischen Verfassung zum Ausdruck kommen sollen, dann muss man sich nicht nur über die Goethe gewidmeten Straßen ein paar Gedanken machen.

Warum also nicht eine historische Persönlichkeit wie Thälmann im Stadtbild erinnern? Die Konstellation auf diesem Platz (und auch die Bahngleise sind nicht unschuldig) wäre ein tatsächlich einmalige Chance gewesen. Dazu kommt, dass auch unser demokratisches Selbstverständnis ja keineswegs fixiert ist, sondern immer wieder neu ausgehandelt werden muss, politisch und kommunikativ. Und wer von Thälmann nichts weiß, kapiert von der neueren deutschen Geschichte weniger. Christa Wolf hat ihren Einspruch gegen das Tabu so formuliert:

daß wir (...) uns selber abtrennen von einem riesigen, folgenreichen Gebiet des europäischen Denkens und Handelns und uns ein verhängnisvolles Tabu verordnen, indem wir alle Kommunisten zu Verbrechern erklären

Eine mündige Gesellschaft kann in ihrem Stadtraum auch denen ins Auge blicken, die ihre Gegner waren. Die Dämonisierung Thälmanns aber trägt höchstens zur Faszination des in der DDR inszenierten Mythos bei.

Wie gesagt, z.B. in Münster hat man ernsthaft diskutiert (PDF), in diesem Fall über den Umgang mit dem Straßennamen Hindenburg:

Wenn die historischen und geschichtspolitischen Argumente überwiegend für einen kritischen Umgang mit dem Straßennamen Hindenburg sprechen, bleibt die Frage, welche Form des öffentlichen Umgangs sich aus dieser Einsicht ableiten lässt. Eine Entsorgung der Vergangenheit durch die bloße Abnahme der entsprechenden Straßenschilder ist mit Sicherheit der falsche Weg; die historisch‐politische Aufklärung über die Rolle Hindenburgs, auch in Kurzform, unter einem bestehenden oder zu verändernden Straßenschild ist allemal vorzuziehen.

Ganz gleich, wie sie ausgeht, eine entsprechende öffentliche Debatte über Hindenburg und die Hindenburg‐Ehrung hätte eine aufklärerische Funktion. Die alternativen Lösungen, die bisher diskutiert wurden, sind allerdings nicht ohne Widersprüche. Bliebe der Straßenname Hindenburg erhalten und würde nur mit einer zusätzlichen Schrifttafel auf die historische Rolle Hindenburgs verwiesen, dann drohte diese Form der historischen Aufklärung in der öffentlichen Wahrnehmung den Kürzeren zu ziehen, weil der Beibehaltung des Namens das größere Gewicht zukäme und weil Erinnerung stets auch mit affektiven, ins Persönliche gehenden Haltungen und Wahrnehmungen verbunden ist, die stärker sind als andere, kritische Einsichten. Die umgekehrte Lösung, nämlich den Straßennamen zu ändern und den an den bisherigen Namen durch ein Zusatzschild zu erinnern, dürfte nicht verschweigen, was sich mit der einstigen Namensgebung verband und welche Motive bei der Ehrung wie bei der Umbenennung bestimmend waren. Bei beiden Varianten bestünde die Chance, aus der Geschichte von Straßennamen so etwas wie ein begehbares Geschichtsbuch zu machen, wohl wissend, dass Geschichtsbewusstsein immer auch zeitgebunden und ambivalent ist.

Ein solche ernsthafte Diskussion hat der Antrag der CDU verhindert; die anderen Stadtverordneten, auch die der SPD, hätten die Posse verhindern können.

Von K.P. am 18. Januar 2012 keine Kommentare

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Sieht man sich den Artikel genauer an, in dem Manuel Seibel, eifriger Prediger der geschlossenen Brüder, die Gewalt gegen Kinder auf ein biblisches Fundament stellt, lässt sich zeigen, wie sehr Gewalt im Zentrum der christlich-fundamentalistischen Weltanschauung steht.

In §1631 des BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) wird Kindern das Recht auf gewaltfreie Erziehung garantiert. Für Christen sei das pädagogische Ziel der Herr Jesus Christus selbst. Doch stellt Manuel Seibel in seinem Plädoyer für den maßvollen und bewussten Einsatz der Rute fest, dass Kinder auf Basis des deutschen Rechtsstaates gar nicht mehr und erst Recht nicht christlich, also im Sinne der Bibel, erzogen werden könnten.

Wenn man den oben genannten §1631 weit auslegt, darf man Kinder überhaupt nicht mehr erziehen.

Ja, warum denn nicht? Wo sollte das Problem sein? Die Antwort ist einfach: weil Erziehung seiner Ansicht nach nur möglich ist unter Anwendung von Gewalt. Es gibt in seiner christlichen Welt keine gewaltfreie Erziehung. Seibels gesamte Argumentation (die in Wirklichkeit gar nicht aus Argumenten besteht, sondern aus wahnhaften Projektionen auf den Text der Bibel) kreist um ein Menschenbild, dass Erziehung überhaupt nur als Erzwingung von Gehorsam mittels Gewalt kennt. Manuel Seibels Text ist insofern exemplarisch.

Fundamentalistischer Geist

Seibels Rechtfertigung der Erziehung mit der Rute zeigt, dass die fundamentalistischen Christen durchaus über einen Kamm geschert werden können, die einzelnen (Glaubens-)Richtungen und Gemeinden stimmen in den entscheidenen Fragen überein. Gerade die geschlossenen Brüder legen ja nach außen großen Wert auf die Singularität ihrer einzelnen Gemeinden, obwohl sich natürlich zahlreiche Allianzen mit evangelikalen Gruppen im Inneren der Zirkel nachweisen lassen. Kritikern soll so der Wind aus den Segeln genommen werden, indem auf lokale Besonderheiten und vermeintlich grundlegende religiöse Differenzen verwiesen wird. Doch bei Seibel, der ständig von wir und uns spricht, wird deutlich, dass man sich nicht auf die spitzfindigen Diskussionen darüber einlassen muss, ob nun eine Bewegung wie die geschlossenen Brüder eine Freikirche sei, zu den evangelikalen Christen oder zur christlichen Allianz zähle. Solche Differenzierungen sind nicht hilfreich, wenn man verstehen will, wie der fundamentalistische Geist tickt. Charakteristisch ist die fundamentalistische Haltung, die den Text der Bibel als buchstäbliche Anweisung für praktisches Handeln nimmt, das zur Hetze gegen Homosexuelle, gegen die Gleichberechtigung von Frau und Mann, gegen den bürgerlichen Rechtsstaat, die gesamte europäische Aufklärung (und nicht nur gegen Darwins Evolutionslehre) und, wie man jetzt sieht, auch zur Hetze gegen die gewaltfreie Erziehung von Kindern führt.

(Diese Spitzfindigkeit gehört zur Logik der Sekten und ergibt sich geradezu mit Notwendigkeit aus dem bibeltreuen Zwang, nur die eigene Leküre der Heiligen Schrift als die wahre zu tolerieren und jeden auszuschließen, der anderer Meinung ist. Dieser fundamentalistische Geist der Intoleranz ist eine der Ursachen dafür, dass in Deutschland die freikirchlichen Gemeinden wie Pilze aus dem Boden schießen, denn hier will jeder Recht und das letzte Wort in Auslegungsfragen haben.)

Dem Vater gehorsam - die bibeltreue Familie

Seibel gibt mit seinem Artikel einen kleinen Einblick in die zwanghaften Strukturen bibeltreuen Familienlebens.

Alles dreht sich in diesen Familien um Gehorsam. Hier sind Väter für Kinder noch kleine Götter, sie müssen ihnen gehorchen, so wie sie Gott gehorchen sollen. Denn die Akzeptanz der väterlichen Autorität (von Müttern ist in diesem brutalisierten patriarchalischen Weltbild keine Rede) ist Voraussetzung des christlichen Glaubens. An ihren Vätern üben Kinder ihre Beziehung zu Gott.

Gott, unser Vater, richtet ohne Ansehen der Person. Christen als Väter und Eltern haben die Aufgabe, dieses Vater-Sein ihren Kindern auf der irdischen Eben zu vermitteln. Denn die Art und Weise, wir Väter mit ihren Kindern umgehen, prägt das Gottesbild dieser Kinder.

Alle Individualität und jeder Eigensinn wird in dieser patriarchalischen Welt dem kindlichen Leben ausgetrieben. Was die Väter angeht, so müssen sie ihren Kindern den christlichen Glauben ohne Ansehen der Person zu vermitteln. Dahinter steckt kaum verhohlen die Empfehlung, den Kindern bei der Züchtigung besser nicht ins Gesicht zu sehen. So wie das Anlitz des Anderen die Voraussetzung einer authentischen christlichen Ethik ist, so sehr trifft dessen Vernichtung den ideologischen Kern des fundamentalistischen Christentums und eines jeden Fundamentalismus überhaupt.

Logik der Gewalt

Erziehung müsse, darin wird man Seibel vielleicht sogar folgen, Grenzen setzen. Aber, so Seibel weiter, die Politik gibt Eltern keine Möglichkeiten mehr, diese Grenzen auch durchzusetzen. Dass das Gegenteil der Fall ist, zeigen alle Eltern, die ihre Kinder nicht schlagen. Doch Autorität kann sich Manuel Seibel als bibeltreuer Christ nur in Form von Gewalt vorstellen. Am Verbot von Gewalt muss deswegen jede bibeltreue Erziehung scheitern.

Damit stellt sich die Frage, inwieweit Eltern überhaupt noch eine Autorität besitzen, so dass sie einen Einfluss auf ihre Kinder in dem Sinn ausüben können, dass Kinder auch das tun, was ihre Eltern von ihnen erwarten.

Nicht Mündigkeit ist in der bibeltreuen Welt das Ziel der Erziehung, sondern Gehorsam, Unterwerfung unter das Wort des Vaters.

Wenn ein Kind nicht das möchte, was Eltern wünschen, haben Eltern nach heutigen Vorstellungen mancher Strömungen in der Politik kein Mittel mehr dagegen in der Hand. Denn sie müssen ja gewaltfrei erziehen, ohne körperliche Bestrafung und ohne seelische Verletzung. Unter anderen heißt es in einer Publikation des Bundesfamilienministeriums und des Bundesjustizministeriums (2003), dass durch die aktuelle Gesetzeslage jede Art von Gewalt (physisch, psychisch) untersagt ist. Mit anderen Worten: Wenn Kinder den Eltern gehorchen wollen, können diese den ihnen Anbefohlenen gut zureden und sie zu motivieren suchen. Wenn das Kind nicht will, muss es gar nichts. Es kann beispielsweise auch die ganze Nacht durchs Haus rennen und Krach machen – physische und psychische Gewaltanwendung ist untersagt. Sanktionen müssen gewaltfrei sein.

Dass sich Seibel Erziehung nur als Gewalt vorstellen kann, ist durchaus nachvollziehbar und fast zwingend notwendig. Denn mit Gewalt wird die bibeltreue Familie gegen Einflüsse von Außen verteidigt. Mit dem säkularen Leben wachsen die Bedrohungen, die Gewalt in der Erziehung von Kindern in fundamentalistischer Sicht unausweichlich werden lässt. Die patriarchalische Welt, von der bibeltreue Christen träumen, deren Frauen im Gespräch den Blick gesenkt halten, ist längst unwiderbringlich verloren. So wird körperliche Züchtigung in der Erziehung von Seibel geradezu als christliche Notwehr gegen die Dekadenz des westlichen Lebens gesehen. Kaum sind die Kinder im Kindergarten oder in der Schule mit der Welt in Berührung gekommen, treten die eigenen Überzeugungen an die Stelle des Gehorsams. Und dann hilft nur noch Gewalt:

aber kaum, dass sie in Kindergarten oder Schule gelehrt werden, alles zu hinterfragen und ihre eigenen Überzeugungen auszuleben, nützt das beste Charisma nicht mehr weiter, wenn es keine Mittel gibt, Aufforderungen auch durchzusetzen.

Man kann sich die hilflosen Väter vorstellen .... Und wenn Seibel zu verstehen gibt, dass Gewalt nur das letzte Mittel in der Erziehung sein kann, so lässt sich auch leicht vorstellen, dass diese ultima ratio bald zum Alltag wird. Die Anlässe für Gewalt wachsen unaufhörlich ... denn Kinder folgen ja bekanntlich lieber begeistert den Ausschweifungen ihrer Phantasie als den trostlosen Buchstaben des biblischen Textes, den fanatische Prediger ihnen einbläuen möchten.

(Und man kann sich vorstellen, warum von Eltern in fundamentalistischen Kreisen home schooling immer wieder auf die Tagesordnung gebracht wird. Indem die Kinder aus der Schule genommen und weltlichen Einflüssen weniger ausgesetzt sind, wird auch der Zwang zur Gehorsamserzwingung durch Gewalt geringer.)

Von K.P. am 12. Januar 2012 keine Kommentare

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Bereits im Herbst 2010 hatte die Süddeutsche Zeitung (SZ) einen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht. Kindererziehung mit dem Rohrstock habe in fundamentalchristlichen Kreisen Konjunktur, schließlich stehe das so in der Bibel.

Es gebe

unter strenggläubigen Christen eine heimliche Kultur des Prügelns. Nicht nur mit der Hand, sondern mit der Rute. Denn: Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn bald heißt es in der Bibel (Sprüche 13,24). Und Rute und Strafe gibt Weisheit; aber ein Knabe, sich selbst überlassen, macht seiner Mutter Schande. (Sprüche 29,15). Die Eltern, die diesen Worten folgen, gehören Glaubensgemeinschaften wie den evangelikalen Freikirchen und den Zeugen Jehovas an, welche die Bibel wörtlich nehmen, und in denen Zweifel am Wort Gottes als Einflüsterungen Satans gelten.

Natürlich schlagen nicht alle Eltern in diesen Gruppen ihre Kinder, doch sei Gewalt zur pädagogischen Züchtigung, so wird ein Aussteiger zitiert, in den evangelikalen Freikirchen weitgehend akzeptiert. Sie sei das Haupthilfsmittel der Eltern, den Kindern das Gericht Gottes zu verdeutlichen - und später die Gnade Gottes.

Auch die Süddeutsche Zeitung verweist auf das mittlerweile vergriffenen Buch Eltern - Hirten der Herzen des US-Pastors Tedd Tripp.

Wenn dein Kind nicht gehorcht, muss es diszipliniert werden, rät Tripp und meint damit den Einsatz der Rute. Nach der Disziplinierung sollte man das Kind auf den Schoß nehmen und umarmen. Und wenn das Disziplinieren nicht die Frucht des Friedens und der Gerechtigkeit hervorgebracht hat, erklärt Tripp dem geprügelten Nachwuchs: Wenn nötig, müssen wir noch einmal nach oben gehen. Eltern, die Angst haben, angezeigt zu werden, empfiehlt Tripp: Wenn Großeltern oder andere Verwandte gegen körperliche Züchtigung eingestellt sind, sollte man dafür sorgen, dass sie nicht in ihrem Beisein geschieht.

Weit davon entfernt, Abscheu zu erregen, werden diese Anleitungen zur Kindesmisshandlung und -entwürdigung von fundamentalistischen Kreisen im Internet mit Applaus bedacht:

Manche Leser des Buches kommentieren seine Empfehlungen im Internet begeistert - und weisen darauf hin, dass der Gebrauch der Rute ja nicht als Gewaltakt zu sehen sei. Schließlich sagt der Autor eindeutig, dass man nicht nach Lust und Laune auf die Kinder eindreschen dürfe - oder aus den falschen Gründen.

Source: Liebe geht durch den Stock

Von K.P. am 12. Januar 2012 keine Kommentare

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Kurz vor Weihnachten hat der NDR über evangelikale Erziehung mit der Rute berichtet. So empfehlen einige christliche Erziehungsratgeber, Kinder mit körperlicher Gewalt zu züchtigen, auf Vortragsreisen durch Niedersachsen vertreten evangelikale Prediger diese Haltung.

So hatte Wilfried Plock, christlicher Prediger und Leiter eines Zusammenschlusses von mehr als 200 Gemeinden in Deutschland, der Konferenz für Gemeindegründung (KfG), in einem Vortrag erklärt:

Es gibt einen extra von Gott gepolsterten Platz mit vier Buchstaben: P-O-P-O. Da kann man Kinder unter Umständen hinschlagen, auch mit einer Rute.

In evangelikalen Kreisen kursieren auch Bücher und DVDs mit entsprechenden Erziehungstipps. Der amerikanische Autor Tedd Tripp rät, Kinder körperlich zu züchtigen, also zu schlagen. Sein Buch Eltern - Hirten der Herzen sei laut dem deutschen Verleger mittlerweile vergriffen - zu kaufen sind aber noch CDs und DVDs mit Mitschnitten von Vorträgen, die er in Gemeinden in Deutschland gehalten hat.

Schon Ende der 90er-Jahre hatte eine Enquete-Kommission des Bundestags festgestellt, dass in christlich-fundamentalistischen Gemeinden eine mitunter deutliche Befürwortung disziplinierender, körperlicher Züchtigungen verbreitet sei. Und der Kriminologe Christian Pfeiffer kam dieses Jahr in einer Studie zu dem Ergebnis, dass Kinder in evangelikalen Freikirchen besonders häufig geschlagen werden.

Rechtfertigung von Gewalt durch die Bibel

Legitimiert wird die Gewalt gegen Kinder durch die Bibel.

Für evangelikale Christen ist die Bibel Grundlage für alle Lebens- und Glaubensfragen. Sie leiten strenge Lebensregeln daraus ab. Abtreibung zum Beispiel lehnen sie entschieden ab. Sie machen sich für Ehe und die klassische Familie stark, Homosexualität gilt als Sünde.

So werden Stellen der Bibel als Verhaltensanweisungen buchstäblich auf die heutige Zeit übertragen.

Ein Beispiel: Wer seine Rute schont, hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, züchtigt ihn beizeiten (Spr 13,24).

Auf Anfrage des NDR hatte auch der Verleger der CD von Tedd Tripp auf die Bibel verwiesen. Sie spreche eindeutig von der Notwendigkeit und Nützlichkeit der Zucht.

Source: Kinder schlagen im Namen Gottes

Von K.P. am 09. Januar 2012 keine Kommentare

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Die Antifa Gruppe Oranienburg verzichtet auf ihren Jahresrückblick und widmet sich dem Phänomen der FDP Ober­ha­vel, über das man Witze machen, das man aber auch analysieren kann. Denn auch nach dem Verschwinden der FDP von der politischen Bildfläche wird dieser politische Typus weiter in Erscheinung treten.

Um ihn zu studieren, muss man sehen,

wie weit weg die FDP von de­mo­kra­ti­schen Grund­wer­ten und der hoch­ge­schätz­ten frei­heitlichen de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung ent­fernt ist

Die national-liberale Komponente

Diese Entfernung lässt sich zum einen durch die nationalistische Komponente der FDP messen, denn die FDP ist und war schon immer eine (rechts)po­pu­lis­ti­sche Par­tei. Und Hand in Hand geht in Oberhavel die Bekämpfung eines vermeintlichen Linksextremismus und die Ver­harmlo­sung des his­to­ri­schen wie neuen Na­tio­nal­so­zia­lis­mus.

Ak­tu­ell schießt sich dabei der Lan­des­pres­se­spre­cher der FDP und Ab­ge­ord­ne­te von Hohen Neu­en­dorf, Chris­ti­an Er­hardt-​Ma­cie­jew­ski selbst ins Aus. In einer harm­lo­sen De­bat­te um die Na­mens­än­de­rung des Ernst-Thälmann-​Plat­zes in Hohen Neu­en­dorf zeig­te sich, dass er schein­bar keine Ah­nung von Ge­schich­te, kei­nen Re­spekt vor Frei­heits­kämp­fer*innen und Be­trof­fe­nen des Fa­schis­mus hat.

Wer (wie Chris­ti­an Er­hardt-​Ma­cie­jew­ski) Karl Marx und Rosa Luxemburg als faschistoide Personen bezeichnet, wird gar nicht erst darauf kommen, sich mit den Leichen im eigenen Keller zu beschäftigen. Die Antifa-Gruppe erinnert mit Recht an Friedrich Naumann, Sozialdarwinist, unbestritten ein Fan von Mi­li­ta­ris­mus und Ko­lo­nia­lis­mus. Wenn der geistige Horizont nicht über Milton Friedman hinausreicht, fehlt allerdings zur Inspektion des eigenen Kellers die Orientierung.

Die (neo-)liberale Plattitüde

Zum anderen bemisst sich die Entfernung der FDP von de­mo­kra­ti­schen Grund­wer­ten (und unserer Verfassung) durch das, was man die (neo-)liberale Plattitüde nennen könnte.

Der ständige Verweis auf den Markt als Lösung der wesentlichen politischen und sozialen Probleme soll alle Fragen nach Gerechtigkeit und Gleichheit verstummen lassen. Das Auf und Ab der Börse ist, was Blitz und Donner dem mythischen Bewusstsein waren: göttliche Mächte, denen sich das bürgerliche (Selbst-)Bewusstsein unterwirft. Das ist die geistig-moralische Wende, die der (Neo-)Liberalismus vollziehen möchte. Das letzte Wort hat der blinde Selbstvollzug des Kapitals.

Mehr Netto vom Brutto - es scheint, als sei die Formel, mit der die FDP bei der Bundestagswahl 2009 über 14% gewinnen konnte, das letze Wort liberaler politischer Theorie in Deutschland. Sie bringt auf den Punkt, was in liberalen Perspektiven intellektuell noch erwartet und gedacht werden kann.

Kein Wunder dann, dass im Kreis Oberhavel wie in Hohen Neuendorf politisch von der FDP nicht eine bedeutende Initiative ausgegangen ist. Denn Beute ist hier nicht groß zu machen. Nicht nur lokal- und landespolitisch führt der (neo-)liberale Nihilismus dazu, die FDP in die verdiente Bedeutungslosigkeit zu versenken.

Von K.P. am 06. Januar 2012 keine Kommentare

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Über die Umbenennung des Thälmann- in Müllheimer Platz berichtet auch die Badische Zeitung.

Manche stimmen zu, nennen die Kritiker "Betonköpfe", bei denen "die Diktatur des Proletariats immer noch in den Köpfen fest verankert ist". Andere können den Vorgang nicht nachvollziehen. Inzwischen ging auch ein Offener Brief an die Müllheimer Stadträte und -rätinnen. Ein Bürger aus der Nachbargemeinde Birkenwerder, Gründungsmitglied der Ostberliner SDP, informiert darin die örtlichen Kommunalpolitiker über den Beschluss, aber auch über die Proteste. Er hält den Vorgang für schädlich für die Partnerschaft, wie sein abschließender Satz offenbart. Er wisse, dass das Geschehen nicht in Müllheimer Verantwortung liege. Dennoch solle man auch hier bedenken, dass die Namensauslöschung von Ernst Thälmann den neuen Namen des Platzes auf Dauer politisch und moralisch belasten wird.

Die Hohen Neuendorfer SPD sieht das bekanntlich anders und hat, wie es aussieht, auch keine Probleme, sich mit Christian Erhardt-Maciejewski (FDP) zu arrangieren, dem es gelungen ist, in der Diskussion durch unerträgliche Pöbelei auf sich aufmerksam zu machen.

Inzwischen habe auch die Diskussion darüber begonnen, welche geschichtliche Bedeutung Ernst Thälmann hat.

Einige Leser weisen daraufhin, dass Thälmann zu DDR-Seiten zwar als eine Ikone aufgebaut worden sei, ihn jetzt aber für Demokratieverstöße und politische Vergehen in der DDR verantwortlich zu machen, sei fehl am Platz. Ernst Thälmann war von 1925 bis 1933 Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands, er hatte früh vor dem Faschismus gewarnt. 1933 wurde er von der Gestapo verhaftet und 1944 im KZ Buchenwald erschossen. Dieser Beschluss stärke die "Geschichtsblindheit", die Fahrlässigkeit im Umgang mit historischen Persönlichkeiten, meint ein Leserbriefschreiber aus Glienicke.

Das alles zeigt, dass Diskussion und Aufklärung nötig ist. Die Mehrheit der Stadtverordneten in Hohen Neuendorf hatte an beidem leider kein Interesse, ein Antrag auf die weitere Erörterung des Themas im Stadtentwicklungsausschuss wurde abgelehnt. Dort wären dann nämlich Argumente und historisches Wissen gefragt.

Source: Ärger in der Partnerstadt: Aus dem Thälmann- wird der Müllheimer Platz

Von K.P. am 04. Januar 2012 keine Kommentare

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Der Pressesprecher der Brandenburger FDP und Hohen Neuendorfer Stadtverordnete Christian Erhardt-Maciejewski hat (Märkische Allgemeine, 23.12.2011) den aus einer jüdischen Familien stammenden Karl Marx und die von Freikorpstruppen im Auftrag der SPD-Führung ermordete Jüdin Rosa Luxemburg als "faschistoide (...) Personen" bezeichnet.

Die Zusammenarbeit der SPD in der SVV mit der FDP bleibt trotzdem bestehen. Die Fraktion hat der weiteren Zusammenarbeit mehrheitlich (also wohl immerhin nicht einstimmig) zugestimmt.

Es hätten die SPD Mitglieder einerseits deutlich gemacht, dass eine derartige Verunglimpfung nicht geduldet werden könne. Andererseits:

Herr Erhardt- Maciejewski hat betont, dass seine Aussagen unbedacht und falsch waren und dass eine Diffamierung von Demokraten von ihm nicht gewollt war.

Das heißt nichts anderes als: Menschen, die keine Demokraten sind, können nach Belieben diffamiert werden. (Und wer Demokraten sind, das entscheidet Erhardt- Maciejewski.)

Da Karl Marx und Rosa Luxemburg von Christian Erhardt-Maciejewski ja nicht als Demokraten bezeichnet werden, und ganz sicher auch keine demokratische Positionen im Sinne der deutschen Verfassung bezogen haben, können sie vom Pressesprecher der Brandenburger FDP weiter faschistoide (...) Personen genannt werden.

Jetzt mit Einverständnis der SPD Hohen Neuendorf.

Source: Zusammenarbeit in der SVV mit der FDP bleibt bestehen

Von K.P. am 04. Januar 2012 keine Kommentare

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Der Thälmannplatz am Hohen Neuendorfer S-Bahnhof soll in Müllheimer Platz umbenannt werden.

Die CDU will Geschichte aus dem Hohen Neuendorfer Stadtbild verdrängen und anti-faschistische Haltungen, die nicht ins Weltbild des (klein-)bürgerlichen Biedermeier passen, vergessen machen. Die Posse (bei der auch seriöse PolitikerInnen mitgespielt haben) hat absurde Konsequenzen: die Partnerstadt Müllheim wird jetzt mit einem Platz geehrt, in dessen Zenrum seit 1933 eine Adolf Hitler geweihte Eiche steht.

So schreibt Paul Jacob am 4. September 1935:

Am 7. Oktober 1933 wurde Gemeindevorsteher Jacob endgültig, die Schöffen (...) neu eingeführt. Zu Ehren des Führers und Volkskanzlers Adolf Hiltler beschloss die neue Gemeindevertretung, den Platz an der Schönfließer-/Ecke Cäcilienstraße als ,Adolf-Hitler-Platz’ zu bezeichnen und auf dem Platz, eine ,Adolf-Hitler-Eiche’ zu pflanzen.

Seit wann gibt es den Thälmann-Platz?

Auf einem Stadtplan, der auf den 1. Juli 1946 datiert ist, wird der Thälmannplatz verzeichnet, gut drei Jahre vor Gründung der DDR. Fragt sich, wann genau der Platz nach 1945 in Ernst-Thälmann-Platz umbenannt wurde.

In einem der Berichte an die sowjetische Kommandantur ist für den Berichtszeitraum vom 1. bis 13. Juli 1945 zu lesen: Gleichzeitig werden in den Außenbezirken Hohen Neuendorfs Straßenschilder mit faschistischen Namen entfernt und durch alte beziehungsweise neutrale Namen ersetzt.

Daraus folgt allerdings nicht, dass der Platz gleich nach Thälmann benannt wurde.

Source: Thälmannplatz: In alten Dokumenten geblättert

Von K.P. am 04. Januar 2012 keine Kommentare

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Der Pressesprecher der Brandenburger FDP und Hohen Neuendorfer Stadtverordnete Christian Erhardt-Maciejewski hat (Märkische Allgemeine, 23.12.2011) den aus einer jüdischen Familien stammenden Karl Marx und die von Freikorpstruppen im Auftrag der SPD-Führung ermordete Jüdin Rosa Luxemburg als faschistoide (...) Personen bezeichnet.

Bis jetzt ist nicht bekannt, dass Erhardt-Maciejewski seinen Sitz in der Hohen Neuendorf Stadtverordnetenversammlung aufgegeben hat.

Source: FDP-Sprecher im Kampf gegen "faschistoide Personen"

Von K.P. am 23. Dezember 2011 keine Kommentare

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Als Geister, als lebende Tote, wandern die Gestalten deutscher Geschichte durchs Werk Heiner Müllers. In der ersten Szene Nächtliche Heerschau seiner Germania 3 lässt er Ernst Thälmann und Walter Ulbricht an der Berliner Mauer zusammenkommen.

Nacht Berliner Mauer Hohen Neuendorf an der Adolf-Hitler-Eiche Thälmann und Ulbricht auf Posten.

Thälmann: Das Mausoleum des deutschen Sozialismus. Hier liegt er
begraben. Die Kränze sind aus Stacheldraht, der Salut wird
auf die Hinterbliebenen abgefeuert. Mit Hunden gegen die
eigene Bevölkerung. Das ist die rote Jagd. So haben wir uns
das vorgestellt in Buchenwald und Spanien.

Ulbricht: Weißt du was Bessres.

Thälmann: Nein.

IM HINTERGRUND BELLEN DEUTSCHE SCHÄFERUNDE AN DER BERLINER MAUER

(Streichungen und gelbe Passagen von K.P.)

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