Ich habe bereits auf die bemerkenswerte Geschichte der Brüderbewegung verwiesen, die Gerhard Sennlaub als Geschichte seiner Rettung aus christlich-fundamentalistischer Verknechtung geschrieben hat.
In dem literarisch durchaus anspruchsvollen Text schildert er den Aufstieg der fundamentalistischen Brüderbewegung im Arbeiterelend des frühen 19. Jahrhunderts und fügt in die historische Erzählung oft ganz erschreckend traurige Interviews ein, die er mit Angehörigen der Brüderbewegung geführt hat, die auch drei und vier Generationen später sich kaum aus dem familiären Bann der religiösen (Zwangs-)Gemeinschaft lösen können.
Wie sieht er aus, der fundamentalistische Bibelglaube
(G. Sennlaub) der christlichen Brüderbewegung (oder Darbysten)? Sennlaub beschreibt ihn vor dem Hintergrund seiner Entstehung bis in die Gegenwart als psychische und soziale Zwangseinrichtung. Die Welt, das ist der Feind: Frauen, Homsosexuelle und Demokraten.
Ganz ähnlich habe ich vor gut einem Jahr die geistigen und sozialen Hintergründe der (geschlossenen) Brüderbewegung zu umreißen versucht, die in Hohen Neuendorf durch den Emmaus e.V. vertreten ist. Als Ergänzung und Beleg dieser Skizze ist deswegen die folgende Montage von Zitaten aus Sennlaubs (Erinnerungs-)Arbeit über die Die folgenreiche Errettung des Ludwig B.
zu sehen.
Historischer Hintergrund
Elberfeld - Geburt des christlichen Fundamentalismus im proletarischen Elend (um 1850)
Elberfeld dünstet geradezu Frömmigkeit aus. Freiligrath schimpft über das „verdammte Muckernest“, die „Sektenschlucht“, das „vertrackte Traktätleinsthal“, das „verketzernd“ sei wie kein zweites. „Mit der Toleranz ist es hier nicht weit her.“
Inspiration Elberfelder Bibel aus dem Geist des Fanatismus
Endlich, im Jahre 1854, ist Mister Darby zum ersten Mal in Deutschland. Er kommt nach Elberfeld, eingeladen von Carl Brockhaus - und bleibt gleich den ganzen Winter über. Die beiden helfen zwei Altsprachlern und Glaubensgenossen bei der Neuübersetzung des Neuen Testaments. Bis auf den heutigen Tag wird diese Leistung anerkannt, und der Text ist nicht nur in „Versammlungen“ der einzig akzeptierte. Während seiner Elberfelder Zeit wird der Deutsche von dem herrischen, fanatisch konsequenten und zu Kompromissen unfähigen Engländer endgültig radikalisiert.
Lehre
Brüderbewegung
Wo er missioniert hat, hinterlässt er kleine Gemeinden, die er der Staatskirche abgepredigt hat und die sich schlicht „christliche Versammlungen“ nennen. Die sind nun weder lutherisch noch reformiert noch calvinistisch noch katholisch, sondern „dissidentisch“: andersgläubig. Und nach dem Männerbild des Paulus nennen sie sich „Brüder“. „Schwestern“ gibt es natürlich auch, aber die haben - wieder nach dem Vorbild des Paulus - nichts zu sagen und spielen in den Gemeinden bestenfalls eine Nebenrolle.
Wiedergeboren
Die erklären schlankweg alle Pastores im Lande und überhaupt alle Evangelischen für die wahren Sektierer, die Katholiken sowieso. Sie behaupten, die Lehre der Kirche sei nicht wahrhaftig. Sich selbst heißen sie „wiedergeboren“. Sie hätten nun, frohlocken sie, neben ihrer alten auch diese neue Natur, und die könne gar nicht mehr sündigen. Als „Bekehrte“ hätten sie den Heiligen Geist empfangen und seien „eins mit Christus“ geworden. Sie dürften sich deshalb mit Fug und Recht für Heilige halten (mit der angenehmen Folge, vor dem Jüngsten Gericht keine Angst mehr haben zu müssen).
Bibeltreu
Merk dir das: Wenn du nicht deine ewige Seligkeit riskieren willst, hast du jedes Wort für verbindlich zu halten. Kein einziges steht zufällig in der Bibel. Schon der geringste Zweifel ist Sünde.
Einzig wir haben, der Urkirche gleich, die Einheit der Lehre, wie Darby das durchsetzte. Die muss unter allen Umständen rein erhalten bleiben.
Versammlungen
Jede ist nämlich für die Reinheit ihrer Lehre selbst zuständig. Da genügt nicht eine Beitrittserklärung wie bei der Kirche oder irgendeiner Freikirche, sondern jeder Aspirant hat sich einem Verhör zu unterziehen, bei dem ausgesuchte „Brüder“ die Qualität seines Glaubens prüfen.
Erst, nachdem ihm die Ältesten einen im darbystischen Sinne „gesunden“ Glauben attestiert haben, lassen sie ihn zum „Tisch des Herrn“ zu: Er darf mit ihnen das Abendmahl nehmen, das in ihrer Sprache „Brotbrechen“ heißt.
Trennungen
Exkommunikation würden die Katholiken sagen. Aber bei denen muss man unendlich viel mehr falsch gemacht haben, bis es zum Letzten kommt. In Darbys Freikirche geschieht das regelmäßig und schon für scheinbare Kleinigkeiten, die für Nichteingeweihte unverständlich sind, bei denen es aber für Darbysten um Tod und Leben geht, weil es sich um Gottes pingelig genaue Anweisung für private Lebensführung handelt.
Die Welt (und Demokratie) als Feind
Welt
Nie wird einer im Theater gesichtet werden. Keiner flirtet oder unterhält auch nur freundschaftliche Beziehungen zu einem weiblichen Wesen. Interesse an Kultur und Politik gibt es nur bei denen, die noch nicht weit genug fortgeschritten sind. Von Goethe, Schiller und Storm bis Coopers Lederstrumpf und Karl May – allesamt „Welt“. Sie zu lesen wäre Sünde. Niemand hat andere als die vereinseigene erbauliche Lektüre aus dem Brockhaus-Verlag.
Ihre Worte trafen mich entsetzlich hart. Sie sagte, sie könne nicht verstehen, wie ich mich mit dem Jungen treffen könne, da ich mich doch für den Herrn Jesus entschieden hätte! Total verwirrt und verzweifelt setzte sich bei mir ein Gedanke fest: Wenn das Sünde ist, wenn Jesus mir das verbietet, wie soll dann mein Leben in seiner Nachfolge aussehen? Es gab keine freundschaftlichen Kontakte zur „Welt“.
Demokratie
das ganze Elend im Industriegebiet des Wuppertals komme einzig vom schlechten Glauben der Menschen.
Der betrachtet alle demokratischen Bestrebungen mit mildem Abscheu. Was hat die Gemeinde des Herrn Jesus mit Bürgerrechten zu schaffen? „Unser Bürgerrecht ist in den Himmeln!“
Dass man politisch etwas ändern müsse, um gegen das himmelschreiende Elend des Proletariats anzugehen, hält er für biblisch nicht begründet, in seiner Sprache: für „nicht schriftgemäß“.
Weil aber gegen Nationalismus kein Wort in der „Schrift“ zu finden ist, lässt sich die überwältigende Mehrheit von nationalsozialistischen Gefühlen mitreißen; manche ihrer Jungmänner marschieren bei der SA mit.
Finanzierung
Brockhaus - Finanzierung durch ein blühendes Verlagswesen
Denn nun beginnt des Brockhaus‘ große Zeit. Er eröffnet eine private Missionstätigkeit, gibt seine erste Zeitschrift für Erwachsene heraus, ist auf seinen Schwager bald nicht mehr angewiesen und lebt nur noch von Spenden seiner Zuhörer und Anhänger und vom Verkauf seiner Schriften.
Spenden für das Werk des Herrn nimmt er immer noch gern an, aber privat ist er weniger denn je darauf angewiesen, denn er ist ein wohlhabender Mann, und sein Verlag schreibt Jahr für Jahr fette schwarze Zahlen.
Hauptberufliche „Kolporteure“ verlassen das Gebäude mit Zentnern der schwarzen Bücher, „bedienen“ damit und mit geistlicher Fürsorge die von Carl erpredigten Gemeinden im ganzen Reich, lassen sich dafür mit Wurst und Schinken versorgen und mit Bargeld ausstatten und kommen nach ein paar Wochen mit den Abrechnungen der verkauften Bücher zurück.
Niemand hat andere als die vereinseigene erbauliche Lektüre aus dem Brockhaus-Verlag.
Des Vaters Erbe aber und die wirtschaftliche Macht dazu machen den Rudolf Brockhaus praktisch unangreifbar.
Strukturen
Macht ohne demokratische Kontrollen
Es gibt in der Welt der Versammlungen keine förmliche Hierarchie, weil die in der Bibel nicht vorgesehen ist. Dass die anerkannten Kapazitäten, „Lehrbrüder“ und „Reisebrüder“, sich um den Verleger Brockhaus scharen, der sie mit dem Handelsgut Bücher und Heftchen versorgt, der die Verbindung zwischen ihnen hält, bei dem sie einander treffen und von dem aus sie auf ihre Tourneen gehen, ist doch keine Hierarchie! Wenn dieser Kreis handverlesener „Brüder“ auf seinen vierteljährlichen „Konferenzen“ dafür sorgt, dass es in deutschen Versammlungen nach Gottes von Darby entdeckter und von Rudolf Brockhaus bewachter Wahrheit zugeht, kann es allenfalls auf verblendete Nicht-Brüder so wirken, als gäbe es „eine straffe, von Elberfeld ausgehende Führung“ (Kunz) oder eine „kettenfeste Vergliederung, die nicht einmal die Methodisten haben“ (Ischebeck). In Wahrheit ist natürlich jede Versammlung autonom und entscheidet ihre Angelegenheiten selbst wie weiland die Römer, Korinther und Epheser. Aber Rat wird man sich doch holen dürfen! Und dafür gibt es eben die „Lehr- und Reisebrüder“.
Niemand wird je bezeugen können, wer welche Fäden im Hintergrund zieht. Protokolle gibt es nicht. Wenn Gott Protokolle brauchte, hätte er das den Seinen an irgendeiner Stelle mitgeteilt. Aber die Vorstellung, dass einige Dutzend schwarzberockter älterer Männer aus allen Gauen des Reichs auf einer „Reisebrüder-Konferenz“ zusammensitzen, sehr wahrscheinlich im Elberfelder Brockhaus-Verlag, und dass Rudolf Brockhaus ihnen das Problem Adolf Birkenstock darstellt und sogleich auch die Lösung parat hat, kommt sicherlich der Wahrheit sehr nahe. Eine Entscheidung muss her. Zwischen den verschiedenen Versammlungen gibt es ein dichtes Netz von Beziehungen, Freundschaften und Bekanntschaften. Man trifft sich immer wieder auf so genannten Konferenzen, wovon unzählige Erinnerungsfotos mit viel Vordergrund und einer Hundertschaft winziger Figuren im Hintergrund noch heute zeugen.
Dabei kommt ihm zu Hilfe, dass es bei den „Brüdern“ weder demokratische Strukturen gibt (die kommen ja in der Bibel auch nicht vor) noch schriftliche Verträge - nur „brüderliche“ Absprachen.
Brüderstunde
Das ist bis auf den heutigen Tag eine Art beschlussfassender Vollversammlung. Ab etwa 30 Jahren darf jeder Mann teilnehmen, der „in Gemeinschaft“ ist, also die Abendmahlslizenz hat. Aber unter 40 traut sich kaum einer. In dieser VV wird über alle Angelegenheiten der Glaubensgemeinschaft entschieden, von der Reparatur des Fensterrollos über die seelsorgerliche Betreuung des Wackelkandidaten X bis zur Zulassung zum „Tisch des Herrn“, dem Abendmahl. Alle Teilnehmer sind vergattert, kein Wörtchen aus dieser Runde nach draußen zu tragen, an ihre Weiber zuletzt.
Mehrheitsentscheidungen kennt die Brüder-VV nicht.
Wenn es wenigstens ein Beschluss von Menschen wäre! Aber diesen hat schließlich der Heilige Geist eingegeben, und auch unser Herr Jesus saß dabei, unsichtbar natürlich, wie er es uns in Matthäus 18 versprochen hat, wenn wir uns in seinem Namen versammeln.
Seelischer Zwang
Angst (machen)
Dem Proletarier Birkenstock geht es doch wahrhaftig schon schlecht genug. Und nun macht ihm der ehemalige Lehrer auch noch klar, dass seine Existenz Gold ist zu dem, was ihm bevorsteht. Du, Ludwig, bist so durchseucht von Sünde, dass du keine Chance hast. Mach dich auf Schreckliches gefasst.
Auf vier Feldern haben sie mir Angst gemacht. Erstens natürlich vor der ewigen Verdammnis. Zweitens, dass ich mich zurückgelassen finden könnte, wenn der Herr die Seinen entrückt hätte. Drittens vor dem unwürdigen Essen und Trinken des Abendmahls, womit man sich selber um Kopf und Kragen esse und trinke („sich selber zum Gericht“: 1. Korinther 11.29). Viertens mit ihrem liebsten Thema, das aber immer nur mit düsteren Andeutungen und Umschreibungen behandelt wurde: der Sexualität.
Nicht die Sehnsucht nach der Liebe Gottes, sondern die so erzeugte Angst soll zum Motor der Umkehr werden.
Bekehrungserlebnis
Wir hatten schon als Kinder große Angst vor der Hölle, wenn wir kein Bekehrungserlebnis hätten.
Als ich Kind war, bedrängte mich Hildegard G. aus der Christlichen Buchhandlung so sehr, dass ich ein wunderschönes Bekehrungserlebnis erfand, so glaubwürdig, dass sie es mir abnahm und mich als Eingeweihte in ihre Arme schloss.
Diskriminierung der Frauen
Die Frauen der „Brüder“ sind in der Ehe leicht zu handhaben.
Denn bei den „Brüdern“ ist die Benachteiligung der Weiber sogar ideologisch zementiert.
Zuständig ist immer nur der Mann, das Oberhaupt der Familie.
Sie hat ja nach dem Gebot des Apostels Paulus zu schweigen „in der Versammlung“. Geredet wird nur auf der anderen Seite des Raums, bei den Männern. Nur die beten laut, nur die lesen aus der Bibel, nur die „legen das Wort aus“ und machen der Gemeinde Mitteilungen. Gegenüber, wo Hut an Hut die Frauen sitzen, wird allenfalls gehüstelt.
(„Versammlungs“-Frauen sind bis heute auch an ihren Frisuren erkennbar.)
Haare abschneiden war „Sünde“.
Gemeinschaftszwang und Überwachung
Achthaber der Brüderbewegung kommen prinzipiell unangemeldet, immer zu mehreren, beginnen selbstverständlich mit einem gemeinsamen intensiven Gebet und haben das Recht, das Innere der Woh- nung zu inspizieren. „Nicht schriftgemäße Bilder“ an der Wand, gar Bücher „aus der Welt“, erst recht heidnische Symbole wie Adventskranz und Weihnachtsbaum, unziemlich gekleidete Mädchen. (Als unziemlich gelten schon bloße Oberarme und hell bestrumpfte Beine.)
Das klappte vorzüglich. Man konnte kaum einen Schritt unbeobachtet tun.
Den Weihnachtsbaum zu Hause hat er weggeschafft, weil Brüder den bei einem “Habt-acht-aufeinander!“- Kontroll-Besuch mit Schaudern entdeckten.
Die Gebetsgemeinschaft in der „Versammlung“ (das nannte sich „vor Gott bringen“) wurde dazu missbraucht, das zu sagen, was man dem „Bruder“ nicht von Angesicht zu Angesicht sagen wollte.
Es war eine subtile Mischung aus Freiheit (für die meine Eltern standen) und Angst. Die schlimmsten Strafandrohungen der Bibel waren nichts dagegen, mit irgend etwas Verbotenem von „Brüdern“ erwischt worden zu sein.
In einer Gemeinschaft, wo einer den anderen fortwährend argwöhnisch beschnüffelt, ob auch nicht ein einziges falsches Wort seinem Munde entfleucht, wo Streitschriften, Spaltungen und wechselseitiges Ausschließen längst zum Tagesgeschäft gehören, ist die öffentliche Beantwortung kritischer Fragen höchst gefährlich.